Feindliche Übernahme von Chinas liberalem Reformmagazin

20. Juli 2016, 07:00
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Chinas Führung schaltet mit "Yanhuang Chunqiu" eine kritische innerparteiliche Stimme ab. Die Altgenossen begehren auf

Eine Gruppe junger Männer und Frauen, die im Konferenzzimmer der Pekinger Monatszeitschrift "Yanhuang Chunqiu" (China zu allen Jahreszeiten) gerade debattierten, starrte den ausländischen Journalisten entgeistert an. Er war in ihre Sitzung hineingeplatzt. Dabei wollte er am Montag die Redaktion von Chinas liberalem Reformmagazin besuchen, das sich zum demokratischen Sozialismus bekennt. Doch er traf keinen der 20 Mitarbeiter an. Eine Angestellte im gegenüberliegenden Bürohaus wusste, warum. "Seit Tagen sitzen da nur noch diese Funktionäre herum. Sie haben jetzt das Sagen."

Die bei ihrer Versammlung gestörten Teilnehmer gehören einer besonderen Eingreiftruppe an. Sie bereiteten sich gerade vor, die in einer Auflage von 200.000 Exemplaren gedruckte Zeitschrift "Yanhuang Chunqiu" redaktionell zu übernehmen. Sie wollen mit ihrem Handstreich die einzige politische Reformzeitschrift in China zum Schweigen bringen, die sich traute, Tabus zu brechen, wie etwa die Verbrechen Mao Tsetungs mit seinem Großen Sprung nach vorn oder seiner Kulturrevolution aufzudecken. Und die es sich auf ihre Fahnen schrieb, die KP-Diktatur demokratisieren und verrechtlichen zu wollen.

Anwohner berichteten, dass sich der Übernahmetrupp schon vergangenen Mittwoch in dem versteckten Redaktionsgebäude, tief in einem Hinterhof der Yuetan-Straße im Pekinger Westbezirk festsetzte. Tags darauf brachten sie Klappbetten und Decken mit. Die "neuen Zeitungsmacher" kamen von der Chinesischen Nationalakademie der Künste, die dem sozialistisch konservativen Kulturministerium unterstellt ist.

Disziplin oder Übernahme

2014 war auf Anweisung des Propagandaministeriums die Nationalakademie zum Aufpasser der Zeitschrift ernannt worden. Sie sollte die "Yanhuang Chunqiu" disziplinieren. Weil die sich aber redaktionell nicht dreinreden ließ, blieb nun nur die Übernahme.

Ein Vierteljahrhundert hatte sich das weltbekannte Magazin, das mit seiner Juliausgabe sein Jubiläum feierte, jeder Gleichschaltung entziehen können. Der Grund dafür war, dass die Verlagsführung, ihre Autoren und große Teile der Leserschaft einst selbst Parteifunktionäre, Politiker oder bekannte Intellektuelle waren, die sich zu Reformern läuterten. Zudem unterstützten viele frühere KP-Größen, darunter auch Xi Zhongxun, der Vater des heutigen Parteichefs Xi Jinping, die Zeitschrift.

Die Akademie stellte die Redaktion nun vor vollendete Tatsachen und wollte, dass sie unter ihrer Leitung eine entschärfte Zeitschrift weiterhin herausgibt. Schon am 12. Juli hielt sie ein Programm bereit, wie sie die Verlagsleitung ersetzen oder herabstufen kann.

Die Akademie kaperte sich auch die Webseite der Zeitschrift. Am einfachsten ließ sich die Absetzung des legendären 93-jährigen Verlagschef der Zeitschrift und Reformkommunisten Du Daozheng begründen, der früher selbst KP-Chef über Chinas Zeitungs- und Verlagswesen gewesen war: Wegen Alters übernehme der Vizepräsident der Akademie Jia Leilei dessen Aufgabe.

Redaktion kämpft weiter

Doch die designierte neue Redaktion und ihre Hintermänner im Propagandaministerium, die auch soziale Medien blocken ließen, sobald sie zu dem Thema twitterten, hatten die Rechnung ohne den kämpferischen Veteranen Du und seine alte Redaktion gemacht. Vom Krankenbett aus kritisierte Du den Übernahmecoup: Es seien Methoden "wie in der Kulturrevolution". Sie hätten sich die Konten der Zeitschrift angeeignet. "Das ist offener Raub." Klage werde eingereicht. Ein Weiterführen der Zeitschrift unter Regie der Akademie sei ausgeschlossen. "Lieber zerbrochene Jade als ein unbeschädigter Ziegelstein." Am Sonntag twitterte Du eine Erklärung, die Zeitschrift ganz einzustellen. Alle Ausgaben, die weiterhin erscheinen, "haben mit uns nichts mehr zu tun".

Am Montag kam der erste verstörte Leser in den noch offenen Buchladen und kündigte sein Abonnement. Er wolle keine falsche "Yanhuang Chunqiu" lesen. (Johnny Erling aus Peking, 20.7.2016)

  • Die Juliausgabe des Reformmagazins "Yanhunag Chunqiu" ist gleichzeitig das Heft zum 25-Jahr-Jubiläum. Diese Nummer ist vermutlich die letzte. Weil mit Zensur und Druck nicht beizukommen war, wurde einfach die Redaktion ausgetauscht.
    foto: yanhunag chunqiu

    Die Juliausgabe des Reformmagazins "Yanhunag Chunqiu" ist gleichzeitig das Heft zum 25-Jahr-Jubiläum. Diese Nummer ist vermutlich die letzte. Weil mit Zensur und Druck nicht beizukommen war, wurde einfach die Redaktion ausgetauscht.

  • Der Buchladen der Zeitschrift ist noch offen. Die Magazine warten auf den Versand.
    foto: standard / johnny erling

    Der Buchladen der Zeitschrift ist noch offen. Die Magazine warten auf den Versand.

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