Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft verteidigt Türken-Demo

Interview20. Juli 2016, 06:00
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Mit Erdoğan-Demonstrationen in Österreich hat Ibrahim Olgun kein Problem, Putschversuche hingegen würde "der Islam nie rechtfertigen"

STANDARD: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hat den Putschversuch vom Wochenende als "Segen Gottes" bezeichnet. Es gibt mittlerweile mehrere tausend Festnahmen. Muss man fürchten, dass sich die Türkei hin zur Diktatur entwickelt?

Olgun: Wir sind eine religiöse Gemeinschaft und haben mit der Politik nichts zu tun. Ganz allgemein: Der Islam steht dafür, dass Regierungen demokratisch gewählt werden und demokratisch wieder gehen. Der Islam rechtfertigt niemals irgendwelche Putschversuche – egal, ob in der Türkei oder anderswo.

STANDARD: Wie haben Sie die Ereignisse persönlich erlebt?

Olgun: Ich habe das über die Medien verfolgt. Mich macht es traurig, dass die Regierung durch Mittel des Militärs gestürzt werden sollte. Falls es Probleme oder Konflikte gibt, gehören diese mit demokratischen Mitteln gelöst und nicht mit Waffengewalt.

STANDARD: Die Imame habe die ganze Nacht die Leute auf die Straßen getrieben. Macht Präsident Erdoğan Politik durch die Moscheen?

Olgun: Wie schon gesagt: Ich bin für die Muslime in Österreich verantwortlich. Ich möchte keinen weiteren Kommentar abgeben.

STANDARD: Jetzt haben Sie die Putschisten massiv kritisiert, aber die Rolle von Erdoğan völlig außen vor gelassen. Er verhaftet tausende Menschen und überlegt gerade, die Todesstrafe wiedereinzuführen.

Olgun: Die Todesstrafe entspricht nicht der Demokratie. Vorerst ist es ein Vorschlag, nicht mehr. Ich bin gegen die Todesstrafe.

foto: urban
Ibrahim Olgun will enger mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten.

STANDARD: Sein Regierungsstil stört Sie nicht?

Olgun: Ich möchte das nicht beurteilen. Politiker sollen ihre Aufgaben machen, ich erfülle meine. Rechtsstaatlichkeit und Rede- und Meinungsfreiheit sind aber für mich wichtige Prinzipien.

STANDARD: Vielleicht kommt deshalb keine Kritik, weil Sie Mitglied beim türkischen Verein Atib sind, der direkt aus der Türkei unterstützt wird – und wo es von Erdoğan-Anhängern nur so wimmelt.

Olgun: Es macht mich sehr betroffen, wenn ich immer wieder in diesem Zusammenhang erwähnt werde, mit der Andeutung als verlängerter Arm Erdoğans. Es stimmt, ich bin Mitglied bei Atib. Aber jeder, der sich in der Glaubensgemeinschaft engagieren will, muss nach dem neuen Islamgesetz Teil einer Kultusgemeinde sein. Es hat sich auch die Struktur der Vereine durch das Gesetz geändert. Alle religiösen Aufgaben von Atib, also auch die Imame, unterstehen der Glaubensgemeinschaft. Und ganz wichtig: Die Imame werden auch nicht mehr aus dem Ausland bezahlt. Der türkische Botschafter ist zwar noch im Vorstand des Vereins Atib. Aber da hat er eine Stimme von sechs.

STANDARD: In Wien gingen zuletzt hunderte Menschen auf die Straße, um für Präsident Erdoğan zu demonstrieren. Ist das nicht auch Anlass zur Sorge?

Olgun: Es stellt sich die Frage, warum sie auf die Straße gegangen sind. Und: Haben sie etwas falsch gemacht? Gehört es nicht zu den Bürgerrechten in diesem Land, auf die Straße gehen zu können und friedlich zu demonstrieren? Darf man das nicht? Auch Türken dürfen in Wien demonstrieren.

STANDARD: Kritik hagelt es vom Kanzler abwärts: Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) kritisierte, dass in Österreich kein Platz für einen politischen Islam ist.

Olgun: Ich weiß nicht, was er kritisiert. Ich sehe das anders. Die türkischen Demonstranten haben gesagt, dass sie für die Demokratie gekommen sind.

STANDARD: Sie sind für Erdoğan gekommen, das war in den Sprechchören deutlich zu hören.

Olgun: Dann fragen Sie doch die Demonstranten. Ich kann das nicht beantworten.

STANDARD: Wenn in Wien "Allahu Akbar"-Rufe ertönen, steigt in der Bevölkerung auch die Angst vor dem Islam. Verstehen Sie das?

Olgun: "Allahu Akbar" ist ein wichtiger Teil aus der Praxis des Islam. "Allahu Akbar" ist ein friedlicher Begriff. Leider wird dieser in letzter Zeit von Extremisten für ihre Ideologie missbraucht. "Allahu Akbar" – Gott ist groß – verwenden wir täglich in unseren Gebeten. Wir müssen die Gesellschaft aufklären, dass diese Begriffe normal religiös sind.

STANDARD: Der Nizza-Attentäter war Moslem. Kardinal Schönborn fordert "klarere Stellungnahmen von islamischen Autoritäten". Distanziert man sich von radikalen Strömungen im Islam zu wenig?

Olgun: Wir haben uns nach dem Anschlag sofort distanziert. Wir Religionen sollten mehr gemeinsam gegen den Terror zusammenarbeiten. Es haben auch andere Vertreter aus anderen Ländern den Anschlag verurteilt.

STANDARD: Wie kommt dann Schönborn zu dieser Ansicht?

Olgun: Ich weiß es schlicht nicht. Und ich kann die Kritik auch überhaupt nicht nachvollziehen. Wir distanzieren uns immer wieder und verurteilen die Anschläge. In der Prävention und Aufklärung leisten wir viel.

foto: urban
"Grundsätzlich soll die Hand gereicht werden, aber es gilt gleichzeitig zu akzeptieren, dass wir auch in Österreich unterschiedliche Kulturen haben", sagt Ibrahim Olgun.

STANDARD: Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) will mit den islamischen Verbänden reden. Was soll Ihrer Meinung nach besprochen werden?

Olgun: Geben Sie uns Zeit, wir haben erst gerade davon erfahren. Eines ist klar: Wir werden unsere Moscheen noch stärker kontrollieren. Aber das Problem liegt eigentlich genau bei jenen Moscheen, welche der Glaubensgemeinschaft nicht unterstehen. Und bei den Jugendlichen, die nicht in die Moscheen gehen und soziale Probleme haben, arbeitslos sind. Die müssen wir erreichen. Ihre Radikalisierung liegt ja nicht in der Religion begründet, sondern in allen anderen Bereichen.

STANDARD: Wie soll künftig strenger kontrolliert werden?

Olgun: Dass wir die Kontrolle verschärfen, bedeutet nicht, dass wir ein Terrorproblem haben. Bei uns ist alles friedlich. Aber Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Wir werden viel enger mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten.

STANDARD: Um wie viele Moscheen geht es?

Olgun: Durch das neue Gesetz haben wir viele neue Anträge bekommen. Aber es sind rund 300 in Österreich. Außerhalb der Glaubensgemeinschaft gibt es noch so zirka eine Handvoll. Die sind problematisch. Da appelliere ich an den Staat, genau hinzusehen.

STANDARD: Sollen die besser auch unter das gemeinsame Dach der Islamischen Glaubensgemeinschaft?

Olgun: Nein, die sollen bitte draußen bleiben.

STANDARD: Bei dem Treffen mit der der Regierung soll es auch um die "Einhaltung von Grundregeln" gehen. Was ist damit gemeint?

Olgun: Ich weiß nicht, was unser Kanzler damit meint. Ich denke, es geht um die gemeinsamen Werte. Um ein friedvolles Miteinander.

STANDARD: Dafür braucht es ein Gipfeltreffen?

Olgun: Ich weiß nicht, was kommt.

STANDARD: Vielleicht geht es ja auch um so grundsätzliche Dinge wie etwa einer Lehrerin den Handschlag nicht zu verweigern.

Olgun: Vielleicht. Grundsätzlich soll die Hand gereicht werden, aber es gilt gleichzeitig zu akzeptieren, dass wir auch in Österreich unterschiedliche Kulturen haben. Es haben die Juden andere Grußformen und auch die Buddhisten geben nicht ihre Hand.

STANDARD: Ist Ihnen aufgefallen, dass es bis dato noch keine Frage zum Kopftuch gab?

Olgun: Das wäre das erste Gespräch ohne eine Frage danach.

STANDARD: Wir wollen Sie jetzt nicht enttäuschen ...

Olgun: ... Ein Kopftuch zu tragen ist Privatsache und eine persönliche Entscheidung. Wir können und wollen den Menschen nichts aufzwingen. (Peter Mayr, Markus Rohrhofer, 20.7.2016)

Ibrahim Olgun (28) ist designierter Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Die Wahl wird gerade geprüft, weil sie angefochten wurde. Der Theologe ist in Mistelbach geboren und entstammt einer Gastarbeiterfamilie.

  • Demonstration gegen den Putschversuch in der Türkei am Heldenplatz in Wien.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    Demonstration gegen den Putschversuch in der Türkei am Heldenplatz in Wien.

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