Clusterfuck: Die Welt im Sommer 2016

Kommentar der anderen22. Juli 2016, 17:03
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Was tun, wenn die Frequenz unerfreulicher Nachrichten geradezu erdrückend ist? Ein erster Schritt wäre einzugestehen, dass es keine (einfachen) Lösungen gibt. Ein Appell zur Umkehr

Jesus, what a clusterfuck" – dieser Ausruf fasst eine Kette von absurden und bisweilen tödlichen Situationen zusammen, die die Coen-Brüder in ihrem Film "Burn After Reading" abrollen lassen. "Clusterfuck" – das Wort ist etwas derb, passt aber vielleicht genau deshalb zu unserer aktuellen Situation. Leider hat der aktuelle Clusterfuck außer der Absurdität und Unübersichtlichkeit nichts mit dem brüllend komischen "Burn After Reading" zu tun. Wo im Film die schreiende Dummheit der Akteure die Handlung vorantreibt, ist es in der Welt von heute eine üble Kombination aus verbreiteter Perspektivlosigkeit, Zweifeln an der Demokratie, wirtschaftlichen Problemen, ökologischen Bedrohungen, fundamentalistischem Reinheitswahn und politischem Populismus.

Als wäre das alles noch nicht genug, sorgen demografischer Wandel, die befürchteten Arbeitsplatzauswirkungen der digitalen Revolution und die Globalisierung unter besonderer Berücksichtigung des chinesischen Wirtschaftswunders für Zukunftsängste – zusätzlich befeuert durch eine mediale Dauerkanonade von unerfreulichen Nachrichten über Potentaten, Präsidentschaftskandidaten und bombende und axtschwingende "Fundamentalisten".

"Clusterfuck" ist also keine Übertreibung. Dass beispielsweise die Digitalisierung auch gute Seiten hat, wir historisch betrachtet in unfassbarem Wohlstand leben oder Chinas Aufstieg ein sensationelles Armutsbekämpfungsprogramm ist, gerät in dieser Situation kaum in den Blick. Und was im überwältigenden Strudel schlechter Nachrichten auch übersehen wird: dass es durchaus Hebel gibt, den Clusterfuck nicht als Opfer zu erleben, sondern gestaltend tätig zu werden. Gut, durchgeknallten Massenmördern ist kurzfristig wenig entgegenzusetzen. Aber viele aktuelle Probleme sind politisch wenn nicht lös-, so doch bearbeitbar. Wie?

Man kann das nicht oft genug zitieren: Fred Sinowatz hat nicht nur auf die Kompliziertheit der Welt hingewiesen, sondern auch den Mut eingefordert, "zuzugeben, dass es perfekte Lösungen für alles und für jeden in einer pluralistischen Demokratie gar nicht geben kann". Stattdessen dominiert heute freilich ein Populismus der einfachen Lösungen. Dem etwas entgegenzusetzen, ist im Clusterfuck erste Bürgerpflicht.

Nicht wenige fragen sich, was das alles mit ihrem eigenen Leben zu tun hat. Eine Antwort liefert der Begriff der "imperialen Lebensweise" (Ulrich Brand): Das für viele sehr angenehme Lebensmodell westlicher Industriestaaten zeitigt in anderen Teilen der Welt (und in der Zukunft) soziale und ökologische Folgen, die nur schwer verantwortbar scheinen. Die Migration nach Europa zeigt deutlich, dass diese Konsequenzen nicht mehr ignoriert werden können. Unsere Leben werden sich ändern. Müssen.

Mehr noch betrifft der Transformationsbedarf die Politik. Sie setzt den Rahmen, in dem Menschen als Bürgerinnen und Konsumenten, als Unternehmerinnen und Arbeitnehmer handeln. Dass diese Rahmensetzungskompetenz nachzulassen scheint, ist selbst ein politisches Problem. Die Kompliziertheit der Lage zuzugeben und einzugestehen, dass einfache Lösungen nicht zu haben sind, mehr noch: offenzulegen, dass es für einige Aspekte des Clusterfucks überhaupt keine "Lösungen" geben kann, wäre ein Fortschritt.

Stets nur Wachstumsblabla

Das alle Politik- und Lebensbereiche dominierende Wachstumsziel ist ein naheliegendes Handlungsfeld für wirksamen Wandel. Wenn wider besseres Wissen – und die Pariser Klimabeschlüsse und die Nachhaltigkeitsziele der UN durchaus ignorierend – auf wirtschaftliche Expansion als Problemlösungsmodus gesetzt wird, ist das gewiss ein vertrauter Mainstream-Politikmodus – aber sicher nicht alternativlos. Auch wenn manche der weitreichenden Fantasien einer "Postwachstumsökonomie" an der Realität scheitern werden – die Politik täte gut daran, diesen wichtigen Diskurs wenigstens zur Kenntnis zu nehmen. Welch ein Fortschritt wäre das gegenüber dem fantasielosen Wachstumsblabla!

Ein solcher Kurswechsel erscheint eher möglich in einer Zeit, in der die Demokratie auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Ob man das "Postdemokratie" nennen will oder nicht: Wie eine gute Demokratie funktioniert, ist heute umstrittener denn je. Das liegt nicht nur am Brexit oder dem verstörenden Verlauf der Bundespräsidentenwahl, sondern ist prinzipieller Natur. Das "umfassende Verblassen des demokratischen Glanzes" (Ingolfur Blühdorn) ist ein verbreiteter Eindruck. Vor diesem Hintergrund trägt der naive Plebiszitpopulismus von Rechtsradikalen oder Gemeinwohlbewegten sicher nicht zu einer verbesserten Fähigkeit bei, gesellschaftliche Problembearbeitung demokratischer zu organisieren. Debatten darüber, welche Rolle Volksabstimmungen spielen können, welche Funktion Expertise in politischen Entscheidungsprozessen haben soll und welche Erwartungen an Demokratie überhaupt noch plausibel erscheinen, sind freilich dringend notwendig.

Diese Grundsatzfragen, der Status des Wachstums und die Zukunftsfähigkeit von Lebensweisen – hier kann sich erweisen, ob es einen Ausweg aus der aktuellen Lage gibt oder ob wir in einer "postdemokratischen Politik der Nicht-Nachhaltigkeit" (Blühdorn) gefangen sind. Wenn wir uns diesen Themen nicht stellen, wird es in der Zukunft immer öfter heißen: "Jesus, what a clusterfuck." (Fred Luks, 22.7.2016)

Fred Luks leitet das Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er bloggt unter www.fredluks.com

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