Daniel Harding: Eine Tournee zu sich selbst

20. Juli 2016, 11:05
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Der Brite dirigiert am 30. Juli die Wiener Philharmoniker bei den Salzburger Festspielen. Ein Gespräch über Krisen, schwierige Erfahrungen und hilfreiche Kollegen wie Daniel Barenboim und Claudio Abbado

Wien – Es wäre erhellend, findet Daniel Harding, würde er als umtriebiger Dirigent "ein Jahr lang alles niederschreiben, was ihm so passiert. Die Leute wissen eigentlich nicht, wie geprobt wird, wie das Leben als Dirigent ist, wie das ist – mit dem ständigen Reisen." Natürlich würden nicht alle persönlichen Details ausgebreitet. "Aber ich mag es nicht, wenn aus diesem Beruf ein Mysterium gemacht wird. Deshalb wäre das Aufzeichnen interessant. Deshalb freue ich mich, wenn Leute auch in Proben kommen. Sie können das Konzert eher genießen."

Harding, 1975 in Oxford geboren, hat seinen Plan, schriftlich Transparenz in den Beruf zu bringen, noch nicht umgesetzt. Aber er ist, es zeigt die Idee, offener geworden. Früher, da kam es vor, dass er seine Profession geheim hielt. Wenn er beim Friseur saß und gefragt wurde, was er so tue, habe er "ganz Unkünstlerisches genannt". Er sprach etwa davon, in einer Bank zu arbeiten – "dies kürzte die Gespräche ab."

Der Begriff Dirigent habe hingegen Fragen zur Folge. "Ab und zu habe ich genug Energie. Dann sage ich die Wahrheit, und dann will man mehr wissen. Entweder regiere ich mit einem Witz, dann ist das Thema erledigt. Oder ich versuche die Dinge zu erklären, dann kann es kompliziert werden ...". Die Leute würden zur Vorstellung neigen, der Dirigent sei quasi überflüssig, wie sie auch meinen, Piloten wären "nicht nötig", so Harding. "Man denkt, sie drücken nur auf Knöpfe, den Rest würden Computer erledigen", erzählt Harding, der einen Pilotenschein besitzt und nach Gesprächen mit Flugprofis zu obigen Erkenntnissen gelangt ist.

Dann aber fliegt Harding gedanklich nach Luzern und Berlin, wo er einst auch den verstorbenen Kollegen Claudio Abbado bei der Arbeit studieren konnte. "Für ihn war die Probenarbeit tatsächlich der Versuch, sich überflüssig zu machen. Ich habe ihn lange beobachtet. Er richtete es so ein, dass alles quasi ohne ihn funktionieren könnte, er nahm sich zurück. Im Konzert konnte er dann Besonderes herausholen."

Begegnung mit Rattle

Ist aber auch eine Frage von Lebensjahren und Erfahrung. Harding zum Beispiel war zunächst Trompeter, spielte viel in Jugendorchestern und war, wie er selbst meint, als Instrumentalist "nicht sonderlich begabt. Ich durfte nur an Stellen mitspielen, die laut waren ..." Schließlich aber zog es ihn zum Partiturstudium, schließlich kam es auch zur Begegnung mit Kollegen Simon Rattle, und der sagte zum jungen Harding, dieser könne und würde Dirigent werden, was dann auch so kam. Aber, wie gesagt, Erfahrung ist erforderlich, und zu sammeln ist sie letztlich nur, so man vor Orchestern steht: "Man muss zunächst jeden Tag irgendwo dirigieren, um zu lernen. Daniel Barenboim hat mir erzählt, dass ihm wiederum Herbert von Karajan gesagt hat: Man müsse zehn Jahren lang jeden Tag dirigieren – erst dann finge man an, die Dinge zu kapieren."

Nun, Harding, der auch Chefdirigent des schwedischen Radiosinfonieorchesters ist, kann auf 20 Jahre Erfahrung zurückblicken. "Ich habe Unterricht gegeben und Unterricht genommen, ich stand wohl etwa 20.000 Stunden vor Orchestern, und trotzdem ist es schwer. Man muss Überzeugung mitbringen, sie vermitteln. Nach dem Konzert, wenn alles vorbei ist, beginnen aber die Zweifel und die Fragen zur Interpretation."

Besser verbergen

Dirigieren sei auch "ein extrem persönlicher Vorgang. Du stellst dich hin und zeigst alles", vielleicht gar etwas, das besser verborgen bliebe – in Zeiten der Krise etwa. Und die hatte auch ein Harding, hatte Momente, in denen er "wütend auf die Welt war. Ich war gleichzeitig schwach und aggressiv. Aber ich habe keine Freunde verloren, auch die Beziehungen zu den Kollegen sind geblieben."

Womöglich hätte er in jener Zeit besser eine längere Pause eingelegt? "Vielleicht, aber wenn man in der Situation steckt, merkt man das nicht." Mit dem Alter käme aber auch Selbstbewusstsein und mit diesem dirigentische Sicherheit. Es ist ein Prozess, Abkürzungen gäbe es keine, ein Prozess, "bei dem man sich selbst besser kennenlernt".

Es gebe da ja auch komische Dinge an sich zu entdecken. "Richard Strauss' Metamorphosen habe ich in einer Version von Karajan tausendmal gehört, es gibt bei der Aufnahme aber einen Schmiss. Wenn ich das Stück höre, höre ich immer noch diesen Schmiss, da ich ihn im Kopf habe. Seltsam ist das Gehirn ..." (Ljubiša Tošić, 20.7.2016)

  • Daniel Harding, der in Salzburg Mahler, Brahms und eine Neuheit von Peter Eötvös dirigiert: "Für Claudio Abbado war die  Probenarbeit tatsächlich ein Versuch, sich überflüssig zu machen!"
    foto: brill / ullstein bild / picturedesk

    Daniel Harding, der in Salzburg Mahler, Brahms und eine Neuheit von Peter Eötvös dirigiert: "Für Claudio Abbado war die Probenarbeit tatsächlich ein Versuch, sich überflüssig zu machen!"

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