IWF: Arbeitsmigration bremst Osteuropas Aufholprozess

20. Juli 2016, 11:02
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Weil es viele gut ausgebildete Menschen in den Westen zieht, leidet die Wirtschaft in den Herkunftsländern

Wien – Die Arbeitsmigration von Ost- nach Westeuropa in den vergangenen Jahrzehnten hat deutlich negative Auswirkungen auf die Herkunftsländer. Diesen Befund liefert ein am Mittwoch veröffentlichter Bericht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Demnach haben in den vergangenen 25 Jahren fast 20 Millionen Osteuropäer auf der Suche nach besseren Chancen ihr Heimatland verlassen.

Die Abwanderung hat zwar das Wachstum im Westen und in der gesamten EU vorangetrieben, schreibt der IWF. Auf der anderen Seite wirkt sie jedoch als Bremse für die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern.

Hätte es die Migrationsbewegungen nicht gegeben, wäre das gesamte Wachstum in den osteuropäischen Staaten zwischen 1995 und 2012 um sieben Prozentpunkte höher ausgefallen, heißt es in dem Bericht. Zu den am stärksten betroffenen Ländern gehören Albanien sowie die EU-Mitgliedstaaten Kroatien und Rumänien.

Als Hauptgrund für die Schwächung wird genannt, dass es hauptsächlich junge und gutausgebildete Menschen ins Ausland zieht. Die Folge ist ein Mangel an qualifiziertem Personal und Produktivität in vielen Branchen.

Auch dass viele Auswanderer einen Teil ihrer Einkommen an ihre Familien im Herkunftsland weitergeben, habe negative Folgen für die dortige Wirtschaft. Dadurch gebe es einen geringeren Anreiz für Arbeit, das Lohnniveau werde künstlich angehoben. Insgesamt lautet das Fazit: "Die Abwanderung einiger der Jüngsten und Vielversprechendsten macht den osteuropäischen Aufholprozess herausfordernder."

Bessere Verteilung gefordert

Auf der Habenseite stehe bei der Migration laut Währungsfonds ein gestärktes Wachstum in den Zielländern und der EU als Ganzes. Die Arbeitsmigration wird daher alles in allem als Erfolgsindikator gewertet.

Die IWF-Ökonomen plädieren jedoch für eine gerechtere Verteilung der Wachstumsvorteile. Empfohlen wird etwa eine stärkere Umverteilung über EU-Fördertöpfe für strukturschwache Regionen. Das entspräche auch dem Ziel, wirtschaftliche und soziale Unterschiede zu reduzieren.

Der vom STANDARD befragte Leiter des Wiener Osteuropa-Instituts WIIW, Michael Landesmann, ist zuversichtlich, dass langfristig auch für Osteuropa die positiven Migrationseffekte überwiegen werden. Rückkehrer würden das im Ausland erworbene technische und unternehmerische Know-how sowie wichtige Businesskontakte ins Land bringen. Außerdem habe etwa die indische Diaspora in den USA maßgeblich zur Entwicklung des erfolgreichen indischen IT-Sektors beigetragen.

Was die wirtschaftliche Bilanz für die Zielländer angeht, herrscht ein eindeutiges Bild. "Untersuchungen zeigen durchgehend, dass die Migration von Ost- nach Westeuropa einen positiven Einkommenseffekt hatte", so Landesmann. In Sachen staatliche Leistungen seien osteuropäische Migranten Nettozahler.

Für die Zukunft ist laut IWF aufgrund der weiterhin erheblichen Einkommensunterschiede zwischen Ost und West jedenfalls mit einer anhaltend hohen Migrationsrate zu rechnen.(Simon Moser, 20.7.2016)

  • Vor allem junge Osteuropäer suchen ihr Glück im europäischen Westen.
    foto: apa/afp/philippe lopez

    Vor allem junge Osteuropäer suchen ihr Glück im europäischen Westen.

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