Das große Schweigen über die Schlacht um Aleppo

22. Juli 2016, 08:00
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Das Assad-Regime ist in Syriens zweitgrößter Stadt auf dem Vormarsch. Im Hintergrund stehen die USA und Russland

Damaskus/Wien – Aleppo darf wieder kurz in die Schlagzeilen: mit einem Video, auf dem grinsende Rebellen einem Kind, einem höchstens zwölf Jahre alten Buben, den Kopf abschneiden. Er wird beschuldigt, "Kämpfer" einer palästinensischen Pro-Assad-Miliz zu sein, und seine Mörder sind Mitglieder der Nureddin-Zengi-Brigaden, die in Aleppo gegen das Regime kämpfen. Sie tragen – oder trugen bisher – das Etikett "gemäßigt" und bezogen ihre Unterstützung von verschiedenen Ländern, auch von den USA.

Aleppo ist zum eigenen Planeten innerhalb des syrischen Krieges geworden: Während sich die USA und Russland in ihrem Kampf gegen den "Islamischen Staat" zu koordinieren und darüber zu einigen versuchen, welche Gruppen sonst noch als "terroristisch" einzustufen sind, wird in Aleppo eine vielleicht entscheidende Schlacht geschlagen, die die Kategorien erst recht wieder durcheinanderwirft. Das Assad-Regime ist auf dem Vormarsch, bis zu 300.000 Menschen in noch von Rebellen gehaltenen Teilen der Stadt sind von Belagerung mit allen Konsequenzen – vor allem Hunger – bedroht.

Assad, Hisbollah, Iran

In Aleppo kämpft die syrische Regimearmee gemeinsam mit der libanesischen Hisbollah und Iranern gegen Rebellen, die sie laut der nie offiziell aufgehobenen "Einstellung der Feindseligkeiten" von Ende Februar eigentlich nicht bekämpfen dürfte (auch wenn diese Rebellen zumindest punktuell mit der syrischen Filiale von Al-Kaida, der Nusra-Front, zusammenarbeiten). Und die USA sagen recht wenig dazu, obwohl ja die Feuerpause weiter auf dem amerikanisch-russischen Programm steht.

Eine andere, ziemlich radikale islamistische Gruppe, Ahrar al-Sham, die Russland gerne auf der Terrorliste haben würde, zeigt laut Experten Anzeichen, sich aus dem Kampf um Aleppo zurückzuziehen (obwohl auch immer wieder etwas anderes gemeldet wird). Das könnte eine der ersten Früchte der russisch-türkischen Versöhnung sein, denn die Ahrar al-Sham sind Türkei-gestützt.

Ankaras neue Position

Durch die Nachwehen des Putschversuchs – noch schwierigere amerikanisch-türkische Beziehungen – könnte die neu erblühte russisch-türkische Freundschaft noch gestärkt werden. Die Türkei macht ergo kein großes Aufheben über die für das Assad-Regime erfolgreich verlaufende Schlacht von Aleppo. Früher war die Stadt, von der die Neoosmanen träumen, stets eines der großen Anliegen von Präsident Tayyip Erdoğan. Heute scheint er sich damit abzufinden, dass Assad im Moment nicht gestürzt werden wird.

Die russische Partizipation an der Seite Assads ist, so der Eindruck der Experten, im Vergleich zum früheren russischen Engagement eher schwach. Wohingegen der Chef der schiitischen Hisbollah im Libanon, Hassan Nasrallah, kurz vor Ausbruch der aktuellen Kämpfe Ende Juni sagte, dass in Aleppo die Entscheidung über Syrien fallen werde. Es ist klar, dass die Kontrolle über die zweitgrößte syrische Stadt mit ehemals sechs Millionen Einwohnern die politischen Gespräche in Genf, auf deren Fortsetzung noch immer gehofft wird, beeinflussen würde. Mit dem Regime-Sieg würde nicht nur das Assad-Regime seine Position verbessern, sondern auch die iranische Rolle gestärkt.

Ein Deal mit Moskau

Das seltsame Schweigen Washingtons und Ankaras zu Aleppo heizt die Spekulationen darüber an, was der "große Plan" sein könnte: ein Deal mit Russland? Über die vergangene Woche geschlossene amerikanisch-russische Vereinbarung ist wenig bekannt, was wiederum die Befürchtungen bei der syrischen und der US-Opposition befeuert, dass die USA Russland zu sehr entgegengekommen seien. Neben dem gemeinsamen "Antiterrorkampf" ist oft die Rede von einer syrischen Variante des Minsker Abkommens, die demnach unter anderem das Einfrieren der Fronten vorsehen würde – deren Begradigung Assad offenbar in Aleppo erlaubt wird, zum Entsetzen der Opposition.

Russland scheint weiters erreicht zu haben, dass die USA, die bisher lediglich den IS bekämpft haben, sich auch am Kampf gegen die Nusra-Front beteiligen, zumindest durch geheimdienstliche Zusammenarbeit. Aber die Schwierigkeit dabei bleibt, dass dadurch auch US-gestützte Gruppen geschädigt werden könnten, denn die territorialen und organisatorischen Grenzen zwischen Nusra und den anderen sind oft fließend.

Was die Russen geben, bleibt noch zu sehen: Wenn sie einen wenngleich gestärkten Assad dazu bringen, ernsthafte Verhandlungen zu führen – mit dem Endziel seines Abgangs –, wäre es schon etwas. (Gudrun Harrer, 22.7.2016)

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  • Zerstörte Gebäude nach Angriffen in Aleppo.
    foto: reuters/ismail

    Zerstörte Gebäude nach Angriffen in Aleppo.

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