Türkei und Österreich: Ein Wörtchen der Kritik

Kommentar21. Juli 2016, 17:02
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Die innige Verbindung von Erdoğan-Türkentum und Islam in Österreich ist äußerst unerquicklich, aber wohl nicht zu ändern

Wenn es nicht so dumm-grausam wäre, dann könnte man schon wieder darüber lachen: Der bei den Pro-Erdoğan-Demonstrationen in Wien gesichtete Slogan "Wenn jemand den Kopf erhebt, dann schlag ihn ab" fällt zwar laut türkischem Botschafter und dem türkeistämmigen designierten Vorsitzenden der Islamischen Glaubensgemeinschaft ganz offenbar unter Demokratiepflege, stammt aber vom vorvorletzten (und letzten sozusagen echten) Sultan des Osmanischen Reiches, Abdülhamid II. (er wurde 1909 von den Jungtürken abgesetzt). Der Sultan ist inzwischen im Social-Media-Zeitalter angekommen und verbreitet posthum per Twitter osmanische Nostalgie. Der Slogan gehört demnach klar ins neoosmanische Eck – als Ansage gegen das kemalistische Gedankengut der türkischen Republik.

Ob das die Demonstranten, die nach dem Putschversuch auf die Straßen gingen, wissen, sei dahingestellt: Dass der Slogan billigend die an Putschisten in der Türkei verübte Lynchjustiz hinnimmt – es gab ja auch Enthauptungen -, ist indes klar. Ein Wörtchen der Kritik oder Ermahnung vonseiten des türkischen Botschafters in Österreich konnte man natürlich schon deshalb nicht erwarten, weil das der offiziellen Politik seines Präsidenten widersprechen würde (nicht, dass hier behauptet werden soll, dass der Botschafter die Politik Tayyip Erdoğans nicht freudig mitträgt). Aber vom designierten Vorsitzenden der Islamischen Glaubensgemeinschaft, einem eingeborenen Österreicher, hätte es sich vielleicht nicht schlecht gemacht.

Von diesem, Ibrahim Olgun, hörte man auch im STANDARD, dass "der Islam" ganz allgemein für eine demokratische Ordnung sei. So entschieden man der Meinung entgegentreten soll, dass Muslime und Musliminnen prinzipiell weniger demokratiefähig seien als Angehörige anderer Religionen, so gilt für "den Islam" – und für diesen im Moment besonders -, was für alle Religionen mit Absolutheitsanspruch gilt: Die Demokratie muss ihnen abgerungen werden. Wer bestreitet, dass die islamisch geprägten Länder – aus unterschiedlichen historischen Gründen – in dieser Beziehung ins Hintertreffen geraten sind, der hat eine etwas seltsame Weltsicht, zumindest für einen österreichischen Funktionär, der der Herr Olgun ja ist.

Dass Sebastian Kurz den türkischen Botschafter Hasan Göğüş – der in Leserbriefen bedauert hat, dass die Österreicher nicht mit den Enthauptungsfans gemeinsam demonstrieren gegangen sind – ins Außenministerium zitiert hat, ist Standard und gut so. Ebenso, dass sich der Verfassungsschutz mit diesen Fragen befasst. Und Bundeskanzler Christian Kern spricht indes mit den "islamischen Verbänden". Die innige Verbindung von Erdoğan-Türkentum und Islam in Österreich ist äußerst unerquicklich, aber wohl nicht zu ändern. Und das Schlimme ist, dass unser überkonfessionelles Abendgebet so aussieht: Gott erhalte uns eine stabile Türkei, denn wenn diese zusammenbricht, dann ist wohl auch das Ende für die EU gekommen. (Gudrun Harrer, 21.7.2016)

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