Alfred Dorfer: "Der ORF funktioniert wie ein Fürstenhof"

Interview24. Juli 2016, 11:00
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Vom neuen ORF-Chef wünscht sich der Kabarettist ein breiteres Kulturprogramm. Über Feigenblätter und Böhmermanns Schmähgedicht

STANDARD: Gibt’s im ORF genug zu lachen?

Dorfer: Die Frage ist schwierig zu beantworten, weil man differenzieren muss – zwischen den Möglichkeiten, die der ORF hat, und denen, die wir ihm zuschreiben. Wenn es zum Beispiel wirklich einen prekären finanziellen Engpass gibt, kann man darüber diskutieren, ob es Sinn macht, dass ein großer Teil der Gebühren nicht dem ORF zugutekommt, sondern dass wir Zuschauer mit unseren Gebühren Blumenrabatteln zur Ortsverschönerung mitbezahlen. In dem Zusammenhang ist dieses Morgenprogramm als schönes Gegengeschäft und als Hofberichterstattung zu werten.

STANDARD: Wenn die Gebühren zur Gänze ins Programm fließen, wäre das ORF-Fernsehen besser?

Dorfer: Aus meiner 30-jährigen Erfahrung mit dem ORF kann ich sagen: Der ORF funktioniert wie ein Fürstenhof mit vielen kleinen Fürstenhöfen. Wenn du einem Baron unterstellt bist, der etwas bewegen will, der gute Ideen und zufällig auch ein bisserl Geld hat, dann gehen plötzlich ganz viele Dinge. Der ORF ist ein feudaler Ort im historischen Sinn von Privatisierung von Macht, und es ist dann der Zeit, den Personen oder dem Zufall geschuldet, ob etwas funktioniert. Fernsehfürstin Kathrin Zechner darf ganz viele Dinge machen – wenn Fürst Richard Grasl es will.

STANDARD: So bräuchte es eine Revolution, danach regiert das Volk?

Dorfer: Nein, das Volk wird im ORF nie regieren. Wenn es um repräsentative Vertreter geht, müsste man den Stiftungsrat verändern, der ein genaues Abbild der politischen Verhältnisse in diesem Land ist, was den Föderalismus betrifft. Die einzige Möglichkeit wäre die Revolution von oben: Dass die Regierenden sagen, wir haben die Größe und geben dieses Manipulationsinstrument ORF aus der Hand und überlassen es dem freien Journalismus.

STANDARD: Wo ist der Satiriker in diesem Hofstab?

Dorfer: Als ich "Dorfers Donnerstalk" begann, war ich ganz klar ein Feigenblatt. Das war die Zeit, als der dunkle Fürst Werner Mück und Monika Lindner den ORF regierten. Über diese Umfärbung gab es großen Unmut, in der Zeit ging ich zu Fürst Reinhard Scolik (damals Programmchef, Anm.) und bekam zwei Projekte, "Dorfers Donnerstalk" und "11er-Haus". Das wäre vielleicht ein Jahr später in dieser Ungebremstheit nicht gegangen. Insofern war ich Feigenblatt und Hofnarr in einem.

STANDARD: Wünsche an den neuen Generaldirektor?

Dorfer: Ein breiteres Kulturangebot. Architektur kommt im ORF so gut wie nie vor. Es müsste eine viel breitere Abbildung der gesellschaftlichen Wirklichkeit geben. Ich bin auch dafür, dass man für viel Geld Opern überträgt, weil das zum Kulturauftrag gehört.

STANDARD: Wer soll das erledigen – Grasl oder Wrabetz?

Dorfer: In diesem Fall ist mir aufgrund der Distanz, die ich in den letzten Jahren zum Unternehmen aufgebaut habe, keine kompetente Antwort gegeben.

STANDARD: Als Kommentator tut man sich ja leicht – zu gestalten interessiert Sie nicht?

Dorfer: Nein, das sind nicht meine Qualitäten. Das ist ja auch die Falle, in die viele Künstler tappen, wenn sie in die Politik gehen. Sie glauben, sie kennen sich mit der Materie aus, haben aber de facto keine Ahnung. Der Job des Generaldirektors ist sicher einer der missverstandensten Posten in diesem Lande. Hier geht es um einen Manager. Insofern ist es ja doppelt falsch, ihn couleurmäßig zu besetzen. Hier geht es um eine profunde Fachkraft, die ein Unternehmen mit diesem Budget und diesem Pensionssystem halbwegs auf ein finanzierbares Gleis bringt und zusätzlich alle gesetzlich verordneten Aufträge erfüllt.

STANDARD: Seit dem "Donnerstalk" machen Sie sich im ORF eher rar. Woran liegt’s?

Dorfer: Das hat keinen bestimmten Grund, für spannende Vorhaben bin ich aber immer zu haben. Den "Donnerstalk" beendete ich aus freien Stücken, weil ich mich nach acht Jahren einfach regenerieren musste und solchen Platz machen wollte, die noch den Anfangsdrive hatten. Dieses Feuer ist besonders bei der Satire vonnöten. Es gibt in diesem Land eine Redundanz bei politischen Themen, nach kurzer Zeit ändern sich nur noch die Namen.

STANDARD: Dann löst sich jeder Satiriker im Laufe seines Lebens beruflich irgendwann selbst auf?

Dorfer: Wenn er aktuelle Themen hat, auf jeden Fall. Das ist auch der Grund für das Zusammenbrechen des deutschen Kabaretts, das mittlerweile nur noch ein Sport für Menschen über 60 Jahren ist.

STANDARD: Ist das politische Kabarett am Ende?

Dorfer: Kann man so nicht sagen. Wir sehen in Deutschland die Trennung zwischen Comedy und Kabarett. Das eine war eine Kopfgeburt, die junges Publikum anzog, das andere kam vom Publikum, dort blieben die Alten. Daraus entstand Poetry-Slam, wo junge Menschen mit anderer Sprache das politische Kabarett ablösen. Mich beeindruckt das.

STANDARD: Beeindruckt Sie Jan Böhmermann?

Dorfer: Das Schmähgedicht nicht. Ich glaube, dass in der Frage der Freiheit der Satire immer ein ganz wesentlicher Punkt ausgelassen wird. Wenn wir von Freiheit reden, reden wir automatisch von Verantwortung. Es gibt in der Satire sehr wohl die Verantwortung, Folgen abzuschätzen. Das ist natürlich nie genau prognostizierbar, aber wenn ich Mohammed als Hund darstelle, ist das eine klare Grenze. Die Aussage, dass Satire alles darf, ist Unsinn. Wenn man es weiterdenkt, hat das Gedicht die Position des demokratisch gewählten Diktators letztlich gestärkt. Das Gedicht war im politischen Sinn höchst dumm.

STANDARD: Der ORF wiederholt in Endlosschleife "MA 2412", die letzte neu produzierte Folge lief 2001 – freut Sie das?

Dorfer: Ich finde es lustig. Und zwar deshalb, weil dadurch Menschen glauben, ich bin noch immer dauernd im ORF. Und weil es auch Menschen gibt, die mich gar nicht mehr erkennen. (Doris Priesching, 24.7.2016)

Alfred Dorfer (54) tourt derzeit mit Florian Scheuba und Soloprogrammen durch Österreich, am 29. Juli ist er im Wiener Arkadenhof mit "bisjetzt – solo" zu Gast.

Nachlese:
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  • Alfred Dorfer über den ORF: "Fernsehfürstin Kathrin Zechner darf ganz viele Dinge machen – wenn Fürst Grasl es will."
    foto: andy urban

    Alfred Dorfer über den ORF: "Fernsehfürstin Kathrin Zechner darf ganz viele Dinge machen – wenn Fürst Grasl es will."

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