Warum Russland in Rio fehlen könnte

20. Juli 2016, 18:04
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Wegen staatlich gelenkter Dopings droht Russland der Olympia-Ausschluss. Das IOC wartet ab, wie der Sportgerichtshof CAS den Einspruch russischer Leichtathleten beurteilt. Die Fakten zur Dopingcausa

Frage: Ist ein Komplettausschluss Russlands von den Spielen in Rio de Janeiro (ab 5. August) denkbar?

Antwort: Im Bericht der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) wird Russland staatlich gesteuertes Doping vorgeworfen. Ein Komplettausschluss liegt im Bereich des Möglichen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist in der Zwickmühle, schließlich stehen die guten Beziehungen zu Russland auf dem Spiel. IOC-Chef Thomas Bach etwa pflegt ein amikales Verhältnis zu Russlands Präsident Wladimir Putin. In der Regel 59 der Olympischen Charta heißt es jedenfalls, wenn sich ein Nationales Olympisches Komitee eines Fehlverhaltens schuldig macht, kann es von den Spielen ausgeschlossen werden.

Frage: Wurden bereits früher Nationen von Olympia ausgeschlossen?

Antwort: Ja, stets aus politischen Gründen. Nach dem Balkankrieg wurde etwa Restjugoslawien nicht zu den Spielen 1992 in Barcelona zugelassen. Sportler durften aber unter neutraler Flagge teilnehmen. Zwischen 1964 und 1988 war Südafrika wegen der Apartheid-Politik ausgeschlossen. Wegen der Beteiligung an den Weltkriegen war Deutschland dreimal (1920, 1924, 1948) nicht dabei. Österreich musste 1920 aussetzen.

Frage: Was genau steht im Bericht der Wada?

Antwort: Von 2012 bis 2015 seien 643 positive Dopingproben russischer Athleten in rund 30 Sportarten verschwunden – und damit negativ geworden. Auch bei den Winterspielen 2014 in Sotschi soll massiv getrickst worden sein. Das russische Sportministerium habe die Manipulationen mithilfe des Geheimdienstes FSB "gelenkt, kontrolliert und überwacht". Mehrere Dutzend russische Sportler sollen in Sotschi gedopt an den Start gegangen sein.

Frage: Wie gingen die Manipulationen in Sotschi vonstatten?

Antwort: Proben russischer Athleten wurden während der Nacht geöffnet, um "unreinen Urin mit reinem auszuwaschen". Durch ein eigens gebohrtes Loch in einer Dopinglaborwand wurden Urinproben von geschützten Athleten in einen "Arbeitsraum" neben der Lagerstätte der Proben transportiert. Die Verschlüsse wurden geöffnet, der Urin wurde ausgetauscht, bevor die Proben zurück ins Labor geschickt wurden.

Frage: Schöpfte die Wada damals schon Verdacht?

Antwort: Nein. Im Abschlussbericht über die Spiele schrieb die Wada: "Olympia in Sotschi war ein Meilenstein im Kampf gegen Doping." Die Wada verpasste Russland damals das Gütesiegel gegen jeden Betrugsverdacht.

Frage: Welche Konsequenzen hat Russland bisher aus dem Wada-Bericht gezogen?

Antwort: Der stellvertretende Sportminister Juri Nagornich, dem vorgeworfen wird, Manipulationen angeordnet zu haben, wurde ebenso suspendiert wie die Anti-Doping-Beraterin des Sportministers Witali Mutko, Natalia Schelanowa, sowie die Vizerektorin des Trainingszentrums der russischen Top-Athleten, Irina Rodjonowa. Präsident Putin hatte am Montag angekündigt, "Funktionäre, die in dem Bericht als direkt Beteiligte genannt werden", suspendieren zu wollen.

Frage: Und was ist mit Mutko?

Antwort: Dem Minister wird die Anweisung der Vertuschung des positiven Dopingtests eines Fußballers vorgeworfen. Kremlsprecher Dmitri Peskow allerdings sagte: "Witali Mutko wird im Bericht der Wada nicht als Ausführender erwähnt."

Frage: Welche Konsequenzen hat das IOC aus dem Wada-Bericht gezogen?

Antwort: Am Dienstag beschloss das IOC nur marginale Maßnahmen: Offizielle des russischen Sportministeriums und andere im Wada-Report erwähnte Personen dürfen nicht nach Rio reisen. Die Europaspiele 2019 sollen nicht in Russland steigen. Die Dopingproben russischer Sportler von Sotschi werden nachanalysiert. Ansonsten wird die Entscheidung des Sportgerichtshofs (CAS) über den Einspruch von 68 russischen Leichtathleten gegen das vom Weltverband (IAAF) ausgesprochene Startverbot abgewartet. Der CAS entscheidet heute.

Frage: Warum wurden die Leichtathleten gesperrt?

Antwort: Wegen zahlreicher Dopingskandale wurde Russlands Leichtathleten bereits im November 2015 ein internationales Startverbot auferlegt.

Frage: Wie kam der Dopingskandal ins Rollen?

Antwort: Die ARD-Dokumentation Geheimsache Doping lieferte Belege für staatlich unterstütztes Doping in Russland. Die Läuferin Julia Stepanowa fungierte als Kronzeugin. Eine wichtige Rolle kam auch dem ehemaligen Leiter des Moskauer Anti-Doping-Labors, Grigori Rodschenkow, zu. Er hatte von der Vertuschung der Dopingproben in Sotschi auf staatliche Anordnung berichtet.

Frage: Wann entscheidet das IOC über einen möglichen Olympia-Ausschluss Russlands?

Antwort: Laut IOC bis spätestens 27. Juli. Russlands NOK-Chef Alexander Schukow rechnet mit einer Entscheidung am Sonntag. (Birgit Riezinger, 20.7.2016)

  • IOC-Chef Bach pflegt ein gutes Verhältnis zu Russlands Chef Putin.
    foto: ap/charlie riedel

    IOC-Chef Bach pflegt ein gutes Verhältnis zu Russlands Chef Putin.

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