Buckelwale, die Nomaden der Weltmeere

22. Juli 2016, 07:00
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Buckelwale legen im Verlauf eines Jahres große Distanzen zurück. Manche von ihnen sind mobiler als gedacht: Sie kreuzen ganze Ozeane

Wien – Es ist ein Ökosystem der Superlative. Über 2000 Kilometer weit erstreckt sich das Great Barrier Reef entlang der Nordostküste Australiens. Auf etwa 350.000 Quadratkilometern Meeresboden leben hier rund 400 verschiedene Korallenspezies, gut 1500 Fisch- und an die 4000 Molluskenarten: eine Biodiversität, die bereits 1981 als Unesco-Weltnaturerbe anerkannt wurde.

Das Riff lockt alljährlich viele Tauchtouristen an. Sie wollen die bunte Unterwasservielfalt bestaunen. In den Monaten Juni bis August jedoch, wenn im Süden der Südhalbkugel der Winter herrscht, kreuzen noch ganz andere Besucher in dem Schutzgebiet auf: Buckelwale.

Wiege für Babywale

Die bis zu 18 Meter langen Meeressäuger werden nicht etwa von wimmelndem Getier angelockt. Für sie gibt es am Riff nur wenig zu fressen, erklärt der Biologe Joshua Reinke von der australischen Griffith University. Die meisten Kleinfische und Krebse leben zwischen den Korallenstöcken, unerreichbar für die Wale. Stattdessen nutzen die Giganten die tropischen Gefilde als Wochenstube und Balzplatz.

Die neugeborenen Walkälber sind im warmen Flachwasser vor widrigen Witterungsverhältnissen geschützt. Sie schwimmen sozusagen in einer Babybadewanne. Dem Nachwuchs bekommt das bestens, und die Buckelwale des Südwestpazifiks vermehren sich seit einiger Zeit in einem erfreulichen Tempo. "Die Population wächst jährlich um zehn, elf Prozent", sagt Reinke.

Auch anderswo lässt sich eine Zunahme beobachten. Schon 2008 stufte die internationale Artenschutzkommission IUCN den Buckelwal, zoologisch Megaptera novaeangliae genannt, global als ungefährdet ein. Zuvor hatte er als bedroht gegolten – eine Nachwirkung der jahrzehntelangen Verfolgung durch Walfänger.

Wachsende Population

Schätzungen zufolge sind die Bestände weltweit wieder auf mindestens 60.000 Tiere angewachsen. Die ursprüngliche Populationsgröße könnte allerdings mehr als 100.000 Exemplare betragen haben.

Buckelwale frönen einem überaus nomadischen Lebensstil. Nach ihrem Tropenaufenthalt zieht es die Tiere den Polen entgegen. Dort, in den nährstoffreichen arktischen und antarktischen Gewässern, setzt im jeweiligen Spätfrühling die Planktonblüte ein. Krill und Schwarmfischen steht dadurch massenhaft Futter zur Verfügung, während sie selbst wiederum den Walen zur Speise dienen.

Die Giganten können den ganzen Sommer über Speck ansetzen. Besonders viel Krill gibt es rund um die Balleny-Inseln, etwa 300 Kilometer vom antarktischen Festland entfernt. Dieses Nahrungsangebot ist womöglich für die schnelle Erholung der ostaustralischen Buckelwalpopulation verantwortlich.

Orientierung nach Meeresströmung

Im Verlauf seiner Wanderungen orientiert sich Megaptera novaeangliae offenbar an den Meeresströmungen. Joshua Reinke und seine Kollegen haben dieses Verhalten vor der australischen Küste bei Brisbane untersucht. Das Meeresgebiet ist von starken Fronten geprägt, berichtet Reinke. Warme Fluten aus dem Norden werden von der Corioliskraft, einer Auswirkung der Erdumdrehung, in Richtung Südpol getrieben. Im Sog dieser Strömung gelangt kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser an die Oberfläche. Zwischen beiden Wassermassen herrschen scharfe Trennungen mit erheblichen Temperaturunterschieden. Und auch hier kommt es mitunter zu vermehrtem Planktonwachstum.

Die Fronten verlaufen parallel zur Küstenlinie. Zwei Jahre lang führten die Griffith-Forscher in der Region vom Boot aus Walbeobachtungen und Messungen durch, anschließend wurden die Daten analysiert.

Die neulich veröffentlichten Ergebnisse zeigen einen deutlichen Trend. Vorbeiziehende Buckelwale schwimmen meist in unmittelbarer Nähe der Strömungskanten, auf der kälteren Seite (vgl.: Journal of Coastal Research, Sonderausgabe 75, S. 552). Vermutlich sind ihnen die Fronten eine zuverlässige Navigationshilfe. Abgesehen davon finden die Tiere dort eventuell auch Futter. Stärkung für die lange Weiterreise.

Karibik als Winterquartier

Auch im Nordatlantik ziehen tausende Buckelwale ihre Bahnen. Die meisten von ihnen haben ihre Winterquartiere in der Karibik. Dort versammeln sie sich vor allem in den Küstengewässern der Dominikanischen Republik und vor der französischen Überseeinsel Guadeloupe in der Ostkaribik. Eine kleine, knapp 300 Exemplare umfassende Population überwintert jedoch mehr als 4000 Kilometer weiter östlich, nahe den Kapverden.

Für das sommerliche große Fressen wandern die nordatlantischen Buckelwale nach Island, in die Barentssee oder an die kanadische Ostküste. Manche wechseln dabei sogar die Ozeanseite, wie eine aktuelle Studie nun aufzeigt.

Die Identifikation solcher Fernwanderer gelang anhand der Fluken. Die Fleckenzeichnungen und Narbenmuster der Schwanzflosse sind so individuell wie ein Fingerabdruck. Um die Buckelwalbestände besser studieren zu können, sammeln Wissenschafter und Freiwillige seit den Siebzigern Fluken-Fotos in einer internationalen Datenbank. Mehr als 10.000 individuelle nordatlantische Buckelwale konnten so bislang erfasst werden. "Einige dieser Tiere sind schon an die 40 Jahre alt", erklärt Frederick Wenzel, Biologe an der US-amerikanischen Ozeanografiebehörde National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA).

Wechsel zwischen West- und Ostatlantik

Vergleichen unterschiedlicher Aufnahmen zufolge kreuzten in den vergangenen Jahren mindestens zwei Exemplare mehrfach zwischen West- und Ostatlantik hin und her. Zwei weitere Buckelwale verschlug es mindestens einmal über den Ozean (vgl.: Journal of the Marine Biological Association oft he UK, Bd. 96, S. 885) – ein unerwartetes Ergebnis.

Experten gingen eigentlich davon aus, dass beide Teilpopulationen weitestgehend getrennt leben. Interessanterweise tauchten die Seitenwechsler nur vor den Kapverden und Guadeloupe auf. Keiner von ihnen wurde je nahe der Dominikanischen Republik gesichtet, obwohl sich dort im Winter die meisten Buckelwale tummeln.

Vielleicht sind die ostkaribischen Tiere ja näher mit ihren Artgenossen auf der anderen Seite des Atlantiks verwandt als mit jenen in der Nordkaribik, meint Frederick Wenzel. Weitere Forschungen sollten bald folgen. (Kurt de Swaaf, 22.7.2016)

  • Ein Buckelwal vor Madagaskar: Forscher erkennen die bis zu 18 Meter langen Meeressäuger anhand ihrer Fleckenzeichnungen und Narbenmuster wieder.
    foto: istockphoto/getty images

    Ein Buckelwal vor Madagaskar: Forscher erkennen die bis zu 18 Meter langen Meeressäuger anhand ihrer Fleckenzeichnungen und Narbenmuster wieder.

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