Julya Rabinowich: Migräniade

22. Juli 2016, 17:16
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Die ungekrönte Königin aller misslichen Empfindungen an der Oberstube: die Migräne

Wer einen Schädel hat, der kennt zumeist auch jenes zugehörige Accessoire, das keiner freiwillig erwerben würde: das gemeine Schädelweh. Dieses kommt gleich in mehreren Varianten daher, man darf gustieren. Zwischen simpler Beule, Gehirnerschütterung, Spannungskopfschmerz, Fieber- und Zahnschmerzen.

Letztere tauchen besonders gerne fernab der Versorgungsmöglichkeiten auf, wobei die Wahrscheinlichkeit eines solchen bösen Zahnes proportional entsprechend den Kilometern, die das Opfer von der Zivilisation trennen, anwächst wie eine böse Eiterbeule. Etwas weiter ausgedehnt eventuell noch etwas Ohrensausen.

Weit in Führung auf der Befindlichkeitsskala vor all diesem Ungemach liegt trotzdem die ungekrönte Königin aller misslichen Empfindungen an der Oberstube: die Migräne.

Migräne zaubert in Nullkommajosef einen angehenden Vampir aus jedem Betroffenen: Man liegt bläulich-blass hinter zugezogenen Vorhängen verschattet auf seinem Lager, wünscht sich einen Sargdeckel herbei, der lindernde völlige Dunkelheit für die gemarterten blutunterlaufenen Augen herbeizaubern könnte, und würde am liebsten jedem an die Gurgel, der sich in die Nähe wagt.

Der Kotzkübel, der sich dezent an das Krankenlager schmiegt, bricht zwar ein wenig das elegante Bild, das feuchte Tuch auf der Stirn rückt es allerdings wieder gerade, vor allem, wenn es im Unterschied zum Kübel die eigenen Initialen trägt.

Auf dem Nachttischchen die Karaffe mit Wasser. Man soll ja viel trinken, haben alle gesagt. Die magische Transformation geht zügig weiter, der Patient verwandelt sich in einen kurzzeitigen Transitraum für Flüssigkeiten: oben rein, oben wieder raus.

Was man mit Migräne abgesehen davon noch tun kann: Weltuntergangsszenarien sauberfeilen. Sich schwören, endlich zum Neurologen zu gehen. Jetzt aber wirklich. Echt. Nur noch dieses Mal nicht. Die politische Lage der Nation plötzlich in Relation erträglich finden. Das macht Migräne wieder fast sympathisch. Was man ohne Migräne tun kann: gut leben. (Julya Rabinowich, 22.7.2016)

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