"The BFG": Es braucht Größe, das Kleine zu achten

21. Juli 2016, 09:53
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In Steven Spielbergs Familienfilm werden ein Riese und ein Mädchen zu Freunden. Trotz neuester Tricktechnik verströmt die Roald-Dahl-Verfilmung den Charme klassischer Fabeln

Wien – Für merkwürdige Kerle mit Sprachfehlern ist Steven Spielberg der richtige Mann. Das weiß man, seitdem ein runzliger Fremdling mit leuchtendem Finger und dem Wunsch nach einem Ferngespräch im Herzen von Millionen Besuchern gelandet ist. E. T. – the Extra-Terrestrial ist bis heute der ultimative Spielberg-Film, wenn es um jene Seite seines OEuvres geht, die ganz dem Unterhaltungskino frönt. Es erzählt von einsamen Kindern und dem Trost, den sie durch Freundschaften und die Einbildungskraft erfahren.

Roald Dahls Kinderbuch The BFG ("The Big Friendly Giant", auf Deutsch: Sophiechen und der Riese) ist wie E. T. 1982 erschienen, und wenn Spielberg nun mit seiner im vergangenen Jahr verstorbenen Drehbuchautorin Melissa Mathison auf den Stoff zugreift, ist dies schon mehr als eine Koinzidenz. Denn die Geschichte um den Riesen und das Mädchen Sophie (hemdsärmelig und neunmalklug: Newcomerin Ruby Barnhill) ist von einer vergleichbaren Idee der Übereinkunft von Gegensätzlichem getragen, die – wie in E. T. – beide Figuren aus ihrer jeweiligen Isolation herausführt.

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Spielbergs Liebling

Die Unterschiede könnten in diesem Fall kaum größer sein. Das führt direkt zur zeitgenössischen Attraktion eines Films, dem in erzählerischer (und bisweilen auch ausstatterischer) Hinsicht etwas Klassisches, ja Dickensesques anhaftet. Ohne moderne Computeranimationen, das Motion-Capture-Verfahren, wäre der freundliche Riese nämlich nicht der, der er ist. Mark Rylance, seit seinem Part als stoischer Spion in Bridge of Spies Spielbergs neuer Darling, verkörpert ihn mit einer mimischen Raffinesse, die man auf diesem Feld sonst nur von Andy Serkis kennt.

Der Brite drückt seiner Figur trotz ihrer kolossalen Ohren und sonstiger Leibesmaße eindeutig seinen individuellen Stempel auf. In seinen fragenden, oft mitfühlenden Augen ruht die eine Hälfte des Films, in seiner Sprachbegabung wird die andere lebendig. Diese ist in The BFG schon deshalb besonders wichtig, weil der Riese zu spaßigen Wortverknotungen neigt, die der Shakespeare-erfahrene Rylance so genüsslich auskostet wie seine Figur die ekelhaften Kotzgurken.

Menschliche Bohnen

An "human beans" hat er zum Glück weniger Gefallen. Sophie, das Waisenmädchen, wird vom BFG zwar verschleppt, doch nur, weil sie ihn bei seiner nächtlichen Arbeit beobachtet hat. Ihre Neugierde ist größer als die anfängliche Angst und der Respekt. Zu viele Geheimnisse umgeben den Außenseiter, der – ein Alter Ego des Regisseurs – mit menschlichen Träumen hantiert, die er im eigenen Labor aufbewahrt. Seine Nachbarn hingegen sind derbe, grobschlächtige Kerle mit fassgroßen Zehen, gigantische Neandertaler, deren Vorliebe für Menschenfleisch Spielberg gegenüber der Vorlage zwar nicht unterschlägt, aber an den Rand drängt.

Diese Entscheidung mag der übergroßen Vorsicht geschuldet sein, sich keine hohen Altersobergrenzen einzuhandeln. Ein anderes Zugeständnis an die breite Familienunterhaltung ist John Williams' zu pompös aufspielender Score, der manch nuancierte Regung unter sich begräbt. Letztendlich bleibt The BFG in seinem Vertrauen auf die Fähigkeiten seiner Figuren jedoch immer charmant. Schauwerte werden nicht von der Erzählung entkoppelt. Selbst im Falle der grünen Brause, die von oben nach unten blubbert und dementsprechende voluminöse Nebeneffekte verursacht: Das Spektakel führt hier stets von innen nach außen. (Dominik Kamalzadeh, 21.7.2016)

Jetzt im Kino

  • Der Riese (Mark Rylance) mit kolossalen Ohren  in seinem Labor der Träume, in dem  ihm neuerdings ein Mädchen in die Quere kommt: Steven Spielbergs "The BFG" erzählt davon, wie innere Werte über äußere Unterschiede triumphieren.
    foto: constantin

    Der Riese (Mark Rylance) mit kolossalen Ohren in seinem Labor der Träume, in dem ihm neuerdings ein Mädchen in die Quere kommt: Steven Spielbergs "The BFG" erzählt davon, wie innere Werte über äußere Unterschiede triumphieren.

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