"Das Happel ist für mich wie ein kleines Wohnzimmer"

Interview22. Juli 2016, 17:20
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Goalie Robert Almer will mit der Austria in der neuen Saison Rapid und Salzburg zumindest ärgern. Der Stadionumzug sei kein Drama. Von der Leistung bei der EM ist er noch immer enttäuscht, Differenzen im Team soll es nicht gegeben haben

STANDARD: Obwohl Sie mit der Austria am Donnerstag souverän in die dritte Quali-Runde der Europa League eingezogen sind, wird noch immer über die EURO gesprochen. Können Sie den Internet-Heuler "Was hält Almer von Ronaldo? – Alles!" noch hören?

Almer: Einerseits ist es nach ein paar Wochen schon auch ein bisserl zäh, wenn man immer den gleichen Spruch hört, andererseits wird dadurch die Leistung, die ich erbracht habe, auch ein wenig geschmälert.

STANDARD: Ihre Leistung bei der EURO war herausragend. Sie hatten vor allem gegen Portugal unglaubliche Momente und Ronaldo und Co mit Ihren Paraden nahezu zur Verzweiflung gebracht. Sie schienen gar nicht nervös gewesen zu sein.

Almer: Nein. Ich glaube, das wäre auch kontraproduktiv, wenn man nervös in ein wichtiges Spiel geht. Es war viel mehr Vorfreude vorhanden und es war ein Ansporn, bei so einem Turnier spielen zu dürfen. Es gab aber sehr wohl eine positive Anspannung, die Atmosphäre und diese Stimmung mitbekommen zu dürfen. Es war ein besonderer Moment und keine Zeit nervös zu sein.

STANDARD: Man hatte jedoch den Eindruck, dass einige Ihrer Kollegen sehr wohl nervös oder zumindest außer Form waren.

Almer: Ich würde es gar nicht als Nervosität bezeichnen, sondern ich glaube, dass wir zu viel wollten. Wir wollten den entscheidenden Pass spielen, das Besondere machen und das hat speziell gegen Ungarn überhaupt nicht funktioniert.

STANDARD: Haben Sie die Euro bereits abgehakt oder denken Sie manchmal noch daran, was möglich gewesen wäre?

Almer: Ich denke natürlich schon hin und wieder daran und bin nach wie vor enttäuscht, dass wir nicht weitergekommen sind. Aber man muss das für sich und im Team analysieren und die richtigen Schlüsse daraus ziehen und es in der WM-Qualifikation besser machen. Weil das auf jeden Fall eine sehr schwere Aufgabe wird.

STANDARD: Hat man vielleicht Ungarn und Island doch unterschätzt?

Almer: Das würde ich nicht sagen. Bei Island hat man gewusst, dass sie in der WM-Qualifikation erst im Playoff ausgeschieden sind. Wir haben gewusst, dass sie eine gewisse Qualität haben und defensiv sehr kompakt stehen. Da haben wir uns auf alle Fälle sehr schwer getan. Ungarn war sicher eine kleine Unbekannte, aber unterschätzt haben wir sie auch nicht. Ich glaube, dass sie in dem Spiel bei Zweikampfverhalten, bei Einsatz und Willen um das mehr gezeigt haben, als wir zustande gebracht haben. Und daher sind wir dann auch verdient als Verlierer vom Platz gegangen.

STANDARD: Hat man die EM-Quali-Erfolge gegen die bei der EURO auch nicht überzeugenden Teams wie Russland und Schweden vielleicht zu hoch bewertet?

Almer: Das glaube ich nicht. Man hat gesehen, dass wir gegen Russland nicht so souverän waren, sowohl zuhause als auch in Russland zu kämpfen hatten. Auch die Schweden-Partie zuhause war eine knappe Partie und dass es auswärts so klar ausgegangen ist, ist wieder eine andere Geschichte, aber da hatten die Schweden auch einige Chancen, aus denen sie mehr Tore hätten machen können. Die Spiele waren alle sehr knapp und ich glaube schon, dass wir das richtig eingeschätzt haben.

STANDARD: Es hat nach der EURO wilde Gerüchte gegeben, angeblich sollen Teller geflogen sein, was jedoch umgehend dementiert wurde. Die Stimmung im Team soll nicht die beste gewesen sein. Es soll eine Gruppenbildung gegeben haben. Ist wie so oft ein bisserl was dran?

Almer: An diesen Gerüchten ist gar nichts dran, ich kann mich diesbezüglich nur wiederholen. Manche Medien saugen sich gewisse Dinge aus den Fingern. Ich finde es schade, dass irgendein Grund gesucht wird, wenn von der Mannschaft keine Informationen kommen. Aber das ist der falsche Weg.

STANDARD: Sind Sie nun so knapp nach der EURO bereits wieder voll fit und fokussiert auf Bundesliga und Europa-League-Qualifikation?

Almer: Ich habe die ersten zwei Trainingswochen hinter mir. Es ist natürlich schon etwas anstrengend nach dem Kurzurlaub schon wieder Vollgas zu geben, aber ich bin bereits wieder auf einem guten Level.

STANDARD: Wie beurteilen Sie den aktuellen Austria-Kader?

Almer: So weit ich das nach der kurzen Zeit beurteilen kann sind Filipovic und Pires auf alle Fälle eine Verstärkung. Wenn man bedenkt, dass Gorgon weg ist, so sollte das Niveau annähernd dasselbe sein. Wichtig wird sein, dass wir über die Saison hinweg als Kollektiv stark auftreten, weil wir nur so erfolgreich sein werden beziehungsweise Rapid und Salzburg ärgern können.

STANDARD: Das Los der Wiener Vereine ist insofern traurig, als mehr als Red Bull zu ärgern und den Vizemeistertitel anzuvisieren kaum drinnen ist. Das aber macht die Liga nicht spannender.

Almer: Mit den budgetären Möglichkeiten hat Salzburg natürlich einen Vorsprung, aber wir müssen einfach geschlossen auftreten und versuchen, die Überraschung zu schaffen.

STANDARD: Letzte Saison schaute für die Austria Platz drei heraus. Nicht nur für die eigenen Ansprüche zu wenig?

Almer: Man muss das richtig einschätzen. Wir haben uns für den internationalen Bewerb qualifiziert, darf dabei aber auch nicht vergessen, dass das Budget gekürzt wurde, weniger in die Mannschaft investiert wurde und Rapid und Salzburg wahrscheinlich weiter voraus sind. Aber mit Konstanz und einer perfekten Saison ist es auch möglich, dass man ganz vorne ist. Das hat Leicester eindrucksvoll gezeigt. Wichtig wird sein, den dritten Platz zu halten, sodass wir uns wieder für das internationale Geschäft qualifizieren. Das wird, was die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Klubs betrifft, wichtig sein.

STANDARD: Für die Austria heißt es nun wegen Stadionumbau zwei Jahre im Happel zu überdauern. Ein doch eher unbefriedigender Umstand, weil das Stadion zumeist bei weitem nicht voll sein wird.

Almer: Wir Spieler dürfen uns darüber keine Gedanken machen. Wichtig ist, was wir am Platz zeigen. Wenn unsere Leistungen passen, werden auch mehr Zuschauer kommen. Vielleicht kriegen wir es auch voll, wer weiß? Für mich war das Happel-Stadion auf Grund der Nationalteameinsätze immer wie ein kleines Wohnzimmer. Von da her freue ich mich auf die Spiele dort.

STANDARD: Wie ist Ihr Verhältnis zu Zweiergoalie Osman Hadzikic? Besteht Rivalität?

Almer: Ich bin der Alte, er ist der Junge. Die Jungen versuchen immer Gas zu geben, das ist ganz normal. Man pusht sich gegenseitig und treibt so die Leistung nach oben. Es gibt bei ihm Dinge, die er noch verbessern kann und es gibt auch bei mir mit 32 noch Sachen, die ich noch verbessern muss oder an denen ich arbeiten will.

STANDARD: Sie haben noch einen Vertrag bis Ende dieser Saison. Gibt es bereits Überlegungen, wie es danach weiter gehen soll?

Almer: Ich mache mir diesbezüglich überhaupt keinen Stress. Mein Ziel wäre noch bis zur EM 2020 zu spielen. Ich muss schauen, wie es mir dann körperlich geht und ob sich das realisieren lässt, aber man sieht bei Gianluigi Buffon, dass es sicher etwas länger möglich ist.

STANDARD: Im ersten Saisonspiel geht es gegen Aufsteiger St. Pölten. Wie schätzen Sie die Daxbacher-Elf ein?

Almer: Alle Gegner sind unangenehm, aber vor allem die, die um den Klassenerhalt kämpfen. Sie werden sehr kompakt stehen, zweikampfstark in der Defensive sein und aus Standards immer wieder Nadelstiche setzen. Und dann ist es auch für spielerisch stärkere Mannschaften schwierig, dieses Bollwerk zu durchbrechen, das hat man auch bei der EURO gesehen. Wir müssen versuchen in der Defensive auch kompakt zu stehen und über die spielerische Linie durchzukommen. (Thomas Hirner, 22.7.2016)

Robert Almer (32) aus Bruck an der Mur steht nach durchwachsenen Engagements in Deutschland (Düsseldorf, Cottbus, Hannover) seit 2015 bei der Austria unter Vertrag und ist seit 2011 ÖFB-Teamgoalie. Er ist verheiratet mit Dominique Nadarajah, ihre gemeinsame Tochter heißt Juna-Éloïse.

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Austria Wien

  • Almer: "Wichtig wird sein, dass wir über die Saison hinweg als Kollektiv stark auftreten, weil wir nur so erfolgreich sein werden beziehungsweise Rapid und Salzburg ärgern können."
    foto: apa/robert jaeger

    Almer: "Wichtig wird sein, dass wir über die Saison hinweg als Kollektiv stark auftreten, weil wir nur so erfolgreich sein werden beziehungsweise Rapid und Salzburg ärgern können."

  • Bei der EURO brachte Robert Almer (re) mit seinen Glanzparaden Ronaldo (li) und Co und somit die späteren Europameister an den Rand der Verzweiflung.
    foto: apa/afp/kenzo tribouillard

    Bei der EURO brachte Robert Almer (re) mit seinen Glanzparaden Ronaldo (li) und Co und somit die späteren Europameister an den Rand der Verzweiflung.

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