Grasser, der zweimal verhinderte Nachfolger

22. Juli 2016, 11:30
247 Postings

Von 1993 bis 2007 war Karl-Heinz Grasser – mit einer karrierefördernden Unterbrechung – in der Politik. Er konnte aber weder Jörg Haider noch Wolfgang Schüssel nachfolgen

Wien – Karl-Heinz Grassers Aufstieg war kometenhaft: 1992 entdeckte Jörg Haider, damals Ex-Landeshauptmann und Klubchef der FPÖ im Parlament den jungen Mann "aus gutem Hause" (wie Grasser selbst sich gern sieht, in Wahrheit handelte es sich um ein gutes Autohaus) und holte ihn zu sich in den Parlamentsklub.

23 Jahre war Grasser da alt, Magister der Betriebswirtschaftslehre und entschlossen, der FPÖ ihr verlorengegangenes wirtschaftsliberales Image zurückzugeben. Haider sah den Eifer des jungen Grasser mit Wohlgefallen, machte ihn zum Geschäftsführer der Freiheitlichen Akademie und 1993 zum Generalsekretär – an der Seite von Walter Meischberger, mit dem er sich besser verstand als mit dem dritten Generalsekretär Herbert Scheibner.

Freiheitlicher EU-Befürworter

Als einziger von den Dreien (und anders als Haider selbst) deklarierte sich Grasser vor der EU-Volksabstimmung als Befürworter eines Beitritts.

Es hat ihm nicht geschadet, denn Haider hatte mehr mit Grasser vor. Er schickte ihn 1994 in die Kärntner Landespolitik, aus der Haider selbst nach dem untragbaren Sager über die "ordentliche Beschäftigungspolitik" des Dritten Reichs 1991 geflogen war. Grasser wurde Landeshauptmannstellvertreter unter dem schwarzen Landeshauptmann Christof Zernatto – und in dieser Position quasi mit dem Etikett des natürlichen Nachfolgers Haiders ausgezeichnet.

Streit mit Jörg Haider

Doch wie es so war in der Haider-FPÖ: Die beiden überwarfen sich, denn Haider wollte selbst auf den Landeshauptmannsessel zurück. Grasser nannte ihn Anfang 1998 "nicht sehr motiviert" – und kehrte der Politik im Sommer den Rücken. Haider munkelte von großen Summen, die da im Spiel gewesen sein müssen. Tatsächlich taucht Grasser unmittelbar danach in Frank Stronachs Magna-Imperium auf.

Als Stronach-Sprecher und Magna-Personalchef kann er aus komfortabler Distanz beobachten, wie die rot-schwarze Regierungsbildung Anfang 2000 scheitert – und auch noch feixend bekanntgeben, dass der rote Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas ebenfalls zu Stronach wechselt, was als weitere Schwächung der in den Verhandlungen ausgetricksten SPÖ gesehen wurde.

Haider, inzwischen wieder Landeshauptmann, erinnerte sich indessen, dass Grasser doch EU-Befürworter war, was angesichts der internationalen Kritik an der schwarz-blauen Koalition einen guten Eindruck auf dem blauen Regierungsticket machen konnte. So wurde Grasser im Februar 2000 Finanzminister von Haiders Gnaden.

Parallelen zu Hannes Androsch

Jung und fesch – das waren die Attribute die dem jüngsten Finanzminister der Zweiten Republik attestiert wurden: Grasser war gerade 31 Jahre geworden. Bis dahin war der 1970 mit 32 Jahren ins Finanzministerium gekommene Hannes Androsch (SPÖ) der jüngste Amtsinhaber gewesen – mit derselben Einschätzung.

Was Grasser mit Androsch verbindet, ist nicht nur, dass sie nach dem Ende ihrer politischen Karriere beide jahrelang von der Justiz verfolgt wurden. Beide haben zu Beginn ihrer Karriere im Finanzministerium auch durchaus gute Figur gemacht.

Nulldefizit und New Economy

Grasser verstand es, den Sparkurs der Regierung Schüssel als politische und ökonomische Wende (Stichwort: "Nulldefizit") zu vermarkten und sich – mit Unterstützung des PR-Manns Peter Hochegger – zur Marke "KHG" zu stilisieren.Dazu kommt, dass Finanzminister in der österreichischen Bevölkerung stets hohe Sympathiewerte genießen. Da sah man auch über frühe Warnungen hinweg, die auf mögliche Schlaglöcher auf Grassers Weg der New Economy hingewiesen hatten.

Es dauerte auch nicht lange, bis Grasser wieder mit Haider zusammenkrachte: Haider und die FPÖ-Basis forderten 2002 in Knittelfeld die versprochene Steuerreform ein – Grasser und die FPÖ-Bundesspitze wurden gestürzt.

Die Stunde des Wolfgang Schüssel

Es war die Stunde des Wolfgang Schüssel: Er wusste, dass die Neuwahl 2002 nur mit dem beliebten Finanzminister an Bord zu gewinnen war. Er holte ihn als "unabhängigen" Minister in sein Team. Und er hielt ihn trotz aller immer lauter werdenden Kritik. Das ging 2002 gut. 2006 nicht mehr. Die Schüssel-ÖVP verlor knapp – und Schüssel versuchte im Jänner 2007, seiner Partei Grasser als Vizekanzler schmackhaft zu machen.

Das aber war dem Partei-Establishment dann doch zu viel: Andreas Khol, der gerade seinen Posten als Nationalratspräsident verloren hatte, wollte Grassers Sonderrolle in einer rot-schwarzen Koalition verhindern, weil Parteiobmannschaft und Vizekanzlerposten in einer Hand bleiben sollten. Es war die nicht sehr glückliche Hand von Wilhelm Molterer.

Grassers politische Karriere war zu Ende. Ab da interessierte sich der Staatsanwalt für ihn. (Conrad Seidl, 22.7.2016)

  • Ende der politischen Karriere: Wolfgang Schüssel brachte am 9. Jänner 2007 in den ÖVP-Gremien seinen Wunsch nicht durch, Karl-Heinz Grasser zum Vizekanzler zu machen
    foto: reuters / prammer

    Ende der politischen Karriere: Wolfgang Schüssel brachte am 9. Jänner 2007 in den ÖVP-Gremien seinen Wunsch nicht durch, Karl-Heinz Grasser zum Vizekanzler zu machen

Share if you care.