I waas eh, Oida

Glosse24. Juli 2016, 15:00
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... was ich merke, als ich auf die Männerabteilung zurückkehre, wo mir die die Oberschwester schon wieder vorrechnet, was ich die Allgemeinheit koste ...

Ich liege auf einer Rollbahre und warte auf die Narkose, sie liegt neben mir und wartet auf die Narkose, ihr Krebs ist schlimmer als meiner, weil sie erst 24 Jahre alt ist, weil der Krebs in ihrer Gebärmutter ist, weil sie in wenigen Minuten alles verlieren wird, was sie zur jungen Frau macht, weil sie nie eigene Kinder haben wird, nur leben wird, nur daran denken wird, warum sie so jung so eine Scheiße zugeteilt bekommen hat, und nun weint sie, ich halte ihre Hand, wir weinen beide, sie für sich, ich für sie, bis die Rollbahrenschieber kommen und sie in den OP wegschieben, dabei unsere Hände auseinanderreißen, obwohl wir versuchen, die Verbindung unserer Hände nicht auseinanderreißen zu lassen ...

... aber dann ist da ein Ruck, und ich spüre ihre Hand nicht mehr, sie spürt meine Hand nicht mehr, ich höre noch ein Schluchzen aus ihrem Mund, die Schwingtür ist lauter, sodass das Schluchzen abbricht, abgeschnitten wird, verstummt, nur noch meine Tränen da sind und sonst nichts mehr an diese Begegnung zweier Menschen erinnert, die einander nie zuvor und nie danach begegnen, obwohl ich sie nach meiner OP suche, mit meinem Katheter in der Frauenabteilung der Krebsstation auf und ab gehe, aber sie nicht finden kann, als ob sie nur eine Halluzination ist, ein Gespenst, eine falsche Erinnerung, obwohl ich weiß, dass meine Tränen für sie feucht waren, wirklich waren und dass auch sie wirklich war, ihre Hand wirklich war, die Krebsstation noch immer wirklich ist ...

... was ich merke, als ich auf die Männerabteilung zurückkehre, wo mir die die Oberschwester schon wieder vorrechnet, was ich die Allgemeinheit koste, weil ich ein Sozialhilfeempfänger bin, der so boshaft ist, Krebs zu bekommen, und nun eine teure OP braucht, was die schlimmste Form der Sozialschmarotzerei ist, also ein Sozialschmarotzer, der von einem schmarotzenden Tumor befallen ist, der nicht von alleine weggeht, wie ein Schnupfen, der nicht weggebetet werden kann wie ein schlechtes Gewissen, sondern nun sie, die Oberschwester und die Ärzte – gut bezahlte, von Steuergeld gut bezahlte, vom Geld der Anständigen und Fleißigen gut bezahlte – Arbeitszeit kostet, schwer erwerbbares Wissen im Krebswegmachen, dessen Erwerb auch gutes Geld kostet – und immer so weiter zurück bis zu Äskulap und seinem Stab, zurück bis zu Imhotep und seinen Heilkräutern, zurück bis zur Urmutter der Kräuterweiber, die ganz sicher eine Frau ist, die in Sorge um ihr krankes Kind die Medizin erfindet ...

... aber ich sage der Oberschwester nur, sie soll ihr unendlich dummes Maul halten und sich mal ordentlich ficken lassen, vielleicht von mir, sobald mein Katheter aus meiner Blase gezogen ist, ich sage ihr noch, dass auch sie eines schönen Tages sterben wird und dann in die Hölle für dumme Oberschwestern kommt, wo alle Oberschwestern landen, die nicht kapiert haben, dass sie als Arschlöcher geboren sind und es ewig sein werden, und als ich ihr all das sage, fühle ich mich leicht und geheilt und verschwinde in mein Zimmer, wo ich wieder an die junge Frau denke, die vor wenigen Tagen meine Hand auf der Rollbahre hält, und das Denken an sie macht mich wieder traurig, so wie mich das Denken an das Arschgesicht von Oberschwester müde macht, so wie mich alle dummen, ignoranten und selbstgefälligen Menschen müde machen, aber es ist eine wütende Müdigkeit, bei der man nicht einschlafen kann, damit sie verschwindet, die man nicht wegbeten kann, die man nicht wegoperieren kann, sondern mit der man leben muss ...

... genau wie man mit dem Pfaffen leben muss, der just in diesem Moment in unser Zimmer kommt, weil es um die Prostata meines Bettnachbarn sehr schlecht steht und weil er zur Sicherheit beichten will, ein letztes Mal vielleicht, aber mir fällt es nicht ein, das Zimmer diskret zu verlassen, wie man es von mir – ohne Aufforderung – erwartet, obwohl ich es könnte, aber ich werde es nicht tun, was der Pfaffe merkt und mich mit einer Mischung aus Aufforderung und Vorwurf anblickt, was mich zwingt, das Wort an ihn zu richten, doch ich wähle meine Worte sehr sorgfältig und sage, "Was gibt‘s da zu glotzen, du Kinderficker?" – worauf er den Vorhang zwischen meinem Bett und dem Bett der siechenden Prostata mit einem wütenden Geräusch zuzieht ...

... was nicht verhindert, dass ich während der Beichte die "Internationale" und anschließend (was hat die Prostata so lang zu beichten?) "Bella Ciao" pfeife und mit einem Crescendo ende, als der Kinderficker unser Zimmer verlässt und ich mit Erstaunen feststelle, dass die sieche Prostata mir nicht böse ist, nein, im Gegenteil, er sagt nur: "I waas eh, Oida ..." und schließt seine Augen, weil das Morphium einfährt ...

... was mich auch schläfrig werden lässt, obwohl ich gar kein Morphium bekomme, aber trotzdem bald auch schlafe und von meinem Opa Đuro träume, der damals Adolf Hitler erschießt, eine Tochter bekommt, die meine Mutter wird, und ich träume von Opa, wie er mich lieb hat und mich hochhebt, sodass mich die Sonne blendet, und mir sagt, dass er eines Tages sterben wird, dass meine Mama eines Tages sterben wird und dass auch ich eines Tages sterben werde, was mich unendlich traurig sein lässt und mich weinen lässt, weil ich nicht will, dass mein guter Opa, meine gute Mama und ich eines Tages tot sind ...

... und meine Tränen sind in diesem Traum so feucht und echt wie auf der Rollbahre neben der Rollbahre der jungen Frau, aber jetzt ist es nicht die junge Frau auf der Rollbahre neben mir, sondern die sieche Prostata, die sagt, "I waas eh, Oida." (Bogumil Balkansky, 24.7.2016)

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    foto: robert newaldrobert newald photo
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