Die Angst unserer Zeit

Kommentar23. Juli 2016, 13:16
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Die Tat von München zeigt, was die anhaltende Terrorgefahr mit uns macht

Und wieder muss man den schrecklichen Satz schreiben: Es ist zu früh, um darüber zu befinden, was den Täter angetrieben hat. Die Situation ist jedoch in München in der Tat anders als in Nizza vor acht Tagen, wo alleine schon das Setting des Anschlags – Feiern zum französischen Nationalfeiertag – eine Botschaft enthielt. Diesmal, in Deutschland, war es ein bei weitem nicht so symbolgeladener Tatort. Das ist ein Zug in Würzburg zwar auch nicht, aber dort rief der 17-jährige Täter islamistische Parolen. Beim Deutsch-Iraner in München – ein in Deutschland geborener 18-Jähriger mit deutscher Mutter und iranischem Vater – war das offenbar zu keinem Zeitpunkt der Fall. Am Freitag schwenkte im Laufe des Abend die Berichterstattung von "Amoklauf" auf "Terrorakt" um, Samstag in der Früh sind viele Medien wieder zu "Amoklauf" zurückgekehrt.

Die Tat von München zeigt auch, was die anhaltende Terrorgefahr mit uns, den Menschen, macht. Es mag statistisch um noch so vieles gefährlicher sein, in ein Auto zu steigen, die Angst vor dem Terrorismus ist dennoch die Angst unserer Zeit geworden und hinterlässt ihre Spuren. Stundenlang dominierte Freitagabend die Wahrnehmung, dass nicht einer, sondern mehrere Täter München geradezu überfluteten; die Polizei hatte mit Meldungen über Angriffe zu kämpfen, die nie stattgefunden hatten. Die atemlose Berichterstattung – seit "Erfindung" des Tickers auch in etlichen der geschriebenen Sprache und nicht nur Bildern verpflichteten Online-Medien wie dem STANDARD – trägt das Ihre dazu bei, dass man auch weit vom Handlungsort entfernt ganz nah dran ist. Eine Polizeisirene auf der Straße von Wien bekommt dann plötzlich einen anderen Stellenwert, plötzlich hört man hin.

Der Täter von Würzburg war 17, jener von München 18, das ist das Alter, in dem junge verstörte Männer offenbar besonders oft ihre akkumulierte Wut sammeln und zuschlagen. In München soll es sich um einen psychisch Kranken handeln, der für seine Tat keinen ideologischen "Mutmacher" brauchte, dadurch ist die iranische Komponente seiner Herkunft nichts anderes als ein Zufall. Ein in diesen Zeiten tragischer Zufall, denn am Ende ist es in der öffentlichen Wahrnehmung ja doch wieder einer, der irgendwie in seiner Biografie mit dem Islam zu tun gehabt hat, der "uns" attackiert.

Bei einer iranischen Herkunft ist es wahrscheinlich, dass der Islam des Täters, falls überhaupt vorhanden und von Belang, ein schiitischer ist. Der "Islamische Staat", der für uns der Inbegriff der täglichen Terrorbedrohung in Europa geworden ist, bringt im Westen ohne Unterschied Menschen, auch Muslime, um, die Attentate gelten der ganzen Gesellschaft. Im Nahen Osten tötet der IS alle, die sich gegen ihn stellen – aber Schiiten bringt er aus dem einzigen Grund um, weil sie Schiiten sind. Es ist nicht unmöglich, dass sich ein junger Schiit zur, wie ihm von sunnitischen Salafisten versichert wird, "einzig richtigen" Ausrichtung des Islam, der Sunna, zukehrt. Aber der Weg zwischen dem "Islamischen Staat" und einem "Deutsch-Iraner" ist auf alle Fälle ein weiter, und nichts deutet darauf hin, dass er im Fall von München zurückgelegt wurde. Nicht jedes Verbrechen, das ein Muslim oder jemand mit "islamischen Beziehungen" verübt, ist ein islamistisches Verbrechen. (Gudrun Harrer, 23.7.2016)

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