Nordkorea testet neue Raketen und simuliert Nuklearangriffe

20. Juli 2016, 11:32
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Norden fühlt sich von Plan für Raketenschild provoziert, übt für den Krieg – und sendet verschlüsselte Nachrichten

Pjöngjang/Seoul – Häfen in Südkorea und US-Einrichtungen in der Nähe von Seoul könnten zum Ziel werden, sollte Nordkorea seine ständigen Drohungen tatsächlich eines Tages wahr machen. Das zumindest legt die jüngste Übung nahe, deren Ziele Nordkorea am Mittwoch in einem ungewöhnlichen Schritt bekanntgab.

Man habe Raketentests durchgeführt, die "Präventivschläge" mit nuklearen Sprengköpfen auf den Süden simuliert hätten, wurde Staatschef Kim Jong-un in der staatlichen Agentur KCNA zitiert. Aus ebenfalls veröffentlichten Fotos, die Kim beim Beobachten einer Übung zeigen, ist allerdings zu schließen, dass sich die Meldung auf einen Raketentest vom Dienstagmorgen bezieht.

Der Norden will eine "physische Antwort"

Nordkorea hat mit dem Test dreier Scud-Raketen erneut gegen ein entsprechendes Verbot des UN-Sicherheitsrats verstoßen. Die Raketen seien rund 500 bis 600 Kilometer weit geflogen und anschließend im Meer niedergegangen. Die Raketentests schließen an den Start einer weiteren Rakete von einem U-Boot in der vergangenen Woche an – und an Drohungen des Nordens mit einer "physischen Antwort" auf die geplante Stationierung des US-Raketenabwehrsystems Thaad in Südkorea.

Entsprechende Pläne hatten Seoul und Washington im Frühjahr nach einem Atom- und mehreren Raketentests Nordkoreas vereinbart und in der vergangenen Woche konkretisiert. Das System soll nach Angaben der Vertragspartner die Hauptstadt Seoul und ihre Umgebung schützen, deren Zerstörung die nordkoreanische Propaganda regelmäßig "in einer Flammenhölle" in Aussicht stellt. Pjöngjang sieht die Thaad-Aufstellung seinerseits als Vorbereitung für einen Krieg – sei Südkoreas Hauptstadt erst einmal vor Angriffen geschützt, werde der Süden weniger Hemmungen haben, einen Angriff zu starten.

Als unmittelbare Reaktion hatte Nordkorea den einzigen verbliebenen Kommunikationskanal mit den USA – jenen über die UN – geschlossen. Man werde künftig alle Angelegenheiten, die Beziehungen der beiden Staaten betreffen, durch das Kriegsrecht regeln. Das betreffe auch jene US-Amerikaner, die sich in nordkoreanischer Haft befinden.

Unabhängig von der Korea-Krise ist auch China von den Plänen für eine Thaad-Stationierung wenig begeistert. Es fürchtet ebenfalls strategische Nachteile gegenüber den USA in der Region.

Merkwürdige "Übungen für Geologie-Exkursionen"

Besorgt sind die Nachrichtendienste in Südkorea und Japan auch über eine Verstärkung der nordkoreanischen Spionageaktivität in den vergangenen Monaten. Vor rund einem Monat hatte eine merkwürdige Sendung im nordkoreanischen Radio für Aufsehen gesorgt, in der eine Stimme 14 Minuten lang Seitenzahlen und Nummern vorgetragen hatte. Zwar behauptet der Norden, es habe sich um "Übungen für Geologie-Exkursionen in unserem Land" und um "Übungsbeispiele aus der Mathematik für das Team 27" gehandelt – doch erinnern die Zahlen im Stil von "Nummer 86 auf Seite 135, Nummer 2 auf Seite 257" frappant an sogenannte Zahlensender aus dem Kalten Krieg, auf denen verschlüsselte Nachrichten für Spione im Ausland übertragen wurden.

Nordkorea hatte nach Aussagen von Überläufern im Kalten Krieg ein entsprechendes System zur Kommunikation benützt. Die bisher letzten bekannten Übertragungen dieser Art stammten allerdings aus dem Jahr 2000. Südkorea hat den Norden mittlerweile aufgerufen, "auf derart veraltete Methoden zu verzichten". (mesc, 20.7.2016)

  • Nordkoreanische Medien zeigten Machthaber Kim Jong-un bei der Überwachung eines Raketentests.
    foto: ap / lee jin-man

    Nordkoreanische Medien zeigten Machthaber Kim Jong-un bei der Überwachung eines Raketentests.

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