Keine Angst vor Gespenstern

Blog20. Juli 2016, 12:14
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Momentan scheint es, als stehe die Welt knapp davor unterzugehen. Gegen das Katastrophenszenario hilft nur eines: weitermachen

Ein Sommer-Wochenende, das alles andere als ganz normal ist: Du sitzt vor dem Fernseher und kannst nicht wegschauen, während um dich deine kleine Welt tobt. Du siehst weinende Menschen in Nizza, Blut, Polizei; du siehst Chaos in Istanbul und Soldaten, Kriegsgerät auf den Straßen; du hast einen Brexit hinter dir und du siehst einen Jugendlichen, der in einem deutschen Regionalzug mit einer Axt wahllos auf Menschen eindrischt, im Namen Allahs, du siehst überall nur noch Terror, Angst, Entsetzen.

Und du denkst dir: Ist das nun das Ende der längsten Friedensperiode, in die du das zufällige Glück hattest, hineingeboren zu werden? Wird es künftig nur noch Hiobsbotschaften geben? Ist jegliches Plänemachen sinnlos, weil ohnehin immer alles anders, und schlechter, kommt? Bist du völlig auf dem Holzweg, wenn du dich bemühst, deinen Kindern eine sorgenfreie Kindheit, die bestmögliche Ausbildung, die einzig denkmögliche Herzensbildung angedeihen zu lassen? Wofür denn? Womöglich sind die dann nicht gerüstet für das, was sie "da draußen" erwartet.

Wie schützen?

Wie kannst du sie schützen? Wie verhindern, dass ihnen Böses widerfährt, sie womöglich Opfer von Anschlägen werden, einfach, weil sie mit dem Zug irgendwohin fahren oder zur falschen Zeit am falschen Platz stehen? Wo kann man überhaupt, im Europa der Reisefreiheit, noch hinfahren? Ein Wochenende mit Familie in Paris? London? Nizza? Istanbul? Nirgendwo, das lehrt dich die Zeit, bist du sicher, wenn ein paar Wahnsinnige das nicht wollen.

Du erinnerst dich, wie du vor einem Jahr noch Freunde in Tel Aviv bedauert hast, die jeden Morgen mit Spiegeln den Unterboden des Schulbusses kontrollieren, ob dort eh keine Bombe angebracht war. Du warst entsetzt, aber immer mit dem behaglichen Gefühl im Hinterkopf: ""Gottseidank kann das bei uns nicht passieren." Nicht?

Welche Werte?

Viele Menschen stellen sich derzeit diese und ähnliche Fragen, dem Strom der schlechten Nachrichten kann sich kaum jemand entziehen. Die Antworten fallen unterschiedlich aus, zumeist dominiert der verzweifelte Wunsch, alle Gefahrenmomente für sich und die seinen ausschließen zu wollen. Das führt dann oft direkt in die Arme von Rechtspopulisten, die den Menschen das Blaue vom Himmel, in dem Fall die totale Sicherheit durch totale Abschottung, versprechen. Und viele glauben das – oder wollen das gerne glauben.

Europa müht sich auch deshalb so mit der Flüchtlingsfrage ab, weil die Menschen spüren, dass es eine Schicksalsfrage ist, an der die Gemeinschaft zerbrechen kann. Das Gute, so man es finden möchte, ist, dass die Menschen nach Jahrzehnten, in denen Gleichgültigkeit und Egoismus als ultima ratio erschienen, sich nun wieder erinnern, dass dieser Kontinent einst das Abendland war, an dessen Werten sich die ganze übrige Welt maß: Religionsfreiheit, Aufklärung, Humanismus, etc.... Das Schlechte ist wiederum, dass in Zeiten der Bedrohung just nicht diese Werte hochgehalten werden – sondern das Kleingeistige, Ängstliche, Geduckte zu dominieren scheint.

Was tun?

Was, fragst du dich, während du dir die Gespenster des Weltgeschehens im Fernsehen gibst, kannst du gegen diese Angst tun – ohne dass du genauso wirst, dich genauso duckst und Angst hat und dich verschließt?

Schon wieder kommt ein Gespenst: Es ist knallorange, es sieht verdammt deinem Strandtuch ähnlich, darunter zwei kleine Füße, die mit einem Satz auf dich springen. "Huh!" macht das Gespenst, und: "Mama, essen!" Dann ein feuchtes Bussi vom Gespenstermund.

Du drehst den Fernseher ab, legst das Handy beiseite und gehst zum Kühlschrank. Heute hast du frei, das Gespenst und sein Bruder haben jedes Recht der Welt, deine Lego-Baukünste zu fordern, ein Nutella-Brot zu verlangen und vorgelesen zu bekommen. Heute auf dem Programm: "Das kleine Gespenst". Keine Angst, es geht gut aus.

Morgen kannst du dich dann wieder fürchten – oder nicht daran denken, weil du eh keine Zeit dafür hast. (Petra Stuiber, 20.7.2016)

  • Artikelbild
    foto: getty images/istock/andreusk
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