"Trump benutzt Vokabular und Tonfall der Arbeiterschaft"

Interview21. Juli 2016, 13:56
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Republikaner und Trump sind in einer Beziehung ohne Aussicht auf Trennung, sagt "Washington Post"-Journalist Robert Costa

Das Verhältnis zwischen der "Grand Old Party" und ihrem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump ist zwar schlecht, trotzdem laufe der Parteitag zugunsten des Parteineulings, sagt "Washington Post"-Journalist Robert Costa. Der Wunsch nach Veränderung reiche aus, um gewählt zu werden.

STANDARD: Bis auf die Rede von Ted Cruz am Mittwochabend ist der Parteitag bisher sehr harmonisch verlaufen. Warum?

Costa: Die Republikaner sind bekannt dafür, ihre Parteitage unter Kontrolle zu halten. Ein Grund dafür ist, dass in den Treffen vor dem Parteitag die Regeln festgelegt werden. Die Parteiführung stellt sicher, dass jegliche Rebellion von vornherein abgedreht wird. Es ist daher nicht überraschend, dass es keinen gröberen Aufstand gibt.

STANDARD: Trotzdem ist es doch erstaunlich, dass unter den Besuchern nicht mehr Unzufriedenheit spürbar ist.

Costa: Viele, die unzufrieden sind, sind gar nicht erst erschienen. Sehr viele Konservative und Wirtschaftsbosse sind zu Hause geblieben. Das ist auch ein Vorteil für Trump. Nicht die Country-Club-Republikaner sind derzeit hier, sondern die republikanische Arbeiterschaft. Die vergangenen Parteitage waren sehr Wall-Street-freundlich, große Unternehmen haben fleißig gesponsert. Das ist dieses Mal nicht der Fall.

STANDARD: Welchen Stellenwert hat der Parteitag für einen Kandidaten wie Donald Trump?

Costa: In der Vergangenheit wurde der Kandidat am Parteitag immer erst so richtig vorgestellt. Aber Trump hat schon einen hundertprozentigen Wiedererkennungswert. Der Parteitag ist also weniger wichtig für ihn. Er dominiert die Republikanische Partei nun seit mehr als einem Jahr. Auch wenn einige Parteimitglieder das nicht mögen, ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, das zu akzeptieren. Es ist wie eine schlechte Beziehung, eine Trennung ist bis November nicht möglich.

STANDARD: Das klingt so, als gäbe es kein echtes Interesse daran, ihm bei der Aufholjagd zu helfen, um dann tatsächlich zu gewinnen.

Costa: Ja, genau. Mich erstaunt der nicht vorhandene Enthusiasmus für Donald Trump hier. Viele leere Sitze in der Arena, viele verhaltene Reden. Es gibt keine große Feier rund um Donald Trump. Die Partei will die Wahl so schnell wie möglich hinter sich bringen, sie überleben. Das heißt, die Parteiführung wird nicht die Zeit und das Geld aufwenden, um dafür zu sorgen, dass er gewinnt. In persönlichen Gesprächen sind die meisten Republikaner davon überzeugt, dass Hillary Clinton gewinnen wird und die Lage für Trump aussichtslos ist.

STANDARD: Sehen Sie eine Chance, dass er tatsächlich am Ende vorne liegt?

Costa: Ja, definitiv. Ich berichte nun schon seit eineinhalb Jahren über Donald Trump. Er ist sehr verbunden mit den Leuten im Land. Wir haben acht Jahre lang einen demokratischen Präsidenten gehabt, viele Menschen wollen eine Veränderung. Auch wenn Trump vulgär und rassistisch ist, wird er als eine Veränderung wahrgenommen. Und der Wunsch nach Veränderung ist genug, um gewählt zu werden. Bei Obama war das auch der Fall. Trump ist ein Medienmeister. Er dominiert das Gespräch im ganzen Land. Man muss nur irgendein Medium aufdrehen und hört Trumps Stimme. Das ist eine große Bedrohung für Hillary Clinton. Sie ist möglicherweise die bessere Wahlkämpferin und Politikerin, aber Donald Trump ist einfach überall. Er wurde "normalisiert", ist mittlerweile eine akzeptierte Persönlichkeit.

STANDARD: Für Donald Trump gilt das Motto "Anything goes". Gibt es irgendetwas, das ihm ernsthaft Schaden zufügen könnte?

Costa: Nein, die traditionellen Regeln gelten nicht für Trump. Er hat alle Barrieren durchbrochen. Alles, was er falsch macht und was jeden anderen Kandidaten die Karriere kosten würde, macht ihm nicht einmal Probleme. Und es juckt ihn auch nicht. Es ist erstaunlich, darüber zu berichten. Ich bezeichne Trump als "Black Swan" – ein Phänomen, das total neu und anders ist und sich nicht in die gewohnte politische Ordnung einfügen lässt.

STANDARD: Tragen die Medien eine Mitverantwortung für Trumps Erfolg?

Costa: Ich würde sagen, dass die Medien sich eigentlich ganz gut gehalten haben. Es ist schwierig, über ihn zu berichten, da er täglich für Schlagzeilen sorgt. Berichtet das Kabelfernsehen zu viel über ihn? Wahrscheinlich, aber auch das kann man debattieren. Die Leser sind sehr daran interessiert, was er sagt und tut. Darüber müssen wir berichten, auch wenn es uns Journalisten auf den Geist geht. Wenn er etwas Neues, Frisches sagt, muss man das aufgreifen. Aber natürlich ist das ein Spagat, man will einem Kandidaten ja auch nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken. Trump ist ein Reality-TV-Star, er ist theatralisch und dramatisch. Er hat dem politischen Journalismus sicherlich geschadet. Es fühlt sich mittlerweile so an, als würden wir eine Reality-TV-Show covern und keine Kampagne.

STANDARD: Gilt das auch für den Parteitag selbst?

Costa: Der ist eigentlich konventioneller, als ich erwartet hätte. Trump hat mir gesagt, dass sein Parteitag von Showbusiness und Hollywood geprägt sein soll. Davon haben wir bis jetzt nichts gesehen. Er hat offenbar verstanden, dass er seine Vorstellungen für den Parteitag zurückfahren muss, um die Partei zusammenzubringen.

STANDARD: Es ist bemerkenswert, dass Trump das politische Establishment zum Gegner macht, er selbst aber doch auch zur wohlhabenden Elite des Landes gehört. Warum wird seine Herkunft von seinen Unterstützern ausgeblendet?

Costa: Trump ist an eine Eliteuni gegangen und mit Reichtum aufgewachsen. Er benutzt aber das Vokabular und den Tonfall der Arbeiterschaft. Trump gehört zwar zum Establishment, ist aber trotzdem ein Outsider. Er hat keine engen Freunde an der Wall Street oder in der Republikanischen Partei. Er ist seit so vielen Jahren berühmt, aber ist im Grunde genommen ein einsamer Wolf. Er ist, glaube ich, am glücklichsten, wenn er alleine ist. Er hat ja auch gesagt: Die Person, mit der er am meisten spricht und über die er am meisten nachdenkt, ist er selbst.

STANDARD: Was können wir uns von seiner Rede am Donnerstag erwarten?

Costa: Es wird spannend sein zu sehen, ob er sich tatsächlich an das Skript hält und wie ein Kandidat der Republikaner spricht. Oder ob er den Donald Trump gibt. Das ist immerhin der wichtigste Moment in seiner politischen Karriere. (Teresa Eder, 21.7.2016)

Robert Costa ist Journalist der "Washington Post". Er tritt regelmäßig als politischer Kommentator und Analyst bei NBC und MSNBC auf.

  • Donald Trump sei ein "Black Swan" – "Ein Phänomen das total neu und anders ist, und sich nicht in die gewöhnte politische Ordnung einfügen lässt," sagt Washington-Post-Journalist Robert Costa.
    foto: apa/afp/robyn beck

    Donald Trump sei ein "Black Swan" – "Ein Phänomen das total neu und anders ist, und sich nicht in die gewöhnte politische Ordnung einfügen lässt," sagt Washington-Post-Journalist Robert Costa.

  • Robert Costa (links) mit dem Vorsitzenden des Nationalkomitees der Republikaner, Reince Priebus im April.
    foto: reuters/joe skipper

    Robert Costa (links) mit dem Vorsitzenden des Nationalkomitees der Republikaner, Reince Priebus im April.

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