Archäologen lösen Rätsel um steinzeitliches Artefakt

Video25. Juli 2016, 14:35
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40.000 Jahre altes Spezialwerkzeug diente der Herstellung von Seilen und Schnüren aus Naturfasern

Tübingen/Lüttich – Ein sorgfältig bearbeitetes Stück Mammutelfenbein von 20,4 Zentimetern Länge bereitete Experten Kopfzerbrechen: Archäologen um Nicholas Conard von der Universität Tübingen hatten den rund 40.000 Jahre alten Gegenstand bei Ausgrabungen am "Hohle Fels" auf der Schwäbischen Alb ans Licht gebracht. Allem Anschein nach handelte es sich um eine Art Werkzeug – doch welchem Zweck mochte es gedient haben? Experimente an der Universität Lüttich in Belgien halfen nun dabei, das Rätsel zu lösen: Die Menschen der Altsteinzeit nutzten das Gerät, um damit Pflanzenfasern zu Seilen zu drehen.

Seile und Schnüre sind für Jäger- und Sammlerkulturen überlebenswichtig. Trotzdem wusste man bislang kaum etwas über ihre Herstellung in der Zeit vor 40.000 Jahren. Nur in Ausnahmefällen wurden Seilabdrücke in gebranntem Ton gefunden oder Darstellungen von Stricken oder Seilen auf eiszeitlichen Kunstwerken. Das von dem Team um Conard entdeckte Werkzeug lässt nun auch wichtige Rückschlüsse auf die Art der Seilherstellung in der Altsteinzeit zu.

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Video: Etwa so haben die Menschen vor 40.000 Jahren Seile hergestellt.

Das Werkzeug aus Mammutelfenbein ist mit vier Löchern von sieben bis neun Millimetern Durchmesser versehen, die jeweils tiefe und sorgfältig ausgearbeitete spiralförmige Einschnitte aufweisen. Diese sind mehr als nur Dekoration. Wurden ähnliche Funde in der Vergangenheit als Hebelgerät, Kunstwerk oder Musikinstrument interpretiert, zeigt das außerordentlich gut erhaltene Werkzeug nun die Funktionalität der Löcher. Archäologen um Veerle Rots konnte an der Universität Lüttich experimentell nachvollziehen, wie damit Pflanzen-fasern zu Seilen gedreht wurden. "Dieses Werkzeug beantwortet die Frage, wie im Paläolithikum Seile hergestellt wurden", sagt Rots, "ein Rätsel, das Wissenschafter für Jahrzehnte beschäftigt hat."

Werkzeug der ersten modernen Menschen Europas

Das Seilwerkzeug wurde bei Ausgrabungen in der Wohnhöhle der Altsteinzeit in den unteren Schichten aus der sogenannten Aurignacien-Periode gefunden, eines Abschnitts des Jungpaläolithikums. Wie die berühmten Venus-Figuren und die Flöten aus dem Hohle Fels, stammt das Werkzeug somit aus der Zeit vor 40.000 Jahren, als die ersten modernen Menschen in Europa ankamen. Für die vorher am Hohle Fels lebenden Neandertaler sind solche Funde gänzlich unbekannt. Das Artefakt unterstreicht, wie wichtig die Herstellung und Nutzung von Seil und Schnur für die darauf folgenden Jäger und Sammler war, um die Herausforderungen der Eiszeit zu bewältigen. (red, 25.7.2016)

  • Das Gerät aus Elfenbeinmammut ist außerordentlich gut erhalten. Im Laborexperiment zeigte sich, wofür es gut war.
    foto: universität tübingen

    Das Gerät aus Elfenbeinmammut ist außerordentlich gut erhalten. Im Laborexperiment zeigte sich, wofür es gut war.

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