Primaten greifen gerne zu "Hochprozentigem"

21. Juli 2016, 07:00
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US-Forscher servierten Fingertieren und einem Plumplori alkoholhaltigen Nektar und stellten eine eindeutige Vorliebe fest

Dartmouth – Als Früchtefresser haben es Primaten oft mit Alkohol aus Gärungsprozessen zu tun. Daher wurde bei ihnen die Entwicklung der Fähigkeit, Alkohol schnell zu verdauen, begünstigt. Im weiteren Verlauf der Primatenevolution hat sich diese bei den Ahnen der Menschen und der afrikanischen Menschenaffen noch einmal deutlich verstärkt, wie Studien in jüngerer Zeit ergaben.

Der Hintergrund dafür ist einfach: Alkohol ist nicht nur ein Gift, dem es während der eigentlichen Nahrungsaufnahme zu widerstehen gilt, sondern selbst eine nicht zu unterschätzende Kalorienquelle. Wie sehr diese Primaten verlockt, testeten Forscher des Dartmouth College und berichten darüber im Journal "Royal Society Open Science".

Wonach sich der Finger streckt

Die Forscher um Samuel R. Gochman fokussierten dabei auf südostasiatische Plumploris einerseits und die nur auf Madagaskar beheimateten Fingertiere, auch Aye-Ayes genannt, andererseits. Als Feuchtnasenprimaten (früher Halbaffen genannt) sind beide vom Menschen evolutionär so weit entfernt, wie es innerhalb der Primatenverwandtschaft nur geht. Dennoch zeigen sie ganz wie der Mensch eine Neigung, gezielt zu Alkoholartigem zu greifen.

Bei Fingertieren kommt das überraschend, denn bei ihnen bilden eigentlich Insekten den wichtigsten Nahrungsbestandteil: Mit einem stark verlängerten knöchernen Finger fischen die baumbewohnenden Lemuren Larven aus der Rinde, nachdem sie diese zuvor mit demselben Finger durch Klopfen auf Hohlräume untersucht haben. Der Biologe Nathaniel Dominy bezeichnet sie als die Primaten-Entsprechung von Spechten.

Allerdings stehen auch Nüsse, Früchte und Nektar auf ihrem Speiseplan. In der Regenzeit kann der Nektar des sogenannten Baums der Reisenden (Ravenala madagascariensis) sogar ein Fünftel ihrer Nahrung ausmachen. Wenn dieser Nektar fermentiert, wäre eine gute Alkoholverdauungsfähigkeit nützlich, vermutet Gochman.

Die Verkostung

Eine Feldstudie führten die Wissenschafter nicht durch, dafür servierten sie im Duke Lemur Center von Durham den beiden Aye-Ayes Morticia und Merlin sowie dem Plumplori Dharma Alkohol. Genauer gesagt waren es Behälter mit künstlichem Nektar, der jeweils unterschiedlichen Alkoholgehalt aufwies. Es zeigte sich, dass die Tiere die verschiedenen "Sorten" nicht nur unterscheiden konnten – sie griffen auch stets zu dem Nektar mit dem höchsten Gehalt. "Hochprozentig" ist allerdings etwas anders zu verstehen als bei menschlichen Spirituosen: Die Bandbreite reichte von 0,5 bis 5 Prozent Alkohol, entsprechend einem Gehalt, wie er auch in der Natur vorkommt.

Dass diese Vorliebe bei so weit vom Menschen entfernten Primaten vorhanden ist, wirft für Gochman ein neues Licht auf die Evolution des Menschen. Vergorene Nahrung könnte schon für unsere fernen Urahnen ein wichtiger Teil der Ernährung gewesen sein. Gochman hält ein primatentypisches Verlangen nach Alkohol für möglich, das die menschliche Entwicklung mitbestimmte. (jdo, 21. 7. 2016)

  • Das Fingertier trägt seinen Namen nicht umsonst.
    foto: david haring

    Das Fingertier trägt seinen Namen nicht umsonst.

  • Plumploris leben weit von den Lemuren Madagaskars, mit denen sie verwandt sind, entfernt. Ihr Lebensstil ist aber der gleiche: Sie sind nachtaktive Baumbewohner, die von Früchten und Nektar bis zu Insekten so ziemlich alles fressen.
    foto: david haring

    Plumploris leben weit von den Lemuren Madagaskars, mit denen sie verwandt sind, entfernt. Ihr Lebensstil ist aber der gleiche: Sie sind nachtaktive Baumbewohner, die von Früchten und Nektar bis zu Insekten so ziemlich alles fressen.

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