Die Erdoganisierung der Glaubensgemeinschaft

Kolumne19. Juli 2016, 17:15
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Die islamischen Verbände müssen von der Regierung und den Institutionen, die mit ihnen zu tun haben, viel genauer angeschaut werden

4000 türkischstämmige Demonstranten, die in der Putschnacht für Erdogan auf die Straßen der Innenstadt gehen und "Allahu Akbar" skandieren, erzeugen kräftiges Unbehagen. Am nächsten Tag fand gleich noch eine Demo mit 1200 Teilnehmern statt, auch sie mit einem Meer türkischer Fahnen. Nebenbei wurde ein Lokal einer kurdischen Kette verwüstet.

Organisiert wurde die "Spontan"-Demo offenbar von der UETD, der Union Europäisch-Türkischer Demokraten. Sie wird von arrivierten Türken (Geschäftsleute) geführt und ist eine Vorfeldorganisation von Erdogans Partei AKP und Atib, der größten muslimischen Vereinigung in Österreich.

Die Atib steht völlig unter der Kontrolle der türkischen Religionsbehörde Diyanet und ist ein Instrument von Erdogan.

Seit kurzem stellt die Atib den Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ), der Dachorganisation der hiesigen Muslime. Damit ist die Türkisierung und Erdoganisierung der Islamischen Glaubensgemeinschaft abgeschlossen.

Mit entsprechenden Folgen für den Dialog zwischen der Regierung, anderen Institutionen und der IGGÖ.

Die IGGÖ war längere Zeit arabisch dominiert, dann kam Fuat Sanaç, der der türkischen Millî-Görüs-Bewegung nahesteht (religiös-national). Der wurde kürzlich gekippt, weil er das neue Islamgesetz durchgehen ließ, das Auslandsfinanzierung verbietet.

Die islamischen Verbände in Österreich, die die IGGÖ bilden, sind überwiegend konservativ, haben sich zwar brav gegen den Jihadismus ausgesprochen, reden viel vom Dialog, tun aber wenig bis nichts gegen fragwürdige Prediger und Religionslehrer. Die meisten von ihnen sind fest im Griff verschiedener Staaten, bzw. undurchsichtiger politischer Strömungen. Obwohl sie politische Zurückhaltung behaupten, sind sie selbstverständlich hochpolitisiert und betrachten vor allem im Gegensatz zu den westlichen Demokratien den Staat und die Religion als Einheit. Die Religion ist sozusagen "unsere Sache".

Faktum ist, der offizielle Dachverband der muslimischen Vereine ist nun von Erdogan-Türken dominiert. Die Aleviten, hauptsächlich Kurden, haben sich von der Glaubensgemeinschaft abgespalten. Die UETD ist eher säkular, hat aber in Wien den Erdogan-Wahlkampfbesuch, anti-israelische Demonstrationen und offenbar auch die letzten Demos für Erdogan nach dem Putschversuch organisiert.

Außen- und Integrationsminister Sebastian Kurz sagte, er erwarte "von Menschen, die bei uns leben, dass sie ihrem neuen Heimatland gegenüber loyal sind". Diese Formulierung ließ offen, ob damit österreichische Staatsbürger türkischer Herkunft oder hier lebende türkische Staatsbürger gemeint sind. In den Augen von Erdogan ist das allerdings ohnehin egal, denn Türke bleibt Türke. Der Begriff "Staat im Staat" taucht auf.

Fazit: Die islamischen Verbände sind zwar Gesprächspartner, aber solche, die von der Regierung und den Institutionen, die mit ihnen zu tun haben, viel genauer angeschaut werden müssen. (Hans Rauscher, 19.7.2016)

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