Baumeister: "Wenn ein Wiener im Dialekt spricht, ist er ein Prolet"

21. Juli 2016, 10:00
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Letzte Saison als Absteiger gehandelt, qualifizierte sich die Admira für den Europacup. Verantwortlich dafür war auch Ernst Baumeister, der den Klub gemeinsam mit Oliver Lederer trainierte. Im Interview spricht er über blindes Verständnis auf der Bank, umkämpfte Trainingsspiele und den Dialekt der Schifahrer

Ernst Baumeister lehnt sich in das Sofa unter dem Sonnenschirm. Fast zwei Stunden wird er in der Südstadt mit dem ballesterer plaudern. Sein Leiberl ähnelt dem Austria-Dress der vergangenen Saison. Die Zeit plätschert dahin. Sie ist sein Freund. Wenn sein Schmäh zu laufen beginnt, wirkt Baumeister wie eine Erinnerung an die 1980er Jahre. Damals eilte er mit einer Mannschaft enger Freunde bei der Austria von Erfolg zu Erfolg. Den hat er jetzt in die Südstadt zu Admira Wacker Mödling gebracht, wo er gemeinsam mit Oliver Lederer das Trainerduo gibt.

ballesterer: Die Admira war die Überraschung der abgelaufenen Saison. Eines der besten Spiele Ihrer Mannschaft war der 4:0-Sieg bei Rapid im März.

Ernst Baumeister: Uns ist damals alles gelungen. Rapid war sogar noch gut bedient, wir haben sie 90 Minuten spielerisch beherrscht. Gegen die starken Mannschaften wie Rapid, Austria und Salzburg kommen wir über die Außenverteidiger, um ihr Spiel in der Mitte auseinanderzuziehen.

Haben Sie sich gegen solche Mannschaften leichter getan?

Baumeister: Zu Beginn der Meisterschaft haben alle gedacht, sie fahren über uns drüber. Nach den ersten Runden haben dann alle außer den drei genannten Mannschaften umgestellt und in der Südstadt auf Konter gespielt. Ried und Altach sind mit einer Fünferkette angetreten. Natürlich wird es dann mühsamer. Aber wir haben uns weiterentwickelt und sind spielerisch stärker geworden.

Waren die Spieler aufgrund dieser Entwicklung am Ende der Saison erschöpft?

Baumeister: Wir haben eine geringe Tiefe im Kader. Dadurch haben wir weniger tauschen können, und uns ist am Ende körperlich das Safterl ausgegangen. Unser System des Offensivpressings ist sehr kräfteraubend. Wir haben versucht, einige Spieler fürs Cupfinale zu schonen. Das ist uns, wie man an der Niederlage sieht, nicht gelungen.

Toni Polster war 2013 Admira-Trainer, ist aber mit Oliver Lederer überhaupt nicht ausgekommen. Warum funktioniert das mit Ihnen beiden als Trainergespann so gut?

Baumeister: Ich habe das ganze Jahr kein Problem mit dem Oli gehabt. Es kommt auch darauf an, wie du miteinander umgehst. Wenn du zwei Leute hast, die vorne stehen wollen, stehen sie sich irgendwann im Weg.

Kann man sagen: Sie sind der Ruhige, und Lederer ist der Temperamentvolle?

Baumeister: Er braucht das Dampfablassen für sich selbst. Wenn er auf der Bank unruhig wird, sage ich ihm: "Oli, geh nach vor an die Linie." Gegenüber der Mannschaft ist er aber meistens ruhig. Ich sage lange nichts, wenn ich dann etwas sage, kracht es fast mehr als bei ihm.

Wie sieht die Arbeitsteilung zwischen Ihnen aus?

Baumeister: Das hat sich alles ergeben. Ich habe ihn und unseren Co-Trainer, den Horvath Michi, als Spieler trainiert, die beiden haben meinen Sohn trainiert. Da sind ja keine fremden Leute aufeinander zugekommen. Wir haben gewusst, wie jeder tickt.

Die Admira war vergangene Saison medial recht beliebt – das lag auch an Ihrem Schmäh.

Baumeister: In meinen Interviews rede ich einfach so, weil ich ein gerader Mensch bin. Wieso soll ich um den heißen Brei herumreden. Die Medien sagen eh schon "Mundl" zu mir. Nicht böse sein, aber wenn ein Schifahrer im Dialekt redet, sagt jeder: "Jöh, redet der schön." Dabei versteht man kein Wort. Wenn ein Wiener im Dialekt spricht, ist er ein Prolet.

Wo sind Sie denn aufgewachsen?

Baumeister: In Favoriten, in der Wienerfeldsiedlung, in der Nähe des jetzigen Verteilerkreises. Dort habe ich auch beim SV Wienerfeld gespielt. Der Platz ist damals am Waldrand gelegen, heute verläuft dort die Tangente.

Haben Sie schon immer zur Austria gehalten?

Baumeister: Nein.

Zu wem denn dann?

Baumeister: Das sage ich nicht.

Wie sind Sie zur Austria gekommen?

Baumeister: Als sie mich für den Nachwuchs holen wollten, habe ich abgelehnt. Ich habe schon mit 14 bei Wienerfeld in der Kampfmannschaft gespielt. Da habe ich mich sicher besser entwickelt als im Nachwuchs bei der Austria. Ich bin dann erst mit 17 zur Austria gegangen.

Haben Ihre Eltern das Fußballspiel gefördert?

Baumeister: Nicht wirklich. Unsere Siedlung war direkt gegenüber vom Wienerfeldplatz. Da bin ich jeden Tag einfach über die Straße, und es ist losgegangen. Damals sind vielleicht zwei Autos am Tag vorbeigefahren, das war nicht gefährlich für uns Kinder. Ich bin mit dem Ball am Fuß aufgewachsen.

Bei der Austria hat damals eine sehr erfolgreiche Zeit begonnen.

Baumeister: Wir sind schnell in die erste Mannschaft gekommen, weil die Austria Geldprobleme gehabt hat. Mit mir sind Felix Gasselich und Fritz Drazan gekommen. Erich Obermayer, Josef Sara und Herbert Prohaska waren schon da. Wir sind schon im ersten Jahr Cupsieger geworden, im zweiten Meister. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, aber mit dem Großteil der Spieler habe ich zehn Jahre zusammengespielt.

Trotz der Erfolge hatte die Mannschaft den Ruf einer lockeren Truppe. Wie hat das zusammengepasst?

Baumeister: Für uns waren die Trainingspartien unter der Woche das Wichtigste. Wir haben fast immer mit den gleichen Aufstellungen gespielt. In der Kabine ist eine genaue Statistik über die Resultate der Spiele gehängt. Keiner wollte diese Partien verlieren, da hat es eine irrsinnige Rivalität gegeben. Die Meisterschaftsspiele am Wochenende waren für uns dagegen Freundschaftsspiele.

Wie war die Rollenaufteilung in der damaligen Mannschaft? Mussten Sie immer dem Herbert Prohaska die Bälle zuspielen wie die Rapid-Spieler dem Hans Krankl?

Baumeister: Bei uns war das ausgeglichener. Ich habe im defensiven Mittelfeld gespielt, der Herbert im offensiven. Mir war immer egal, wer die Tore macht. Wenn der Tormann fünfmal trifft, ist mir das auch recht. Ich wollte nur immer gewinnen.

Viele Ihrer Mitspieler sind erfolgreiche Trainer geworden, Karl Daxbacher hat gerade den Aufstieg mit Sankt Pölten fixiert. Haben Sie sich schon damals mit dem Spiel auseinandergesetzt?

Baumeister: Sehr viel. Wir haben nicht nur Fußball gespielt, wir haben auch gemeinsam zugeschaut, auf der Hohen Warte oder am Sportclub-Platz. Das war unser Leben. Nach dem Training am Freitag haben wir uns andere Matches angeschaut.

Wenn Sie an den Europacup zurückdenken, an die zwei Semifinale 1979 und 1983 und das Finale im Cupsiegerbewerb 1978: Warum hat es mit dem Titel nicht geklappt?

Baumeister: Von den Gegnern wäre Malmö 1979 am ehesten zu schlagen gewesen. Doch die Spiele waren ein Wahnsinn, wir haben in Hin- und Rückpartie eine Torchance gehabt – und die Schweden auch eine. Das waren Unspiele. Gegen Real Madrid waren wir 1983 knapp dran, sind unglücklich ausgeschieden. Das Finale gegen Anderlecht 1978 haben wir schon im Vorfeld verloren. Das ganze Umfeld, der Vorstand, die Fans haben sich gedacht, wir haben schon erreicht, was wir erreichen wollten. Es war wie ein Betriebsausflug. Später bereust du diese Einstellung.

Bei der WM 1982 haben Sie vier von fünf Spielen für Österreich absolviert. Auffällig, dass sie gerade beim Skandalspiel in Gijon gegen Deutschland gefehlt haben.

Baumeister: Ich bin mit einer Zerrung zur WM gefahren und war nicht ganz fit. Dann habe ich eine Pause machen müssen – zufällig gerade bei diesem Spiel. Gott sei Dank, muss ich sagen.

War das Nationalteam 1978 in Argentinien besser?

Baumeister: Auf jeden Fall. Das war eine so gute Mannschaft, dass auch die Stimmung sehr gut war. Niemand war böse, wenn er nicht gespielt hat. Ich bin ja auch nur auf der Tribüne und auf der Ersatzbank gesessen. In Spanien 1982 hat es dann Gruppenbildungen gegeben, die Weber-Gruppe, die Krankl-Gruppe und den Rest. Die zwei waren vom selben Verein, haben aber nicht miteinander reden können.

Von wem haben Sie in Ihrer Trainerlaufbahn am meisten gelernt?

Baumeister: Vom Arie Haan, weil die Holländer viel Wert auf Taktik legen. Am meisten habe ich aber als Spieler gelernt.

Sind Sie jemand, der auch ausländische Ligen mitverfolgt?

Baumeister: Wollen Sie meine Frau fragen? Die will mir jedes Wochenende den Fernseher zusammenhauen.

Als Trainer gab es einen Knick in Ihrer Karriere. Von 2009 bis 2014 waren Sie in den unteren Ligen unterwegs, bei Union Mauer und dem ASV Draßburg.

Baumeister: Nachdem ich 2008 die Admira verlassen habe, wollte ich eigentlich gar nicht mehr weiter oben arbeiten.

War das eine Art Burn-out?

Baumeister: Vielleicht, ohne dass ich es gewusst habe. Ich war ziemlich leer. Nach viereinhalb Jahren habe ich dann bei Mauer aufgehört, weil wir regelmäßig Zweiter geworden sind und das letzte Match verloren haben. Weil immer zwei, drei dabei waren, die nicht aufsteigen wollten.

Wer war der talentierteste Ihrer Spieler, der es weit gebracht hat?

Baumeister: Das ist eine schwierige Frage. Die, die es am weitesten geschafft haben, waren nicht die talentiertesten. Der Paul Scharner zum Beispiel war kein besonderes Talent. Das Hauptproblem mit den Talenten ist, dass sie im Nachwuchs Narrenfreiheit haben. Und die anderen müssen von klein auf um ihr Leiberl raufen. (Stefan Kraft, Martin Schreiner, 21.7.2016)

Ernst Baumeister (59) spielte von 1974 bis 1987 bei der Wiener Austria, mit der er achtmal Meister und viermal Cupsieger wurde. Danach ließ er seine aktive Karriere bei Admira Wacker, dem Kremser SC und dem LASK ausklingen. Seit 1993 arbeitet er als Trainer, seine wichtigsten Stationen waren die Austria, Pasching, Gratkorn und Untersiebenbrunn. Von 2005 bis 2008 trainierte er die Admira, zu der er 2015 zurückkehrte.

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