Innenminister: Zug-Attentäter fühlte sich von IS angestachelt

20. Juli 2016, 16:12
116 Postings

Thomas de Maizère: Keine Beweise, dass der IS die Tat direkt befohlen hat

Berlin/München – Deutschlands Innenminister Thomas de Maizère hat am Mittwoch zwar vor der anhaltenden Bedrohung durch die Terrormiliz "Islamischer Staat" gewarnt, enge operative Verbindungen des IS zum Zug-Attentat bei Würzburg vom Montagabend aber in Zweifel gezogen. Es deute zwar vieles darauf hin, dass der 17-jährige Angreifer sich vom IS "angestachelt gefühlt" habe, es gebe aber keine Beweise dafür, dass der IS die Tat direkt befohlen hat.

Als erwiesen gilt, dass das Bekennervideo vom Dienstag tatsächlich den späteren Attentäter zeigt. Es handle sich um ein "klassisches Abschiedsvideo eines Selbstmordattentäters", so de Maizière. Allerdings gebe es darin keinen Hinweis, dass das Attentat vom IS angeordnet wurde.

Zwei Opfer in Lebensgefahr

Der vermutlich 17-jährige Täter hatte am Montag in dem Zug Reisende mit einer Axt und Messern angegriffen und vier Menschen schwer verletzt. Er selbst wurde nach einer kurzen Flucht von Polizisten erschossen, als er auch diese anzugreifen versuchte. Zwei Opfer schwebten am Mittwoch noch in Lebensgefahr.

Letzte Klarheit über die Identität des Täters gibt es nicht. Der Chef des deutschen Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, hat Meldungen bestätigt, wonach es Zweifel gibt, ob der Mann aus Afghanistan stammte. Der Grund dafür ist, dass der 2015 als Flüchtling Eingereiste sich im Video einer Variante der Sprache Paschtu bedient, die eher jenem Dialekt entspricht, der in Pakistan gesprochen wird. Es könnte sein, dass der Mann sich als Afghane ausgab, um seine Asylchancen zu erhöhen.

De Maizère geht davon aus, dass der Mann aus Afghanistan gekommen ist. Dafür spreche ein Antrag auf Familienzusammenführung aus Afghanistan – und dass der Mann jüngst vom Tod eines afghanischen Freundes erfahren habe. Letzteres könnte laut Ermittlern auch zur raschen Radikalisierung des Mannes beigetragen haben. Der Fall liege "möglicherweise im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror", so de Maizière. Seit dem Beginn der Flüchtlingswelle habe es Hinweise auf Bezüge Einzelner zum internationalen Terror gegeben. Diese hätten sich großteils als falsch erwiesen. "Man kann aber nicht sagen, es gibt zwischen Flüchtlingen und Terrorismus keinen Zusammenhang."

Täter erreichte Deutschland über Österreich

Die deutsche Regierung warnte davor, Flüchtlinge unter Generalverdacht zu stellen. Bei den Anschlägen in jüngster Zeit wie in Paris, Brüssel und Nizza seien die Täter in den meisten Fällen keine Flüchtlinge gewesen, sondern zum Teil in Europa geboren, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Unabhängig davon bewertet de Maizière die Terrorgefahr weiter als hoch – auch durch Einzeltäter, die dem Aufruf des IS folgen, unkoordiniert Angriffe im Namen der Gruppe zu verüben. Seit dem Jahr 2000 hätten Behörden elf Anschläge in Deutschland vereitelt.

Österreichs Innenministerium bestätigte derweil, dass der Angreifer im Juni 2015 durch Österreich nach Passau geschleppt wurde. "Nach aktuellem Stand beschränkt sich darauf der Bezug zu Österreich", sagte Ministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck. (red, 21.7.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/afp/tobias schwarz
Share if you care.