"Identifizierung mit IS gibt Bedeutungslosen eine Bedeutung"

Interview21. Juli 2016, 11:41
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Gerichtspsychiaterin Gabriele Wörgötter über Motive und Hintergründe von Radikalisierung und die Attraktivität des IS

STANDARD: Sind Personen, die im Namen des IS mit einer Axt auf Menschen losgehen oder mit einem Lkw in die Menge fahren, psychisch krank?

Wörgötter: Das kann man nicht verallgemeinern. Terrorismus muss keine psychische Erkrankung zugrunde liegen. Auch psychisch gesunde Menschen morden. Man kann aber sagen, dass die Ideen des "Islamischen Staates" einer solchen Tat aus der Sicht der Täter einen Sinn geben. Jemand, der ein sinnentleertes Leben führt, kann plötzlich zu einem "Großen Ganzen" beitragen. Diese Identifizierung gibt den Bedeutungslosen eine enorme Bedeutung. Jugendliche (die nach dem Terrorparagrafen angeklagt waren, Anm.), die ich untersucht habe, haben keinerlei forensische Erkrankungen aufgewiesen, waren also psychisch gesund. Alle hatten aber eine frühe Bindungsstörung, fehlende Vaterfiguren und stammten aus problematischen Elternhäusern. Auffällig war, dass keiner ein muslimisch orientiertes Leben vor der Radikalisierung geführt hat. Religion spielte eine untergeordnete Rolle. Die Jugendlichen hatten aber einen fehlenden Selbstwert und kompensierten ihre Ohnmacht mit Gewalt.

STANDARD: Bei dem Jugendlichen in Würzburg handelte es sich offenbar um einen 17-Jährigen aus Afghanistan.

Wörgötter: Ich habe auch viele Jugendliche getroffen, die in Kriegsgebieten wie Afghanistan aufgewachsen sind. Sie sind mit Gewalt sozialisiert worden, sie gehörte zum normalen Leben dazu. Wenn die Denkweise "normal" ist, dass man seinen Feind umbringt, dann ist klar, dass eine gewisse Gewaltbereitschaft gegeben ist.

STANDARD: Es gibt viele Jugendliche, die unter schwierigen Verhältnissen aufwachsen. Menschen töten zu wollen ist aber doch etwas anderes.

Wörgötter: Radikalen Ideen anzuhängen und Menschen dann auch zu töten, das sind natürlich zwei verschiedene Dinge. Hier kommt schon noch eine zusätzliche Komponente hinzu. Allgemein gehört Aggression zum Menschsein dazu. Ob die aggressiven Tendenzen zu Gewalt werden, hängt davon ab, welche Möglichkeiten ich habe, meine Aggression zu sublimieren oder zu kompensieren. Aggressive Triebe arten bei denjenigen zu Gewalt aus, die nicht gelernt haben, damit umzugehen.

STANDARD: Rechnen Sie damit, dass die Taten von Einzelnen im Namen des IS zunehmen?

Wörgötter: Das halte ich für wahrscheinlich. Hier spielen vor allem das Internet und die sozialen Medien eine wesentliche Rolle. Personen, die sozial isoliert leben, lassen sich von professionell in Szene gesetzten Botschaften terroristischer Gruppen über diesen Weg ansprechen.

STANDARD: Wie kann man gegensteuern?

Wörgötter: Wenn man das wüsste. Was ich nicht für sinnvoll halte, ist, medial die Angst der Menschen zu schüren. Das drängt die potenziellen Täter noch mehr an den Rand. Und man müsste vor allem jungen Menschen, die sich in unserer Gesellschaft nicht zu Hause fühlen, etwas anbieten. Der "Islamische Staat" tut das. Das geht von banalen Dingen wie einem eigenen Haus in Syrien bis hin zu allgemeiner Sinnstiftung. Dieses verführerische Potenzial geht so weit, dass auch der eigene Tod in die Überlegungen miteinbezogen wird. Im Jenseits findet man einen erlösenden Zustand vor und hat noch dazu davor etwas "Gutes" getan. Was man seiner direkten Umgebung damit antut, wird vollkommen ausgeblendet. Eine Frage ist auch, wie man mit radikalisierten Jugendlichen und Tätern umgeht. Ich habe meine Zweifel daran, dass aktuelle Deradikalisierungsprogramme wirklich effizient sind. (Manuela Honsig-Erlenburg, 21.7.2016)

Gabriele Wörgötter ist Gerichtspsychiaterin in Wien. Sie untersuchte im Vorjahr unter anderem Jugendliche, die nach dem Terrorparagrafen angeklagt waren.
  • Auch in Würzburg beanspruchte der IS die Verantwortung für die Axt-Attacken für sich. Eine tatsächliche Verbindung zwischen dem 17-jährigen Täter und der Terrormiliz konnte bisher nicht nachgewiesen werden.
    foto: afp photo / daniel roland

    Auch in Würzburg beanspruchte der IS die Verantwortung für die Axt-Attacken für sich. Eine tatsächliche Verbindung zwischen dem 17-jährigen Täter und der Terrormiliz konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

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