Nötigungsprozess: Der Rasiererangriff auf die Nebenbuhlerin

21. Juli 2016, 07:00
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Eine 19-Jährige soll versucht haben, einer Frau die Haare abzurasieren, nachdem die ihr den Freund ausgespannt hatte

Wien – Wie wichtig es ist, sich von Angeklagten ein persönliches Bild machen zu können, zeigt der Prozess gegen Barbara B. (Name geändert, Anm.). Richter Daniel Rechenmacher muss entscheiden, ob die 19-Jährige eine Frau genötigt und verletzt hat, da diese ihr den Freund ausgespannt hatte.

Hört man die Geschichte, würde man im ersten Moment wohl auf ein eher problematisches Milieu tippen. Im Mai 2015 lebte die Angeklagte mit ihrem Freund in einer Wohnung. Eines Tages war dort eine ihr bis dahin Unbekannte zu Gast.

"In der Nacht habe ich gesehen, dass sie mit meinem Freund schläft", erinnert sich die Angeklagte, die daraufhin die Wohnung verließ. "Am nächsten Tag bin ich zurückgekommen, sie war immer noch da. Mit meinem Freund ist es zu Handgreiflichkeiten gekommen, ich musste danach ins Spital."

Haare abrasieren als Retourfoul

Was einen Monat später folgte, nennt ihr fußballaffiner Verteidiger Leonhard Kregcjk "ein Retourfoul. Sie hat geplant, der Frau die Haare abzurasieren. Das hat nicht funktioniert, also setzte es ein paar Schläge."

B. würde man einen derartigen Racheplan kaum zutrauen, wenn man sie sieht. Die Unbescholtene ist eher schmächtig, hat soeben maturiert und plant eine Lehre als Buchhändlerin. Rechenmachers Fragen beantwortet sie ruhig und mit gewählter Ausdrucksweise.

Damals in Wien-Favoriten war sie rabiater. Gemeinsam mit drei Freundinnen passte sie die Nebenbuhlerin im Stiegenhaus ab, nahm ihr den Wohnungsschlüssel weg und drängte sie in der Wohnung auf eine Couch. Neben einer Steckdose. Dort steckte sie ihren Rasierer ein, den sie immer mithatte, da sie damals kurze Haare trug.

Opfer steht über Schmerzensgeld

"Als ich ihn eingeschaltet habe, hat sie sich gewehrt. Es ist zu einem Handgemenge gekommen, dabei habe ich sie ein paar Mal geschlagen." Als B.s Ex-Freund aus dem Hof hinaufschrie, ging das Trio wieder. Das Opfer wurde damals nicht verletzt, ein Schmerzensgeld wird trotzdem angeboten. Die junge Frau hat keinen Bedarf: "Da steh ich drüber", sagt sie.

Kregcjk plädiert für eine Diversion, der Richter sorgt dann aber noch für eine Überraschung. Am Morgen hat er den Bericht der Jugendgerichtshilfe bekommen, der ungewöhnlich umfangreich ausgefallen ist – und in dem festgehalten wird, dass B. eine Psychotherapie und Bewährungshilfe braucht. Bei den psychologischen Tests habe sich gezeigt, dass "einige Persönlichkeitsbereiche auffällig sind".

Die Angeklagte kannte das Schriftstück bisher nicht, erklärt sich nach einer Beratung mit ihrem Verteidiger und ihrem Vater aber einverstanden, diese Auflagen zu akzeptieren. Da die Staatsanwältin keine Erklärung abgibt, ist die Diversion nicht rechtskräftig. (Michael Möseneder, 21.7.2016)

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