Yamaha Tracer 700: Die Antwort auf so gut wie alles

Test1. August 2016, 13:01
81 Postings

Soeben eingetroffen: Ein Motorrad, das eigentlich alles kann und es schwer macht, sich Argumente für ein anderes zu überlegen.

Sie brauchen nicht weiter zu suchen, Sie haben es schon gefunden, das einzige Motorrad, das Sie vielleicht jemals BRAUCHEN werden. Die Yamaha Tracer 700 – erst seit wenigen Tagen backfrisch auf dem Markt – kann alles, macht alles. Draufsetzen, ob allein oder zu zweit, und losfahren. Punkt. That's it, egal ob langsam gecruist, schell einmal eine Autokolonne aufgeschnupft werden soll oder ob man Flick-Flak-Spaß auf der kurvenreichen Landstraße haben will.

Freilich, die ganzen Gimmicks, Federn und Helferleins der drei- bis viermal teureren Maschinen sind die reine Wucht, aber ehrlich: Braucht man das alles wirklich? 75 PS, 68 Newtonmeter und 196 Kilo (vollgetankt) sind mehr als genug für den legalen Fahrspaß (und auch für den Bereich, der ein bissl jenseits davon liegt, habe ich mir von Testpersonen auf abgesperrten Rennstrecken sagen lassen). Und ziemlich fesch ist die Tracer obendrein, wenn man nicht gerade – so wie meine Sozia – eine gnadenlose Hohepriesterin des Classic-Designs ist.

foto: wallisch
Black Beauty trifft auf Black Beauty.

Technisch ist die Tracer 700 fast identisch mit der bestens eingeführten MT-07. MT ist Yamahas Kürzel und Konzept für alle Motoren der neuen Generaton: Maximal Torque, maximales Drehmoment. Und tatsächlich fährt sich dieser Quirl fast schon wie ein Elektromotor: Egal, in welchem Drehzahlbereich man am Gasgriff zupft: Der Vortrieb ist unmittelbar und mit einer Vehemenz da, dass es eine Gaudi ist!

Gut hingetrimmt

Der Reihenzweizylinder ist also baugleich mit der MT-07, ebenso der Rahmen. Der Federweg wurde verlängert, um das Motorrad auf jenen Einsatzbereich hinzutrimmen, den Yamaha "Sport Touring" nennt. Das bedingt auch fast zwangsläufig eine etwas längere Schwinge und natürlich eine aufrechtere Sitzposition.

Insgesamt erstaunlich, wie man mit Plattformbauweise zwei in ihrer Anmutung doch recht unterschiedliche Geräte herstellen kann. Da hat man sich bei der Entwicklungsarbeit wirklich viel und gut überlegt. Die dritte Schwester aus dem Hause ist dann die vielseitige XSR 700, die noch mehr in Richtung Funbike gestriegelt wurde.

wallisch
End of the road. Ab hier greift man besser zur Ténéré aus dem Hause desselben Herstellers.

Ziemlich super auch das Fahrwerk, das zum launigen Heizen einlädt und auch zu zweit kaum jemals überfordert scheint. Freilich: Vorne würde man sich mehr Verstellmöglichkeiten (Vorspannung und Dämpfung) wünschen, aber hey, das ist ein 8.500-Euro-Bike, und dafür ist es schon wirklich sehr sehr sehr gut! Im Solobetrieb fällt auf, dass bei langsamerer Fahrweise kurze Stöße recht deutlich durchkommen, dieser Effekt verschwindet aber bei flotterem Tempo fast vollständig, da wirkt die Tracer sehr souverän.

Schräääägwinkel

Kurven liebt sie innig und heiß, da helfen die Michelin Pilot Road 4 eifrig mit, sich auch bei ordentlichen Schräglagen pudelwohl zu fühlen.

Keine Ahnung, ob es sich funktional auswirkt, aber die Tatsache, dass die Heckfederung nicht am Rahmen angeflanscht wird, sondern direkt am Motorblock, sieht schon sehr super aus. Hinten ist die Feder-Stoßdämpfer-Einheit gut zu erreichen, man kann sich also ein wenig herumspielen mit der Vorspannung.


wallisch
Unverkennbar ist die enge Verwandtschaft mit der nackerten MT-07, die Verkleidung erinnert ein bisschen an die Fazer. Wahrscheinlich ist das gewollt.

Ein spezielles Kapitel bei Yamaha ist immer die Ergonomie. Schon seit jeher legt man in Iwata großen Wert darauf, dass man sich auf ihre Mopettn bloß draufsetzen muss und wohl fühlt. Alles ist stimmig: Sitzhöhe, Kniewinkel, Entfernung zum Lenker, dessen Kröpfung, der Komfort des Sitzes... alles passt – alle Winkel und Entfernungen sind so, wie man sie auch hierzulande bei der schweren Arbeit vorfindet: Heurigenbankl, Tisch, G'mischter Satz. Gemütlich, natürlich, wie eine zweite Natur, quasi. Nach dem Wiener Prinzip wird das System auch flüssig gekühlt, was höchst effizient ist. Keine Gefahr, in der Stadt Grillstelzen zu bekommen.

wallisch
Das Windshield ist minimalistisch, hat aber eine verblüffend große Wirkung.

Zum Wohlsein gehört – zumal am Motorrad – auch die nötige Frischluftversorgung. Das Windshield sieht zwar mikrig klein nach nichts aus, ist aber aeordynamisch ganz schön ausgeklügelt. Unten schmal, damit man einen engen Lenkwinkel zusammenkriegt, oben hingegen so breit, dass der Oberkörper von Schulter zu Schulter tatsächlich entlastet wird.

Smartes Windshield

Freilich, windstill wie bei Megatourern ist es nicht, aber der Windschutz ist in Kombination mit Scheinwerfer-Verkleidung und Lenkergriff-Spoiler erstaunlich gut gelungen. Die Scheibe lässt sich stufenlos in der Höhe verstellen. Trotz meiner 182 cm habe ich sie in der tiefsten Position arretiert: Da ist der Oberkörper gut abgedeckt, der Kopf steht dann zwar im Wind, ist aber dafür frei von jenen Turbulenzen, die eine höher eingestellte Windkante mit sich bringen würde.

wallisch
Abblendlicht rechts (in Fahrtrichtung gesehen), Fernlicht links, Lichthupe links UND rechts. Im Übrigen steht nicht der Horizont schief, sondern natürlich das Motorrad.

In der Nacht sorgt der Doppelscheinwerfer für guten Durch- und Weitblick. Das Abblendlicht leuchtet rechts (in Fahrtrichtung gesehen), das Fernlicht links, die Lichthupe ist eine Kombination aus beiden. Der Lichtkegel ist breit genug, um auch nächtens in engen Kehren immer einen gut ausgeleuchteten Streckenverlauf zu haben.

Knopferlharmonika

Bloß die Knopferl am Lenker sind etwas für Feinmotoriker. Zwar sind sie ergonomisch an den richtigen Stellen, doch tendenziell sind sie mir zu klein und filigran. Über den Lo-Hi-Lichtschalter wischt man mit Lederhandschuhen manchmal drüber, ohne einen festen Druckpunkt zu spüren. Ebenso beim Blinkerhebel, der zwar supereasy auslöst, aber kaum ein vernehmbares bzw. spürbares Klicken als Feedback gibt. Einfach zu smooth das Ganze. Aber ich gebe zu, ich nörgle hier auf dem hohen Niveau eines K2 oder Mount Everest...

wallisch
Sehr in Ordnung die Bremserei, absolut state of the art

Tadellos die Bremsen auf der Tracer. Sicher, Supersporthobel werfen ihren Anker noch viel brutaler, aber hier haben wir es ja mit einem extrem alltagstauglichen Gefährt zu tun. Jedenfalls sind die beiden Scheiben vorne mehr als großzügig dimensioniert, sie kommen mit dem vergleichsweise geringen Gewicht von nicht einmal 200 aufgetankten Kilos (plus Fahrer, natürlich) sehr, sehr gut zurecht und sind super zu dosieren.

ABS meldet sich hinten früh

Auf Bergabpassagen kann es leicht passieren, dass das ABS hinten reinregelt, obwohl man noch gar nicht so fest zugepackt hat. Das mag damit zusammenhängen, dass das Heck in solchen Situationen recht leicht wird. Wohlgemerkt, man hat nie das Gefühl, schon am Limit zu sein, aber vielleicht mag sich Yamaha da eine andere Sensorprogrammierung überlegen... (Auch hier reden wir natürlich wieder vom K2...)

wallisch
Das Heck ist ... naja ... funktionell.

Reden wir kurz vom Design... Am Heck hat Yamaha nämlich eine optische Sollbruchstelle eingebaut: Die Nummerntafel-Halterung ist nicht wirklich gelungen, sie sieht so aus, als ob hier ein Modellflugzeug zum Tanken angedockt hätte. Doch schon ein schneller Blick in die Aufpreisliste verspricht Labsal für die Augen: Da gibt es eine wesentlich feschere Lösung im Angebot, ohne Plastikflügerl.

Am Heck und auf der Innenseite der hinteren Fußrastenstützen ist auch zu erkennen, dass die Tracer durchaus auch für die große Tour gedacht ist: Hier gibts solide Befestigungspunkte für ordentliche Gepäcksysteme.

wallisch
Fast grazil, dafür aber umso hübscher: die Krümmer, die sich unter dem Motorblock sammeln.

Wofür man mit Sicherheit nie von den Gesetzeswächtern aufgehalten werden wird, ist die Lärmentwicklung. Diese gibt es nämlich kaum. Der Serien-Auspuff ist im wahrsten Sinne eine Flüstertüte. Erst bei beherzterer Fahrweise wird der Sound kernig, doch da pfeift längst schon der Wind derart, dass man kaum etwas davon mitkriegt.

Gut möglich also, dass die Akrapovič-Anlage zum beliebtesten Zubehör zählen wird, auch wenn sie ein stolzes Achtel des Kaufpreises einer ganzen Tracer ausmacht.

werk
Im Vergleich zur sportlich-strafferen Nackt-Version MT-07 bietet die Tracer 700 mehr Komfort in Sachen Ergonomie und Federung – auch für die Sozia / den Sozius. Gepäck lässt sich auch genug für einen Urlaub zu zweit draufschnallen bzw. -klicken.

Und was sagt eigentlich die Sozia zur Tracer? Sitzkomfort und Überblick fallen zur vollsten Zufriedenheit aus, auch der Gedanke an einen Langstreckenurlaub löst keine Panik aus. Auch im Zweierbetrieb in der Stadt bleibt die Yamse sehr agil, hat genug Vortrieb und gehört aufgrund ihrer Wendigkeit zu jenen Motorrädern, mit denen man keine großen Bogen um die City machen muss.

Ziemlich ideal

Unter dem Strich also ein ideales Motorrad für so ziemlich jedes Mobilitätsbedürfnis. Und wenn Sie beim Benzingespräch an der Kreuzung oder vorm Café wie beiläufig auf den Preis zu sprechen kommen, werden Sie mit Sicherheit beobachten können, wie erschrockene Ungläubigkeit aussieht. Besonders gut funktioniert das bei Fahrern deutscher Fabrikate. Die vergessen dann sogar, bei Grün loszufahren, weil sie immer noch kalkulieren, wie sich so ein komplettes Motorradl zu so einem Preis ausgehen kann... (Gianluca Wallisch, 1.8.2016)

werk
Drei Farben hat man zur Auswahl. In Wahrheit würde eine genügen. Welche wohl?

Technische Daten


Motor

Motortyp: 2-Zylinder-Motor, 4-Takt, Flüssigkeitsgekühlt, DOHC, 4 Ventile
Hubraum: 689 ccm
Bohrung x Hub: 80,0 mm x 68,6 mm
Verdichtung: 11,5 : 1
Leistung: 55,0 kW (74,8PS) bei 9.000 /min (gedrosselte Version 35,0 kW bei 7.500 /min)
Drehmoment: 68,0 Nm (6,93 mkp) bei 6.500 /min
Schmierung: Nasssumpf
Kupplung: Ölbad, Mehrscheiben
Gemischaufbereitung: Elektronische Benzineinspritzung
Zündung: Transistor
Startsystem: Elektrisch
Getriebe: sequentielles Getriebe, 6-Gang
Sekundärantrieb: Kette
Verbrauch: Im gemischten Testbetrieb unter 5 Liter auf 100 Kilometer laut Verbrauchsanzeige. Hauptanteil Überland, mit kleineren Anteilen von Autobahn und Stadtverkehr

Fahrwerk

Rahmenbauart: Brückenrohrrahmen
Federung vorn: Teleskopgabel mit Federweg 130 mm
Lenkkopfwinkel: 24,8 Grad
Nachlauf: 90 mm
Federung hinten: Schwinge, Zentralfederbein, Federweg 142 mm
Bremse vorn: 2 Scheiben, Durchmesser 282 mm, ABS
Bremse hinten: 1 Scheibe, Durchmesser 245 mm, ABS
Reifen vorn: 120/70 R17 M/C 58W (tubeless)
Reifen hinten: 180/55 R17 M/C 73W (tubeless)
Werksbereifung bes Testmotorrades: Michelin Pilot Road 4

Abmessungen

Gesamtlänge: 2.138 mm
Gesamtbreite: 806 mm
Gesamthöhe: 1.270 mm
Sitzhöhe: 835 mm
Radstand: 1.450 mm
Bodenfreiheit: 140 mm
Gewicht, fahrfertig, vollgetankt: 196 kg
Tankinhalt: 17,0 Liter
Öltankinhalt: 3,0 Liter

Preis

8.499,- Euro inkl. 12% NoVA und MWSt (Aktion bis auf Widerruf), Listenpreis 9.499,- Euro (Preise für Version A bzw. A2 mit Leistungsreduktion sind gleich.)


Eine Übersicht des wichtigsten Werks-Zubehörs findet sich HIER

Link

Yamaha

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

Share if you care.