Gigantisches X im Herzen der Milchstraße erstmals abgebildet

19. Juli 2016, 20:28
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Struktur aus Sternen liefert Hinweise auf die Entwicklung der Zentralregion unserer Heimatgalaxie

Toronto/Heidlberg – Zwei Astronomen ist erstmals die direkte Abbildung einer gigantischen X-förmigen Struktur rund um das Zentrum der Milchstraße gelungen, einem Phänomen, nach dem Wissenschafter bereits seit langem gefahndet haben. Das kreuzförmige Sternenmuster zeigt an, dass die zentrale Verdickung unserer Heimatgalaxie durch dynamische Wechselwirkungen der Sterne entstanden sein dürfte, nicht durch den Zusammenstoß mit kleineren Galaxien.

Manchmal reicht ein einziger Tweet, um ein Forschungsprojekt in Gang zu setzen. Als Dustin Lang vom Dunlap Institute for Astronomy & Astrophysics der Universität Toronto im Mai 2015 ein Bild der Milchstraße via Twitter verschickte, das er aus Daten des NASA-Satelliten WISE erstellt hatte, war er zunächst einmal froh, ein komplexes Projekt zu einem guten Abschluss gebracht zu haben. "Ich will gar nicht zugeben, wie lang es gedauert hat, 150 gigapixel zu diesem WISE-Bild aufzusummieren", kommentierte er den Aufwand. Was er zu jenem Zeitpunkt nicht wusste: Sein Tweet sollte der Auftakt zu einem ganz anderen Forschungsprojekt sein.

Als Melissa Ness vom Max-Planck-Institut für Astronomie den Tweet sah, fiel ihr auf, dass darauf eine Struktur zu sehen war, nach der Astronomen lange gesucht hatten, die sie aber noch nie hatten abbilden können: eine X-förmige Anordnung von Sternen in der zentralen Verdickung, dem sogenannten "Bulge" unserer Milchstraße.

Einige Wochen später trafen Ness und Lang einander auf einer Konferenz und machten sich gemeinsam daran, Langs Bilder so aufzubereiten, dass das gigantische X im Herz unserer Galaxis deutlich sichtbar wurde. Die Ergebnisse wurden nun im "Astronomical Journal" veröffentlicht.

Stellare Wechselwirkungen

Für Astronomen, die sich für die Entwicklungsgeschichte unserer Heimatgalaxie interessieren, ist der Bulge ein wichtiges Element bei der Entstehung unserer Galaxie. "Wenn wir den Bulge verstehen, dann verstehen wir die Schlüsselprozesse, die das Entstehen und die Form unserer Galaxie bestimmt haben", sagt Ness. Speziell die Anwesenheit der X-Struktur zeigt an, dass die zentrale Verdickung unserer Milchstraße sich durch die dynamische Wechselwirkung der Sterne unserer Galaxis entwickelt hat und nicht, so die Alternativerklärung, durch die Verschmelzung kleinerer Galaxien mit unserer eigenen.

Für Lang ist der wichtigste Aspekt der Arbeit die Rolle, die der offene Umgang mit wissenschaftlichen Ergebnissen gespielt hat. Er sagt: "Für mich ist diese Studie ein Beispiel dafür, was an unerwarteter interessanter Wissenschaft möglich wird, wenn große Datensets öffentlich gemacht werden. Ich freue mich sehr, dass meine WISE-Himmelskarten jetzt benutzt wurden um Fragen zu beantworten, die ich vorher noch nicht einmal kannte." (red, 19.7.2016)

  • Auf dem Bild der zentralen Regionen der Milchstraße, das von Dustin Lang aus WISE-Daten zusammengefügt wurde, ist die X-förmige Verteilung von Sternen gut sichtbar.
    foto: dustin lang; dunlap institute

    Auf dem Bild der zentralen Regionen der Milchstraße, das von Dustin Lang aus WISE-Daten zusammengefügt wurde, ist die X-förmige Verteilung von Sternen gut sichtbar.

  • Auf dieser nachbearbeiteten Abbildung tritt die Struktur noch deutlicher hervor.
    foto: dustin lang; dunlap institute

    Auf dieser nachbearbeiteten Abbildung tritt die Struktur noch deutlicher hervor.

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