Ulrich Schlotmann: Kreuz und quer ...

22. Juli 2016, 15:04
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... durch Europa mit dem Literaturbus, hier die achte Etappe der Lesereise von Graz nach Belgrad, welche stattfand anno 16 in der 25. Kalenderwoche allda und als solche auch im Computer nachzuverfolgen ist unter "crowd-literature.eu"

Laafeld / Bad Radkersburg, Österreich: Lesung im Pavelhaus, Kulturzentrum der slowenischen Volksgruppe in der österreichischen Steiermark. Fotos von Flüchtlingen nahe Spielberg, ältere Daguerreotypien von slowenischen Migrantinnen, Harems-Hauptfrauen in Ägypten, bittere Schicksale am Nildelta.

Habe zwei Freunde eingeladen, die auch prompt kommen. Wir lesen ihnen unverzagt unsere Texte auf Finnisch, Griechisch, Türkisch, Kroatisch, Deutsch und Wienerisch vor, Übersetzungen werden an die Wand projiziert. Ein kleines Männlein mit Bart und fein Käppi auf dem Kopfe tanzt im Hof herum, am Lagerfeuer herrscht gute Stimmung. In ungeheurer Lautstärke, gebrochenem Englisch mit indischem Akzent, berichtet der Einheimische von Hitler, Tito, Massengräbern in der Gegend, regelrechten Maifisch-Schwemmen sowie den merkwürdigen Sitten der Inder, die er 27 Mal besucht habe – Lkws voller vergifteter Hunde da, Aasgeier allenthalben, die von den Kadavern fraßen und prompt ausstarben, Polizisten, die einen auf offener Straße anhielten und dich zwangsimpften, ohne die Nadel zu wechseln etc., etc. Tochter, Mutter und Großmutter – alle gleichzeitig schwanger, unklar, ob vom selben Mann oder von unterschiedlichen Schlawinern, klar nur: it was crazy!

Jurovski Dol, Slowenien: Frühstück bei Brot, grünen Peperoni und einer Sauciere voller glänzenden Quittengelees. Beginne mit den beiden Zyprioten der Tour ein Gespräch über Literatur. Momentane Situation mal ausgenommen, so lautet meine These, sei die sogenannte Realität doch viel zu komplex, um erkannt und plump linear erzählend beschrieben zu werden. Das glaubt der türkischsprachige Kollege indes nicht – ein eher hemdsärmeliger Geselle, so hand- wie trinkfest, dir ständig auf die Schultern klopfend – sieht den Poeten eher als eine Art von Medium oder Welterklärer an, der Schwieriges und Allerschwerstes dem Hirten auf dem Felde doch mit einfachen, gleichwohl gut gewählten Worten zu erklären habe. Er sagt: "Auf Zypern kann es bis zu 45 Grad heiß werden!" Ich verstehe.

Sein griechischsprachiger Landsmann – sanft, zurückhaltend – bietet mir ein Erfrischungstüchlein an. Fragt, ob ich Nana Mouskouri möge. Revidiere meine These dahingehend, dass ich mir zumindest über "Nana" eine dezidierte Aussage doch allemal zutraue. Alles andere aber auch weiterhin unbestimmt und zumindest nicht zu durchdringen mit sprachlichen Mitteln. Ich tunke die schlaffe Peperoni ins Gelee und gehe meiner Wege.

Später noch Weinverkostung beim Biowinzer. Der versteht nicht nur viel vom Rebbau, sondern auch von allen anderen Dingen des Universums. Biodynamische Landwirtschaft, Mikrobiologie sowie Quantenwahrscheinlichkeiten fügen sich bei ihm zu einem geschlossenen Weltbild, noch bevor es in den Keller hinabgeht. Daniela Seel besteht hartnäckig darauf, das Fußballspiel zu sehen, und kriegt es irgendwie auf den Laptop gepixelt.

Ich geselle mich zu ihr, um das ruckende Spiel zu verfolgen. Die anderen bleiben auf Stunden verschollen. Aus den dunklen Katakomben dringt dann und wann nur ein gutturales Truthahn-Gekoller herauf. Danach in bester Laune weiter zum Vater der Organisatorin, einer slowenischen Autorin mit Namen Natasa. Der habe "Meat" besorgt und Jogurt auf Lager, also dann, in Gottes Namen. Fragt der sogleich beim Eintritt, ob wir denn auch Hunger hätten.

Ich versuche verzweifelt seit Tagen, Vegetarier zu bleiben, und sage höflich, doch bestimmt: "Nein." Suvi Valli, die finnische Kollegin, schaut mich entsetzt an und erklärt mir: "Wir sind hier auf dem Balkan, das kannst du nicht machen." Und außerdem war der Mann in jungen Jahren wohl Wrestler, ich lenke also ein, her mit den Fleischfladen.

Tags darauf findet unsere Lesung im Garten einer Art Landkommune statt, Zelena Centrala, ein ganzheitliches Kulturzentrum o. Ä. mit Plumpsklo am Waldrand. Wirklich nette Menschen, die alle ein Geschenk im Tausch gegen die schönen Wörter mitbringen. Ein Hippiemädchen dichtet gar in Düften, die sich in Seifen bannen lassen. Ihr Freund textet in Schnittbrettchen, pittoresk Gemasertes.

Varazdin, Kroatien: Zwischenstopp an der Drau, absitzen zum literarischen Picknick. Im Vordergrund die Terrasse eines Cafés, Gäste, die noch nicht wissen, dass sie das Publikum einer Lesung stellen werden. Im Hintergrund sägen zwei Arbeiter in brütender Hitze den Straßenasphalt in handliche Stücke. Dazwischen sieben AutorInnen auf Decken gelagert. Solange ich mich noch aus eigener Kraft erheben kann, hole ich mir einen melkschemelähnlichen Hocker und kauer mich verschämt zwischen die anderen, deutlich Jüngeren. Daniela Seel kommentiert die Situation wie folgt, irgendwie versöhnlich oder doch eher angriffslustig, ich weiß es nicht: Dass Lyrik immer auch irgendwo fehl am Platze sei, zwischen den richtigen Dingen des täglichen Lebens eher als störend empfunden werden müsse usw.

Irgendwo zwischen Kroatien und Serbien heißt es schließlich: Brexit in Britannien – gibt es denn gar kein Gedicht dagegen, oder wenigstens etwas von Ratiopharm?

Belgrad, Serbien: Nach 2, 12 und 18 Zuhörern jetzt plötzlich nah an 1000 beim Krokodil Festival im ehemaligen Garten von Tito. Der Moderator will wohl über meinen Roman (sic) Die Freuden der Jagd reden, wie lange man brauche, um 1100 Seiten zu schreiben etc. – okay: Mir ist es völlig egal, wenn ich als Österreicher, Schweizer oder Kosovare bezeichnet werde, wenn man mich als Greta Garbo vorstellt, zucke ich mit keiner Wimper, aber beim Thema Roman hört der Spaß dann doch auf. Da gilt dann unvermindert die erstgenannte These von der Unerklärlichkeit der Welt: nur nicht so tun, als könnte man irgendetwas erzählen, sich dem Komplexen vielmehr stellen, nie wirklich davor zu kapitulieren versuchen.

Der griechischsprachige Zypriot wird wenig überraschend als bestgekleideter Mann des Abends ausgezeichnet. Hat sich das stundenlange Warten der Damen Valli und Posilovic vor Zara Men bei 35 Grad im Schatten dann doch noch gelohnt. Seine Gedichte an die Großmutter, die Mutter und eines zum Ruhme des Feminismus sind zwar nicht gereimt, wie er betont, kommen also eher ungebunden daher, richtige Avantgarde-Kracher scheinen sie mir aber dennoch nicht zu sein ...

Ein Reporter will schließlich wissen, welchen berühmten Buchcharakter ich denn gern mal persönlich treffen würde. Ich sage: "Jesus" aus Die Bibel - und: Finis, Ende Gelände! (Ulrich Schlotmann, Album, 22.7.2016)

Ulrich Schlotmann, geboren 1962 im Sauerland, ist Schriftsteller und der aktuelle Stadtschreiber von Graz. Er nahm an der vom Grazer Forum Stadtpark mitorganisierten Autoren-Bus-Lesereise durch 14 Länder (von Finnland über Deutschland, Österreich, den Balkan bis nach Zypern) teil. Mit dem gemeinsamen Überschreiten von Grenzen (insgesamt nahmen mehr als hundert Autoren aus ganz Europa teil) wollen die Organisatoren www.crowd-literature.eu auch ein Zeichen für die Solidarität in Europa setzen.

Link

www.crowd-literature.eu

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