Dauerstress für Europas Banken: Aufseher durchleuchten Bilanzen

25. Juli 2016, 11:56
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Die europäische Bankenaufsicht hat 51 Institute unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse werden am späten Freitagabend veröffentlicht

Frankfurt am Main/Wien – Seit der jüngsten Finanzkrise hat sich einiges getan in Europas Bankenlandschaft. Viele Häuser sind nach Einschätzung der Aufseher inzwischen solider aufgestellt. Dennoch ist das Misstrauen wieder groß. Seit Jahresbeginn 2016 sind die Aktien europäischer Banken eingebrochen. Niedrige Zinsen, steigende Kosten und harter Wettbewerb lassen die Ertragsaussichten erodieren. Die nächsten Herausforderungen sind absehbar: Was bedeutet der Brexit für die Finanzindustrie? Bleiben die massiven Probleme der italienischen Banken regional begrenzt, oder droht die nächste Bankenkrise auf dem Kontinent? Auch wenn diese aktuellen Fragen nicht beantwortet werden, soll ein neuer Krisentest grundsätzlich aufzeigen, wie gut die Institute auf mögliche Schocks vorbereitet sind. Die Ergebnisse werden am späten Freitagabend veröffentlicht.

Wie viele Institute durchleuchten die Aufseher?

Die europäische Bankenaufsicht EBA hat 51 Institute unter die Lupe genommen, darunter neun Institute aus Deutschland: BayernLB, Commerzbank, Dekabank, Deutsche Bank, Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), NordLB, NRW.Bank, Volkswagen Financial Services. Aus Österreich sind die Erste Group und die Raiffeisen-Landesbanken-Holding dabei. Parallel dazu untersuchte die Europäische Zentralbank (EZB) in einer abgespeckten Variante 56 weitere Kreditinstitute aus der Eurozone. Veröffentlicht wird nur der EBA-Teil. Bei deutschen Instituten rechnet der Bankenverband BdB nicht mit größeren Problemen.

Was wollten die Aufseher wissen?

Geprüft wurde, ob die Geldhäuser genügend Kapitalpuffer haben, um einen Absturz der Wirtschaft und einbrechende Immobilienpreise zu verkraften. Die Szenarien, die auf Basis der Geschäftszahlen zum Jahresende 2015 durchgespielt wurden, sehen massive wirtschaftliche Schocks in Europa vor: Für dieses und nächstes Jahr eine um 1,2 Prozent bzw. 1,3 Prozent schrumpfende Wirtschaft, für 2018 lediglich 0,7 Prozent Wachstum. Neu ist, dass Rechtsrisiken einbezogen werden – etwa Strafen, die Banken zahlen müssen.

Wird es Durchfaller geben?

Nein. Die Aufseher verzichteten auf Vorgaben von Kapitalquoten, die Banken erfüllen müssen. Stattdessen sollen die Ergebnisse in die regelmäßige Bewertung von Geschäftsmodellen und Risiken der Institute einfließen. Beim vorigen EU-weiten Stresstest 2014 waren von 123 Banken 24 durchgefallen. Ihnen fehlten zusammen 24,6 Mrd. Euro. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret warnte vor vorschnellen Schlüssen aus dem aktuellen Test. "Es geht bei diesem Stresstest nicht um Bestehen oder Durchfallen", sagte Dombret. "Die Ergebnisse führen nicht unmittelbar zu harten bankaufsichtlichen Kapitalmaßnahmen."

Wie laufen die Tests ab?

Anders als beim vergangenen Stresstest gab es keine Vor-Ort-Prüfung. Die Institute mussten die Szenarien durch ihre internen Systeme laufen lassen und dann entsprechende Tabellen der Aufseher ausfüllen.

Was sollen solche Tests bringen?

Weltweit überprüfen Aufseher, welche Überlebenschancen Banken im Krisenfall haben. Die Tests sollen Risiken in Bankbilanzen offenlegen und Vertrauen in die Stabilität der Finanzbranche schaffen.

Hat das funktioniert?

Die Erfahrungen sind durchwachsen. Beim europaweiten Stresstest 2010 fielen nur Institute durch, von denen man es erwartet hatte – etwa der mit Steuermilliarden gerettete Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate (HRE). Kurz nach dem damaligen Test musste der Staat zunächst unauffällige irische Banken auffangen. 2011 schnitt im EBA-Test unter anderen die belgisch-französische Dexia-Bank glänzend ab, die wenig später als erstes großes Opfer der Euroschuldenkrise zerschlagen wurde. Beim Stresstest 2014 fielen neun italienische Banken durch. Bis heute aber ist wenig geschehen, um deren Misere zu beheben.

Sind die Stresstests also sinnlos?

Nein, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer: Sie seien wichtig, um Transparenz über mögliche Gefahren zu schaffen. Als Diagnoseinstrument sei der letzte Stresstest durchaus erfolgreich gewesen. Danach sei bloß die Therapie unterlassen worden. Experten meinen, die USA hätten es 2009 mit ihrem ersten Stresstest besser gemacht: Die US-Regierung nahm die 19 größten Geldinstitute des Landes unter die Lupe, zehn davon wurde verordnet, sich frisches Geld zu besorgen. Wer das auf dem Markt nicht schaffte, bekam Staatshilfen aufgebrummt.

Warum sind beim aktuellen Test zwei Aufsichtsbehörden beteiligt?

Die EZB ist seit November 2014 für die Bankenaufsicht in der Eurozone zuständig und kontrolliert die 129 größten Institute direkt. Davon nehmen an den aktuellen Tests aber nur 93 Institute teil. Die übrigen waren erst kürzlich durchleuchtet worden – wie die griechischen Geldhäuser – oder sind Tochterfirmen. Die EBA ist die oberste Bankenaufsichtsbehörde der Europäischen Union und damit auch für Banken in Nicht-Euro-Ländern wie Großbritannien verantwortlich.

Welche Kritik gibt es diesmal?

Bei früheren Tests überholte die Realität die Testszenarien oft sehr schnell. Diesmal stößt vielen übel auf, dass zwar das unrealistische Szenario steigender Zinsen untersucht wurde, nicht aber die Folgen weiter sinkender Zinsen. "Die Aufseher hätten gut daran getan, auch ein Null- oder Minuszinsszenario einzubeziehen", kritisierte Kemmer. Als Grund sehen Kritiker Interessenkonflikte innerhalb der EZB. Die Notenbank hat mit ihrer ultralockeren Geldpolitik Banken Erträge genommen, ist aber zugleich zentraler Aufseher für große Institute.

Wer sind die größten Sorgenkinder im Stresstest?

Im Blickpunkt stehen vor allem italienische Banken. Sie haben massenhaft faule Kredite in den Bilanzen. Die Regierung von Matteo Renzi zeigte sich entschlossen, das Problem zu lösen. Staatshilfen für Banken sind aber nur in eng begrenzten Ausnahmefällen möglich. Sollten die italienischen Banken bei dem Test nun wie erwartet schlecht abschneiden, könnte das den Weg für Milliardenhilfen ebnen. (APA, 25.7.2016)

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