Ein richtungsweisender Spruch

21. Juli 2016, 17:35
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Der Internationale Sportgerichtshof hat die Sperre russischer Leichtathleten bestätigt. Ein Komplettausschluss Russlands von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro rückt damit näher. Den Russen wird staatlich gelenktes Doping vorgeworfen

Lausanne – Rio ohne Russen? Es wird immer wahrscheinlicher. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) hat die Verbannung der russischen Leichtathleten durch den Weltverband IAAF am Donnerstag für rechtmäßig erklärt und einen entsprechenden Einspruch von 68 Sportlern abgelehnt.

Nun sind das Internationale Olympische Komitee (IOC) und Präsident Thomas Bach am Zug. Das Urteil der obersten Sportrechtsinstanz öffnet dem IOC zwei Wochen vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mehr denn je die Tür für die "härtesten Sanktionen gegen jede beteiligte Person oder Organisation", die Bach als Folge bereits angekündigt hatte. Am Donnerstag blieb das IOC, dessen Exekutivkomitee am Sonntag wieder zusammenkommt, zurückhaltend und kommentierte das Urteil nicht inhaltlich. Eine Entscheidung soll bis spätestens Mittwoch fallen.

Eine entscheidende Frage wird nun sein, ob das IOC ein eigenständiges Urteil gegen Russland fällt oder es den in Rio startenden Verbänden überlässt, in der Kürze der Zeit Ausnahmeregelungen zu treffen und Startberechtigungen zu erteilen. Im Wada-Report sind 22 olympische Sommersportarten erwähnt, bei denen es in Russland nachweislich Doping-Manipulationen gegeben hat, in 20 davon haben sich Russen für die Spiele in Rio qualifiziert.

Der Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zu Russland war am Montag vom kanadischen Chefermittler Richard McLaren präsentiert worden. Darin wird Russland staatlich gelenktes Doping vorgeworfen.

Der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) betonte am Donnerstag, mit der CAS-Entscheidung sei "Chancengleichheit geschaffen" worden. IAAF-Präsident Sebastian Coe meinte aber, dass "dies kein Tag für triumphale Statements" sei. Fassungslosigkeit herrschte hingegen bei den Russen. "Ich kann nichts anderes ausdrücken als Bedauern", sagte Sportminister Witali Mutko, dem der McLaren-Report Mitwisserschaft am staatlich gestützten Dopingsystem unterstellt hatte: "Wir werden nun unsere nächsten Schritte beraten." Mutko riet den gesperrten Sportlern, weitere Verfahren anzustreben und "sogar ein Zivilgericht anzurufen".

Die Idee einer kollektiven Schuld sei "nur schwer zu akzeptieren", sagte Dimitri Peskow, Sprecher von Präsident Wladimir Putin. Die Abschiedszeremonie der russischen Olympia-Athleten, die am Freitag stattfinden sollte, ist auf unbestimmte Zeit verschoben worden.

Klischina darf springen

Stabhochsprung-Star Jelena Issinbajewa sprach von einer "Beerdigung der Leichtathletik". Sie habe aber noch Hoffnung, dass das IOC dem Urteil nicht folgt. "Die maßgebliche Entscheidung wird von Thomas Bach kommen." Diese Hoffnung entbehrt allerdings jeglicher Grundlage. Das IOC hat die Entscheidung der IAAF vor einem Monat bereits grundsätzlich gestützt. Nach jetzigem Stand ist damit die Weitspringerin Darja Klischina die einzige russische Leichtathletin, die in Rio starten darf. Sie hat zuletzt außerhalb des russischen Dopingsystems in den USA trainiert und profitiert deshalb von einer Ausnahmegenehmigung der IAAF.

Dieselbe IAAF-Genehmigung hat Kronzeugin Julija Stepanowa erhalten, doch ihr Rio-Start ist noch ungewiss, da das russische NOK die "Landesverräterin" nicht nominiert hat. Die IOC-Exekutive hat den Fall an die hauseigene Ethikkommission weitergereicht. Im Raum steht ein Rio-Start Stepanowas unter IOC-Flagge.

Fehlen wird in Rio nicht nur Issinbajewa (34). Die Weltrekordlerin wird ihre Karriere nun wohl beenden. Auch Hochsprung-Weltmeisterin Marija Kutschina oder Hürden-Weltmeister Sergej Schubenkow sind prominente Rio-Abwesende. Beide gehören auch zu den Athleten ohne bisher belegte Dopingvergangenheit, von denen es in der Bann-Liste der IAAF viele gibt. Für sie ist die Bestätigung des Pauschalurteils besonders bitter. (sid, red, 21.7.2016)

  • CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb erläuterte das Urteil.
    foto: reuters / pierre albouy

    CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb erläuterte das Urteil.

  • Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa wollte in Rio auf den dritten Olympiatitel en suite losgehen. Nun hört sie wohl auf.
    foto: ap/matt dunham

    Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa wollte in Rio auf den dritten Olympiatitel en suite losgehen. Nun hört sie wohl auf.

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