Kiewer Journalistenmord: Frontalangriff auf kritischen Journalismus

20. Juli 2016, 15:31
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Autobombe befand sich im Fahrzeug der Ukrajinska Prawda-Gründerin – Erinnerungen an den Fall Gongadse

Kiew – Die Ermordung des bekannten Journalisten Pawel Scheremet, der am Mittwoch von einer Autobombe getötet worden ist, sorgt für Schockwellen in der Ukraine. Auch wenn zunächst keine Hintergründe bekannt waren, lassen Indizien die Tat wie einen Angriff auf die "Ukrajinska Prawda" wirken. Das Onlinemedium, dessen Mitbegründer 2000 ermordet wurde, gilt als Flaggschiff des kritischen Journalismus im Land.

Scheremet war enger Freund des ermordeten Politikers Boris Nemzow

Mit dem gebürtigen Weißrussen, russischen Staatsbürger und zuletzt ukrainischem Journalisten starb eine Legende des postsowjetischen Journalismus. In den Neunzigerjahren hatte sich Pawel Scheremet als Kritiker des weißrussischen Präsidenten Aleksandr Lukaschenko einen Namen gemacht. Das Regime in Minsk verurteilte ihn 1997 auch wegen eines angeblichen illegalen Grenzübertritts zu einer Haftstrafe, die er nach einer Intervention des damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin jedoch nur zu einem kleinen Teil verbüßen musste.

In Russland selbst avancierte Scheremet zum Starjournalisten des Ersten Staatlichen Fernsehsenders, für den er bis 2008 arbeitete. Danach wechselte er auch aus politischen Gründen in die Ukraine. Dort galt der 44-Jährige, ein enger Freund des 2015 ermordeten russischen Politikers Boris Nemzow, zuletzt als einer der bekanntesten Journalisten des Landes.

Explosion nahe der österreichischen Botschaft in Kiew

Die tödliche Autobombe, so viel ist bekannt, war im Fahrzeug von Scheremets Lebensgefährtin Olena Prytula versteckt. Prytula ist Mitbegründerin und Besitzerin der "Ukrajinska Prawda", für die in den letzten Jahren auch Scheremet gearbeitet hatte. Der Journalist wollte am Mittwochmorgen zum Kiewer Radiosender "Westi" fahren, um eine Sendung zu moderieren. Nach etwa 500 Meter Fahrt explodierte das von ihm gelenkte Fahrzeug unweit der österreichischen Botschaft im Zentrum Kiews. Scheremet hatte keine Überlebenschance.

Parallelen zum Mordfall von Journalist Heorhij Gongadse

Die Tat, die vom ukrainischen Generalstaatsanwalt Jurij Luzenko noch am Vormittag als Mord bezeichnet wurde, ruft Erinnerungen an den Fall Heorhij Gongadse wach. Wenige Monate nach dem Start der "Ukrajinska Prawda" war der Mitbegründer des Onlinemediums im September 2000 entführt und getötet worden.

Gongadse hatte im damals noch äußerst marginalen Medium einen kritischen Journalismus forciert und sich mit dem Regime des zwischen 1994 und 2005 amtierenden Präsidenten Leonid Kutschma angelegt. Die Ermordung des charismatischen Journalisten sorgte für massive Proteste, die 2004 unter anderem in die "Orange Revolution" und die Wahl des prowestlichen Wiktor Juschtschenko zum Präsidenten der Ukraine mündeten. 2008 und 2013 verurteilte ein Kiewer Gericht vier hochrangige Polizisten wegen des Mordes. Dem wiederholt als möglichen Auftragstäter genannten Kutschma blieb hingegen eine Anklage erspart.

"Ukrajinska Prawda" spielte tragende Rolle bei Kiewer Machtwechsel

Die "Ukrajinska Prawda" blieb aber auch nach der Ermordung Gongadses und unter Leitung von Olena Prytula, die bis 2014 auch Chefredakteurin war, ihrer Ausrichtung treu. Das stets prowestliche und liberal orientierte Medium schrieb weiterhin gegen die Mächtigen an.

Ohne die investigativen Beiträge von "Ukrajinska Prawda"-Redakteur Serhij Leschtschenko, in denen die Korruption von Präsident Viktor Janukowitsch angeprangert wurden, wäre der Kiewer Machtwechsel im Februar 2014 kaum vorstellbar gewesen. Zudem waren die Proteste am Maidan von einem weiteren Redakteur des Mediums initiiert worden: Kurz nachdem Viktor Janukowitsch die Unterzeichnung eines Assoziierungsabkommens mit der EU abgelehnt hatte, schrieb Mustafa Najem im November 2013 ein historisches Posting auf Facebook, in dem er zu Protesten auf dem zentralen Kiewer Platz aufrief.

Chefredakteur-Nachfolgerin setzte kritischen Kurs fort

Aber auch nach der Flucht von Viktor Janukowitsch aus der Ukraine blieb das Medium weiterhin relevant. Prytulas Nachfolgerin als Chefredakteurin, die investigative Wirtschaftsjournalistin Sewhil Musajewa-Borowyk, setzte den bisherigen Kurs fort und forcierte gleichzeitig die Berichterstattung über die europäische Integration der Ukraine. Investigativer Journalismus gilt weiterhin als eine der Stärken des Onlinemediums.

Die bisherigen Starjournalisten Leschtschenko und Najem wechselten 2014 zwar als Abgeordnete des Block Petro Poroschenko in das ukrainische Parlament, zumindest Leschtschenko blieb jedoch dem Medium nebenberuflich treu: Gemeinsam mit Musajewa-Borowyk veröffentlichte er weiterhin Artikel, die in den letzten zwei Jahren zahllose äußerst mächtige Politiker des Landes nachhaltig verärgerte. Auch deshalb könnte Leschtschenko schon bald vom Poroschenko-Block im Parlament ausgeschlossen werden.

Untersuchtes Motiv: Destabilisierung des Kiewer Zentrums

Ob und welche Gegner der "Ukrajinska Prawda" hinter der Ermordung von Pawel Scheremet stehen, war am Mittwoch zunächst völlig unklar. Die Behörden gehen offiziell von zwei möglichen Szenarien aus. "Abgesehen von einer Ermordung im Zusammenhang mit professioneller Tätigkeit untersuchen wir die Möglichkeit, ob mit der Tat die Situation im Zentrum der Hauptstadt destabilisiert werden soll", sagte Generalstaatsanwalt Luzenko am Mittwochnachmittag bei einer Krisensitzung mit Präsident Petro Poroschenko. (APA, Herwig Höller, 20.7.2016)

  • Polizisten sichern den Tatort der Auto-Explosion im Zentrum Kiews.
    foto: reuters/valentyn ogirenko

    Polizisten sichern den Tatort der Auto-Explosion im Zentrum Kiews.

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