Pro-Erdoğan-Demos in Wien: Versagen unserer Demokratie

Userkommentar21. Juli 2016, 14:02
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Viele Wiener sind verängstigt. Der migrantische Patriotismus wird zunehmend zum österreichischen Problem

Ein rotes Meer an türkischen Fahnen, "Allahu akbar"-Rufe, Agressionspotenzial: Nach den lautstarken Demos der Wiener Erdoğan-Anhänger am vergangenen Wochenende sind die österreichische Politik und die Öffentlichkeit empört. Viele fragen sich, wie es dazu kommen kann, dass hier seit langem lebende türkische Zuwanderer immer noch ein starkes Sentiment für ihr altes Heimatland und sein umstrittenes Regime spüren.

Als häufigste Ursache für dieses Verhalten wird in der Öffentlichkeit die fehlende Integration von türkischen Zuwanderern in Österreich genannt: Tatsächlich liegt die hier lebende türkische Community mit fast 60 Prozent der Personen mit Pflichtschulabschluss weit hinter den Zuwanderern aus dem exjugoslawischen und EU-Raum. Bei der Erwerbstätigenquote schneiden türkische Zuwanderer ebenfalls schlechter ab als die aus Ex-Jugoslawien und der EU. Das patriotische Romantisieren für die Türkei und ihren Präsidenten scheint dann für viele eine willkommene Flucht aus der tristen Realität in Österreich zu sein.

Versäumnisse der Politik

Eine weitere, ebenso schwerwiegende Ursache muss in der österreichischen Integrationspolitik und im politischen Verhalten der Großparteien gegenüber Zuwanderern gesucht werden. Trotz mittlerweile öffentlichkeitswirksamer Integrationsmaßnahmen betreibt Österreich immer noch keine inklusive Integrationspolitik. Statt eines österreichischen Wir-Gefühls überwiegt immer noch eine ausgeprägte Wir-sie-Trennung in autochthone Österreicher und zugewanderte Ausländer – ein Zustand, der mittlerweile generationsübergreifend negative Auswirkungen hat.

Diese Trennung wird so lange dauern, bis Migranten auch politisch ein Teil Österreichs werden. Bislang haben österreichische Großparteien Stimmen von migrantischen Wählern überwiegend nach dem ethnischen Prinzip gefangen: So hat die SPÖ jahrzehntelang mit türkischstämmigen Kandidaten in der türkischen Community gepunktet, die FPÖ in der serbischen Community. Für die politische Partizipation und Integration von Migranten war das keinesfalls fördernd, ganz im Gegenteil: Es hat ihr ethnisch geprägtes politisches Verständnis und Selbstbild sogar noch verstärkt.

Solange sich ein Großteil unserer Migranten immer noch vordergründig als Türken, Serben, Bosniaken und so weiter definiert beziehungsweise als solcher von der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird, müssen wir mit patriotisch aufgeladenen Demos wie der türkischen vom vergangenen Wochenende oder etwa der serbischen aus dem Jahr 2008 anlässlich der Kosovo-Anerkennung rechnen. Empörung, Verwunderung und gelegentliche "Ab in die Heimat"-Botschaften als Reaktion werden uns dabei sicher nicht weiterhelfen. (Nedad Memić, 21.7.2016)

  • Die Demo gegen den Putschversuch am vergangenen Samstag am Wiener Heldenplatz.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Die Demo gegen den Putschversuch am vergangenen Samstag am Wiener Heldenplatz.

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