Nina Simone: Das Tremolo des Widerstands

25. Juli 2016, 17:05
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Gerechter Zorn, ewige Kunst: Das Vinyl-Boxset "Nina Simone – The Philips Years"

Wien – Bereits als Kind zeitigte ihr Gerechtigkeitssinn Widerstand. Als Eunice Kathleen Waymon mit zwölf ihr erstes Konzert gab, sollten sich ihre Eltern mit Plätzen hinten im Saal begnügen. Dorthin waren sie verwiesen worden, weil sie schwarz waren, obwohl sie extra früh angereist waren, um ihre Tochter aus der Nähe bewundern zu können. Als Eunice das mitbekam, weigerte sie sich zu spielen. Erst als ihre Eltern wieder ganz vorn saßen, setzte sie sich ans Klavier. Eunice Waymon sollte als Nina Simone berühmt werden, ein Weltstar, eine Künstlerin, die sich, von der Klassik kommend, Pop, Soul und Jazz einverleibte und daraus eine stark individualisierte neue Kunst gebar.

Die Diskriminierung wegen ihrer Hautfarbe begleitete Simone ein Leben lang. Ihre Kunst als Waffe, populäre Musik als Message zu verwenden, erlernte sie innerhalb eines rassistischen Systems. Doch dieses war im Wandel begriffen, bröckelte, wurde perforiert, von einer neuen Generation zusehends als unhaltbar empfunden. Das mündete in die US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre.

"Mississippi Goddam"

Nina Simone war Teil dieser Bewegung. Schon ihr Vertrag mit Colpix Records erlaubte ihr weitreichende Freiheiten bei der Auswahl ihres Songmaterials, dasselbe gestand man ihr 1964 zu, als Simone zu Philips Records wechselte. Sieben ihrer mehr als 40 Alben sind auf diesem Label entstanden, jetzt wurden diese neu aufgelegt, als Boxset Nina Simone – The Philips Years.

Simone war damals schon ein Star, der auf seinem 1958 erschienenen Debütalbum Litte Girl Blue den Titel I Loves You, Porgy sang und damit einen Hit in den USA landete. Ihr Einstand für Philips war ein Konzertmitschnitt aus der New Yorker Carnegie Hall und offenbarte bereits, dass Simone stärker noch als bis dahin die Diskriminierung der Afroamerikaner thematisierte. Eingebettet in Songs wie I Loves You, Porgy oder Don't Smoke In Bed waren kritische Titel wie Old Jim Crow und Mississippi Goddam.

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Old Jim Crow ist eine hämische Abrechnung mit diesem Sinnbild des Rassismus, einer Figur, die aus einer Minstrel Show des 19. Jahrhunderts entstammt. Mississippi Goddam hingegen ist eine bittere Anklage, deren Anlass ein Attentat in Birmingham, Alabama, war, bei dem vier schwarze Schulmädchen von einer Bombe getötet worden waren, ein weiteres erblindete. Es sind Songs, an deren traurige Aktualität heute noch die Bewegung Black Lives Matter erinnert.

Festgehalten wurde dieser zum Klassiker gewordene Titel erstmals auf dem Album Nina Simone In Concert, mit dem das Philips-Boxset beginnt. Man imaginiert leicht die offenen Münder jener, die dieses Lied im Saal damals erstmals gehört hatten.

Die Box umfasst zudem die Alben Broadway, Blues, Ballads (1964), I Put A Spell On You, Pastel Blues (beide 1965), Let It All Out, Wild Is The Wind und High Priestess Of Soul (alle 1966).

Verbitterung, Lässigkeit

Viele Songs dieser Alben haben andere geschrieben, doch Simone verstand es wie wenige, sich Fremdmaterial in ihren Interpretationen vollständig anzueignen. Ihr Vortrag variiert je nach Anforderung Verbitterung, Humor, Lässigkeit, ist veredelt von einer musikalischen Verve, die immer betörend doch nie eitel wirkt. Die Grenzen zwischen Blues, Soul und Jazz zerfließen bei ihrem Klavierspiel, ihre Stimme besitzt in jeder Stimmung Simones ureigene Autorität, oft ist es ein Tremolo, das ihre emotionale Involviertheit verrät.

Ein Meisterwerk hier ist Pastel Blues, in dem sie das Fach auslotet und ihm mit dem fast zehnminütigen Sinnerman ein Epos als Schlusspunkt beschert, das revolutionär war – etwas, wofür Isaac Hayes, der vier Jahre später dasselbe tat, als Pionier gefeiert wurde. Eine von vielen kleinen Ungerechtigkeiten, die Simone einstecken musste, die sie bitter werden ließen, exzentrisch bis wunderlich. Heute weiß man, dass sie an bipolaren Störungen litt.

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Dennoch produzierte sie Meisterwerke wie das atemberaubende High Priestess of Soul, eines ihrer elegantesten Alben, politisch aufgeladen, nonchalant abgeliefert, souverän.

Nina Simones Leben war 2015 Gegenstand zweier Dokus, für ihre anhaltende Popularität mag aktuell die Verwendung eines ihrer Songs in der Werbung ein Indiz sein. Wer die Philips Years hört, weiß, derlei bekleckert höchstens das Erbe dieser 2003 im Alter von 70 Jahren gestorbenen Jahrhundertkünstlerin. (Karl Fluch, 25.7.2016)

  • Nina Simone, Genie. Das Boxset "The Philips Years" präsentiert einige der besten Alben ihres umfangreichen Schaffens.
    foto: universal/redferns/getty

    Nina Simone, Genie. Das Boxset "The Philips Years" präsentiert einige der besten Alben ihres umfangreichen Schaffens.

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