Arbeitslosigkeit steigt trotz höheren Wachstums

21. Juli 2016, 10:18
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Ungeachtet der anhaltenden Turbulenzen am Arbeitsmarkt blickt das IHS mit Zuversicht in die Zukunft

Wien – Ein grundsätzlich positives Bild malt das Institut für Höhere Studien (IHS) für die österreichische Wirtschaft bis 2020 – nur der Arbeitsmarkt sorgt für einen unhübschen Patzer. Österreichs Wirtschaft soll zwar besser in Tritt kommen und bis Ende des Jahrzehnts 200.000 zusätzliche Jobs schaffen, allerdings reicht das nicht aus, um das steigende Arbeitskräfteangebot auszugleichen. Daher soll die Arbeitslosenquote erst 2018 bei 9,9 Prozent gipfeln und auch danach bei knapp zehn Prozent verharren.

Das höhere Angebot aus arbeitswilligen Personen kommt laut IHS-Volkswirt Helmut Hofer durch mehr Frauen und ältere Personen am Arbeitsmarkt zustande – vor allem aber durch den weiterhin regen Zuzug aus osteuropäischen EU-Ländern. Diese Arbeitsmigration stuft Hofer als positiv ein, schließlich gilt für ihn folgende Formel: "Ohne Zuwanderung aus Osteuropa hätten wir möglicherweise eine geringere Arbeitslosigkeit, aber auch ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum."

Bildung und geringere Arbeitskosten

Aus seiner Sicht braucht der Jobmarkt Arbeitskräfte mit Kompetenzen, die auch gebraucht werden. Das Auseinanderklaffen von nachgefragten und angebotenen Qualifikationen zählt zu den strukturellen Problemen am Jobmarkt, die laut Hofer allein durch aktive Arbeitsmarktpolitik, also die Förderung von Um- oder Weiterqualifikation, nicht beseitigt werden kann. Vielmehr sollte eine Bildungsreform auf lange Sicht Defizite bei Basisqualifikationen von Jugendlichen bekämpfen. Unter Verweis auf internationale Erfahrungen empfiehlt Hofer, auch bei Flüchtlingen möglichst früh auf Bildung und Integration zu setzen.

Darüber hinaus spricht sich der IHS-Ökonom auch für Maßnahmen zur Arbeitsflexibilisierung und für eine weitere Senkung der Lohnnebenkosten aus, zusätzlich zur jüngsten Steuerreform. Budgetärer Spielraum dafür sollte sich bald ergeben, denn laut Hofer soll das Defizit bis Ende des Jahrzehnts unter ein Prozent sinken.

Die Steuerreform sollte aber nach langer Beinahestagnation die Konsumlaune der Haushalte und damit das Wirtschaftswachstum ankurbeln. "Wir gehen davon aus, dass der private Konsum zum Wachstumstreiber wird" , nennt Hofer eine tragende Säule des erwarteten Aufschwungs.

Dieser soll das Wachstum bis Ende des Jahrzehnts auf durchschnittlich 1,4 Prozent pro Jahr beschleunigen, das sind um 0,3 Prozentpunkte mehr als in der vorangegangenen Fünfjahresperiode. "Österreich kehrt damit wieder auf die Normalspur beim Wachstum zurück", kommentiert Hofer die Erwartung, gemäß der Österreich gleich schnell wie der gesamte Euroraum wachsen werde.

Neuer Schwung am Bau

Ebenfalls positiv sollte sich die Investitionstätigkeit entwickeln, und auch die zuletzt daniederliegende Bautätigkeit sollte wieder in Schwung kommen. Eine etwas weniger gute Tendenz wird dem Außenhandel angesichts einer eher schleppenden Weltkonjunktur prognostiziert, wobei der Brexit nur eine untergeordnete Rolle spielt: Bloß drei Prozent der heimischen Exporte gingen zuletzt zu den Briten, insgesamt kostet deren EU-Austritt Österreich bloß jeweils 0,1 Prozentpunkte Wachstum in den kommenden fünf Jahren. Als beinahe vernachlässigbar für Österreichs Wirtschaft stuft Hofer die Auswirkungen der politischen Wirren in der Türkei ein.

Schlechte Nachrichten hat der IHS-Ökonom für heimische Sparer: Denn die Inflation sollte bis 2020 auf durchschnittlich 1,7 Prozent steigen, eine erste Zinserhöhung durch die EZB erwartet Hofer, wenn überhaupt, erst zu Ende des Jahrzehnts. Folglich sollte in dieser Zeit die Sparquote weiterhin unter dem langjährigen Durchschnitt verharren – was jedoch dem Konsum und damit dem Wachstum zugutekommt. (aha, 21.7.2016)

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