Traumjob Playlist-Ersteller: 100 Menschen bestimmen, was wir hören

3. September 2016, 16:27
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Mit von Menschenhand erstellten Listen wollen Streaming-Anbieter Kunden locken – schon jeder fünfte Klick ist in einer Playlist

Wie soll man Kunden für sich gewinnen, wenn man dasselbe wie die Konkurrenz anzubieten hat? Diese Frage stellten sich in den vergangenen Monaten die Anbieter von Streaming-Diensten, nachdem immer mehr neue Plattformen auf den Markt gedrängt waren. Darauf gibt es mehrere Antworten: Streaming-Dienste können den Abo-Preis senken, wobei die Rentabilität schon am Limit ist. Außerdem können exklusive Titel erworben werden, was im Musikbereich aber nicht so gut funktioniert wie beispielsweise bei Filmen und Serien. Daher konzentrierten sich Streaming-Anbieter auf ein ganz anderes Feature, mit dem sie sich von der Konkurrenz abheben wollen: Playlists.

Gigantische Auswahl

Spotify, Apple Music, Deezer und Co verfügen über einen Katalog an Musik, der dutzende Millionen an Songs umfasst. Das ist perfekt für jene Nutzer, die ohnehin schon ausgewiesene Experten sind. Sie können sich einfach individuelle Playlists zusammenstellen. Andere User merken aber schnell, dass die gigantische Auswahl auch seine Tücken hat. Nicht jeder will sich groß darüber informieren, welche Songs angesagt sind oder was zu seinem Geschmack passen könnte. Daher sind auch Radiosender nach wie vor erfolgreich: Sie können nebenbei passiv konsumiert werden. Dieses Prinzip wird von Streaming-Anbietern durch Playlists weitergezogen.

Jeder fünfte Klick in Playlist

Vorgefertigte Listen seien momentan "die Art und Weise, wie Menschen Musik entdecken", sagt der Vizepräsident der Universal Music Group zu Buzzfeed. Spotify gab an, dass rund fünfzig Prozent seiner knapp hundert Millionen Nutzer auf Playlists zurückgreift, insgesamt sollen rund ein Fünftel aller Klicks in Streaming-Diensten in Playlists erfolgen. Wer sich wunderte, warum Apple drei Milliarden Dollar für den eher mäßig erfolgreichen Dienst "Beats" hinlegte, findet hierin die Antwort dafür. Musik-Experten seien "sehr schwer zu finden", sagte Apple-Chef Tim Cook damals. Und Algorithmen fehlt noch des "Gespür".

Blogger, Redakteure, Zufallsfunde

Tatsächlich arbeiten wohl nicht mehr als hundert Personen an der Kreation von Playlists. Buzzfeed hat nun erstmals Einblicke in deren Alltag bekommen. Es handelt sich dabei um ehemalige Mitarbeiter von Plattenfirmen, Blogger, Redakteure von Musikzeitschriften – oder um Menschen, die zufällig gefunden wurden. Ein Beispiel dafür ist Guerrero Colomo, die für Spotify Community-Management betrieb. Als Spotify expandierte, schlug sie sich selbst als Expertin für Latin Music vor – und wurde prompt genommen. Mittlerweile hat sie ein paar der wichtigsten Playlists auf Spotify erstellt.

Trends auslösen

Grundsätzlich geht es um das richtige Bauchgefühl, erklärt sie Buzzfeed. Man müsse "beobachten, wie Menschen täglich mit Musik umgehen", so Colomo. Ihre Playlists gelten als einer der Gründe dafür, dass der Musikstil des Reggaeton wieder populär geworden ist. Playlist-Ersteller können Trends identifizieren, auslösen und neue Künstler promoten. Wenn Playlists für bestimmte Situationen erstellt werden, begeben sich manche Mitarbeiter gezielt in das Szenario. Carl Chery, der bei Apple Music arbeitet, erstellt seine Playlists für das Laufband etwa, indem er selbst läuft und überprüft, wie gut dieser oder jener Song beim Joggen "funktioniert".

Monitoring-Tools

Sind die Listen einmal im Netz, können die Mitarbeiter der Streaming-Dienste mit ausgefeilten Tools das Nutzungsverhalten beobachten. Eines davon ist "Puma", das "Playlist Usage Monitoring and Analysis"-Werkzeug. Dort werden alle verfügbaren Daten heruntergebrochen: Wer hörte wann an welchem Ort welche Songs; welche Lieder werden übersprungen; welche doppelt gehört; wann bricht jemand einen Song ab und so weiter. Nach der Analyse dieser Informationen verändern manche Services ihre Playlists im Nachhinein, um sie immer weiter zu optimieren.

Das Prinzip von Listen mit unterschiedlichen Songs ist natürlich schon älter als die Streaming-Branche. Schon in den 1950er-Jahren gab es Sampler; die Einführung der Musikkassette und schließlich der brennbaren CD pushte individuell erstellte Inhalte. Doch mit dem Streaming scheint diese Form des Musikkonsums endgültig zur bevorzugten Variante zu werden.

Pay for Play?

Naturgemäß gibt es einige Spekulationen, dass Musikkonzerne ihren Schützlingen mit Geld einen Platz auf prominenten Playlists reservieren. Das wird in der Branche jedoch vehement dementiert. Auch Buzzfeed konnte keine Person finden, die "off the record" über diese Praxis sprechen wollte. Für die Glaubwürdigkeit der Playlists wären solche Enthüllungen denn auch fatal. Für die Streaming-Dienste ist die Popularität der Playlists jedenfalls komfortabel. "Früher mussten wir unbedingt am Puls sein", so Apple Music-Mitarbeiter Chery zu Buzzfeed, "Aber anstatt zu reagieren, haben wir es nun selbst in der Hand, Trends zu bestimmen." (red, 03.09.2016)

  • Besonders Apple setzt auf manuellerstellte Playlists
    foto: ap/sakuma

    Besonders Apple setzt auf manuellerstellte Playlists

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