Endlich auf der Titelseite: Die Rolle der Medien beim Amoklauf

Kommentar25. Juli 2016, 14:03
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Der Täter von München nahm sich Amokläufer und Attentäter zum Vorbild. Journalismus muss sich seiner Wirkung auf mögliche Nachahmer bewusst sein

Am Ende sind sie ganz groß. In der gestörten Welt jener junger Männer, die unschuldige Menschen und meist sich selbst töten, sind ihre Verbrechen das einzige Mittel, um Bedeutung zu erlangen. Und sei es posthum, und sei es als "der Attentäter von" – München, Würzburg, Winnenden. Verantwortlich dafür sind die Täter. Aber Medien müssen sich ihrer Rolle bei solchen Verbrechen bewusst sein.

Der Schüler, der am Freitagabend in München neun Menschen erschossen hat, sammelte Material zu vergangenen Amokläufen. Er fuhr extra nach Winnenden, wo ein Amokläufer 2009 an einer Schule 16 Menschen getötet hatte.

Schweigen ist keine Option

Der Mörder von München war ein Nachahmer. Medienberichterstattung motiviert andere Menschen zur Nachahmung, sagt der Psychiater Jörg Fegert.

Was ist also die Konsequenz für uns Medien? Schweigen? Nicht berichten, wenn Menschen erschossen werden? Ein absurder Gedanke, und nicht zuletzt eine Respektlosigkeit den Opfern gegenüber. Wenn der Tod von Menschen bei einem so furchtbaren Verbrechen nicht berichtenswert ist, wie viel war dann ihr Leben wert?

Doch wie berichten wir? Wie viel Platz geben wir dem Täter? Wie viel Bedeutung messen wir ihm bei, wie gehen wir mit seinen Ideen um? Spekulieren wir über Motive? Und bedienen wir uns bei seinen Facebook-Fotos, gar bei solchen, auf denen er sich in Heldenpose mit der Halbautomatischen präsentiert?

Endlich auf den Titelseiten

Genau das ist 2009 beim Amoklauf in Winnenden passiert – bei einem jener Verbrechen, die sich der Täter von München zum Vorbild nahm. Die "Bild-Zeitung" als unrühmlichstes Beispiel: Sie druckt ein Propagandafoto des Täters seitenhoch ab, titelt mit einem ihm zugeschrieben Zitat.

"Tim K. stürmt in die Klassenzimmer und mordet. Auch bei seiner Flucht erschießt er Menschen", schreibt die "Bild" damals. Gesunde Menschen finden das grässlich, dem Täter hätte es gefallen. Und Nachahmer lernen: So kommt man groß raus.

Wer schafft es sonst auf die Titelseiten der reichweitenstarken Medien? Hollywood-Stars, Politiker, Spitzenmanager. Leute, die etwas zu sagen haben. Leute, die Bedeutung haben.

Lösungsstrategie Amoklauf

Gleiches Prozedere im Fall Breivik. Ein Rechtsextremer tötet 77 Menschen in Norwegen. Sein "Manifest", eine wirr zusammengeklaubte Sammlung hetzerischer Schriften, wird öffentlich. Als er bei seinem Prozess vor Gericht die Faust in Siegerpose in die Höhe streckt, geht das Bild um die Welt. Auch heute wird es wieder abgedruckt. Der Amokläufer von München hat sich auch ihn zum Vorbild genommen.

Der Boulevard mutmaßt heute, der "Bubi-Killer" ("Österreich") sei wegen eines Fünfers auf einen Schultest Amok gelaufen. Dass solche verkürzten Erklärungen anderen Menschen mit ähnlichen Problemen und Störungen die Gewalttat als "Lösungsstrategie" suggerieren, weiß man aus der Suizidforschung.

Fragen behutsam beantworten

Wie so oft greift die einfache Erklärung auch in der Medienkritik zu kurz. Das Urteil über den moralisch verkümmerten Boulevard ist verlockend. Doch die Frage nach dem Warum, die sich bei solchen Wahnsinnstaten in die Köpfe der Menschen drängt, will beantwortet werden. "Das Psychogramm des Killers": Solche Geschichten funktionieren, weil die Menschen das Unbegreifliche begreifen wollen.

Verantwortungsvoller Journalismus bedeutet, sie behutsam zu beantworten. So, dass ein kranker Täter nicht zum starken Antihelden wird, den eine Minderheit dann womöglich bewundert. Ihn nüchtern als den kranken Jugendlichen zu beschreiben, der er ist: Das ist eine Gratwanderung, um die sich manche in der Branche bemühen. Viele versuchen es gar nicht erst. (Sebastian Fellner, 25.7.2016)

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