Münchner Amoklauf: Tat seit einem Jahr geplant

24. Juli 2016, 18:13
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18-Jähriger fuhr nach Winnenden, wo 2009 ein Amoklauf stattfand, und verfasste eigenes "Manifest" zur geplanten Tat

München – Der Amoktäter von München habe an einer psychiatrischen Erkrankung gelitten. Bei einer Durchsuchung seines Zimmers seien ärztliche Behandlungsunterlagen gefunden worden, die auf eine Angststörung sowie Depressionen hindeuten. Das sagte Thomas Steinkraus, Sprecher der Staatsanwaltschaft München, bei einer Pressekonferenz am Sonntag. Der 18-jährige David S. habe sich in ambulanter sowie im Vorjahr zwei Monate in stationärer Behandlung befunden. Auch Medikamente seien in seinem Zimmer entdeckt worden. Ob er diese eingenommen habe, wisse man derzeit noch nicht.

Am Freitag, dem Tag des Münchner Amoklaufs mit zehn Toten, hatte sich die Bluttat des norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik zum fünften Mal gejährt. Dass der Amoktäter von München das "Manifest" des Norwegers am Rechner hatte, wie die Polizei zunächst berichtet hatte, stimme nicht. S. habe "ein eigenes Manifest" verfasst, in dem er sich seit einem Jahr mit der geplanten Tat befasst habe. Details zum Inhalt konnte Robert Heimberger, Chef des bayerischen Landeskriminalamt, nicht geben. Das Manifest sei noch nicht ausgewertet.

Gefälschter Facebook-Account

Auch die ursprüngliche Information, wonach der 18-Jährige einen bereits existierenden Facebook-Account gehackt hatte, korrigierten die Ermittler am Sonntag. Er habe einen eigenen Account angelegt, aber mit gefälschten Informationen und Fotos versehen. Über den Facebook-Account hatte er versucht, Personen zur McDonald's-Filiale beim Olympia-Einkaufszentrum zu locken.

Noch während des Einsatzes habe sich der Vater von S. bei der Polizeiinspektion 42 gemeldet und den Verdacht geäußert, dass es sich bei dem Täter um seinen Sohn handeln könnte. Er hatte das Video gesehen, das bald nach den Schüssen im Internet kursierte, und zeigt, wie S. aus dem McDonald's-Lokal auf die Straße tritt und Schüsse abgibt.

Fotos aus Winnenden

Die Polizei bestätigte, dass der 18-Jährige, der sich am Freitag selbst erschoss, vor dem Amoklauf nach Winnenden gefahren sei. 2009 starben dort 16 Menschen bei einem Amoklauf in einer Schule. Fotos der dortigen Tatorte seien auf S.' Digitalkamera gefunden worden. Nach Angaben der Ermittler sei er ein "ausgeprägter Egoshooter-Spieler" gewesen.

Bei der Tatwaffe vom Typ Glock 17 mit einem Kaliber von neun Millimetern handelte es sich um eine Theaterwaffe, die nicht mehr scharf war, aber wieder gebrauchsfähig gemacht wurde. Die Waffe trug ein Prüfzeichen aus der Slowakei. Der Täter habe sie sich aus dem Darknet beschafft, wo sich Internetnutzer fast unerkannt bewegen können.

Kein politischer Hintergrund

Der Amokläufer habe seine Opfer nach den bisherigen Ermittlungen nicht gezielt ausgesucht, sagte Steinkraus. Es habe im Jahr 2012 ein Verfahren gegeben, in dem es darum ging, dass S. auf dem Schulweg von drei anderen Jugendlichen gehänselt worden sein soll. Keiner der damals Beschuldigten sei aber unter den Opfern gewesen.

Einen politischen Hintergrund schloss Steinkraus klar aus. Bis auf ein 45-jähriges Opfer waren alle zwischen 15 und 20 Jahre alt. Unter den Opfern befanden sich keine Mitschüler des 18-Jährigen. Drei Menschen schwebten am Sonntag noch in Lebensgefahr. Insgesamt gab es laut Landeskriminalamt 35 – davon zehn schwer – Verletzte. Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Täter es gezielt auf Menschen mit Migrationshintergrund abgesehen habe.

Mittäter definitiv ausgeschlossen

Der Täter gab am Tatort 58 Schüsse ab. 57 Hülsen seien entdeckt worden, die eindeutig der Tatwaffe zugeordnet werden konnten, sagte Heimberger. Damit sei definitiv auszuschließen, dass es Mittäter gebe. Woher die Munition stammte, sei noch nicht geklärt. Eine Hülse gehörte zur Waffe des Polizeibeamten, der auf den Amokläufer geschossen hatte.

Die Eltern des 18-Jährigen seien nach wie vor nicht vernehmungsfähig.

Gedenken in München

Am Sonntag Abend haben sich mehr als 1.500 Menschen zum stillen Gedenken an die Opfer am Tatort versammelt. Zwischen dem Olympia-Einkaufszentrum und dem McDonald's-Restaurant, wo der Täter am Freitagabend neun Menschen erschossen hatte, legten am Sonntagabend viele Bürger Blumen nieder und zündeten Kerzen an. Viele weinten oder hielten sich in den Armen, einige beteten. Unter den Trauernden waren viele Familien mit Kindern. Zu der Mahnwache war über Facebook eingeladen worden. (cmi, 24.7.2016)

Wissen: Was ist das Darknet?

Das Darknet ist jener Bereich des Internets, der öffentlich nicht zugänglich ist. Genutzt wird er von Menschen, die anonym im Netz verkehren wollen. Die Motivation dafür ist unterschiedlich. Sie reicht von der Verbreitung von Kritik an repressiven politischen Regimen bis zum Whistleblowing.

Aber es gibt auch Plattformen zum illegalen Vertrieb von Waffen oder Drogen – zu großer Bekanntheit schaffte es etwa das von US-Behörden ausgehobene Portal "Silk Road". Güter und Dienstleistungen werden üblicherweise nicht in nationalem Geld beglichen, sondern mit Kryptowährung wie etwa Bitcoins. Sie erschweren für Außenstehende die Nachvollziehung des Zahlungsverkehrs.

Suchmaschinen wie Google erfassen Seiten im Darknet nicht. Wer etwas sucht, muss allerdings schon zuvor wissen, wo er es findet, denn eine vergleichbare Alternativen zu Websuchen gibt es nicht. Wohl allerdings Linkverzeichnisse wie sie bis Ende der 1990er-Jahre auch noch im öffentlichen Netz gebräuchlich waren.

In technischer Hinsicht operiert das Darknet über verschlüsselte Verbindungen und dezentralisierte Netzwerke. Nutzer surfen hier über mehrere "Knoten". Dementsprechend schwer ist es, konkrete Teilnehmer ausfindig zu machen. Da unterschiedliche Peer-to-Peer-Netzwerke zum Einsatz kommen, gibt es eigentlich nicht "ein" Darknet. Zum Einsatz kommen unterschiedliche Anonymisierungsnetzwerke, etwa Tor oder Freenet.

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Kriseninterventionszentrum: 01/406 95 95 (Mo-Fr 10-17 Uhr)

Rat und Hilfe bei Suizidgefahr: 0810/977 155

Sozialpsychiatrischer Notdienst: 01/310 87 79 oder 01/310 87 80

Österreichweite Telefonseelsorge: 142 (rund um die Uhr, kostenlos)

Hinweis

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert.

  • Neun Menschen wurden beim Olympia-Einkaufszentrum in München getötet.
    foto: apa / dpa / karl-josef hildenbrand

    Neun Menschen wurden beim Olympia-Einkaufszentrum in München getötet.

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