Pornografie: Wiederbelebte Debatten

24. Juli 2016, 09:00
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Während Jugendliche heute selbstverständlich Pornos konsumieren, gestaltet sich das Sprechen darüber – auch unter Erwachsenen – nach wie vor schwierig

"Pornografie mit ihren schädlichen Auswirkungen, besonders auf Kinder, hat sich zu einer öffentlichen Gesundheitskrise entwickelt, die die Leben von Millionen Menschen zerstört." Dieser Satz ist im kürzlich überarbeiteten – deutlich rechtskonservativ geprägten – Parteiprogramm der US-Republikaner zu finden. Den Kampf gegen Pornokonsum, der von verschiedenen Interessengruppen seit Jahrzehnten geführt wird, hatte vor wenigen Monaten bereits Gary R. Herbert, Gouverneur in Utah, ausgerufen, der von einer "Epidemie" sprach.

Einen Klick entfernt

Pornografisches Material ist heute tatsächlich so einfach zugänglich wie nie zuvor. Plattformen wie Youporn und Pornhub bieten eine Fülle an kostenlosen Videos, auf Bezahlseiten finden sich meist frei verfügbare Trailer und Vorschaubilder. Auch wenn umfassende, verlässliche Zahlen zum Pornografiekonsum von Jugendlichen und Erwachsenen fehlen – regional durchgeführte Studien und Webanalysen belegen, dass Pornografie sich zum Massenphänomen entwickelt hat. Der Webranking-Dienst Similarweb listet das Pornoportal XVideos auf Platz 18 der Top 50 Seiten weltweit, Pornhub folgt auf Platz 23.

Laut der "Bravo"-Dr.-Sommer-Studie 2016 haben die Hälfte der 15-jährigen Jungen und ein Drittel der Mädchen im selben Alter bereits Pornos angeschaut, rund 45 Prozent der 16- bis 19-Jährigen konsumieren mindestens einmal pro Monat Pornografie – so das Ergebnis einer deutschen Studie aus dem Jahr 2008. Dass Pornografie – wie einige US-PolitikerInnen annehmen – per se schädlich sei, konnten wissenschaftliche Untersuchungen bisher keineswegs belegen.

Schambesetzte Vulva

Für die Sexualpädagogin Sabine Ziegelwanger, die mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, ist der Umgang mit Pornografie fester Bestandteil ihrer Arbeit. "Wenn wir in einem Workshop mit 13-, 14-Jährigen nach Assoziationen zum Thema Sexualität fragen, kommen immer Begriffe aus der Mainstream-Pornografie", erzählt Ziegelwanger, die auch dem Vorstand der österreichischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften angehört. Die Aufgabe der Sexualpädagogik sieht sie darin, Räume zu schaffen, in denen angstfrei über das Gesehene gesprochen werden kann: "Uns ist es dabei wichtig, nicht den moralischen Zeigefinger zu heben, damit würden wir nur auf Ablehnung stoßen."

Die Neugier auf Pornografie erlebt sie in ihrer Arbeit als "hochgradig gegendert". Aber auch beim Sprechen über die eigene Sexualität würden sich deutliche Unterschiede zeigen. Die Angst, als "Schlampe" abgestempelt zu werden, sei unter Mädchen groß. Während Burschen die Auseinandersetzung mit den eigenen Genitalien als etwas Lustvolles und auch Humorvolles erleben würden, seien Mädchen sehr viel vorsichtiger. Ziegelwanger hat im Zuge ihrer Arbeit Mädchen nach ihrer Einstellung zu Selbstbefriedigung und zu der Wahrnehmung des eigenen Körpers befragt. "Ein liebevolles Anschauen ihrer Vulva ist für die meisten nicht infrage gekommen, es wurde mitunter als grauslich bezeichnet", sagt die Sexualpädagogin. Auch Selbstbefriedigung, das lustvolle Entdecken des eigenen Körpers, sei nach wie vor schambesetzt.

Feministische Pornografie

Feministische Theoretikerinnen und Aktivistinnen begleitet die Auseinandersetzung um weibliche Lust und Pornografie indes seit Jahrzehnten. Während die 1980er-Jahre von emotional geführten Debatten zwischen Pornografie-GegnerInnen und ihren KritikerInnen geprägt waren, haben sich Porn Studies mittlerweile als differenziertes akademisches Feld herausgebildet. 2014 erschien erstmals die international ausgerichtete und interdisziplinäre Fachzeitschrift "Porn Studies". Als Teil eines "sexpositiven" feministischen Aktivismus verstehen sich indes auch ProduzentInnen und PerformerInnen, die alternatives pornografisches Material kreieren. Es sei eine Bewegung entstanden, "die Wert auf feministische Kriterien legt wie Vielfalt in der Darstellung – die Lust der Frau soll wie die aller Geschlechter zu sehen sein –, einvernehmliche Sexualpraktiken und gute Arbeitsbedingungen", sagt Laura Méritt.

Die Filme und Bilder grenzen sich klar vom Mainstream-Porno ab, der häufig die schnelle Befriedigung von (Hetero-)Männern ins Zentrum stellt und alles abseits dieser Norm in die Kategorie "Fetisch" einordnet. Méritt initiierte 2009 den feministischen Pornofilmpreis "Por Yes", der nun alle zwei Jahre in Berlin vergeben wird. Auch für Jennifer Lyon Bell, Regisseurin und Preisträgerin 2015, ist es zentral, ein möglichst angenehmes Klima für die DarstellerInnen zu schaffen. "Ich selbst möchte als Pornokonsumentin vorab wissen, ob die SchauspielerInnen fair behandelt wurden und sich beim Dreh wohlgefühlt haben", sagt die Regisseurin und Gründerin von Blue Artichoke Films.

Verantwortung der KonsumentInnen

"Faire" Pornografie muss auch im Interesse der KonsumentInnen liegen – davon ist Djure Meinen überzeugt. Gemeinsam mit Jenny-Louise Becker – beide begeisterte Porno-KonsumentInnen – leitete er auf der Republica-Konferenz 2015 eine Diskussionsrunde unter dem Titel "Fair Porn: von Lust und Gewissen". Gratisplattformen beziehungsweise Piraterie haben die Branche enorm unter Druck gesetzt – was sich letztendlich auch auf die Entlohnung auswirkt. Wie CNBC im Jänner berichtete, erhalten DarstellerInnen in den USA zwischen 800 und 1.000 Dollar für eine Heterosexszene, bei Newcomern, denen die Unterstützung einer geschickt verhandelnden Agentur fehlt, sind es teilweise nur 300 Dollar. Mireille Miller-Young, Dozentin an der UCSB, hat die rassistischen Strukturen innerhalb der Branche aufgearbeitet. Generell verdienen Women of Color durchschnittlich deutlich weniger als weiße Darstellerinnen, auf Pornowebsites sind Kategorien wie "Latina Abuse" zu finden.

Abseits großer Produktionsfirmen sind die Arbeitsbedingungen für DarstellerInnen – etwa bei möglichst billig produzierten "Amateur"-Pornos – völlig undurchsichtig. Während gegenwärtig ganz selbstverständlich über fair produzierte Kleidung gesprochen wird, fehlt dieser Diskurs bei der Pornografie. Trotz einer vermeintlichen Übersexualisierung der Gesellschaft passiere eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualität nicht, sagt dazu Djure Meinen. So bleibe auch der eigentlich alltägliche Pornokonsum vieler NutzerInnen im Dunkeln. Gratisplattformen wie Youporn steht Meinen kritisch gegenüber: "Sie befördern die Strategie, immer wieder aufs Neue nach kostenlosen Filmen im Internet zu suchen, die die eigenen Bedürfnisse widerspiegeln." Auch wenn Pornhub beispielsweise mit Statistiken zu den meistgesuchten Begriffen der NutzerInnen geschickte PR betreibt, sind faire Produktionsbedingungen kein Thema des dahinterstehenden Unternehmensgeflechts, das zahlreiche Plattformen unter einem Dach vereint. Auch im Fall von Gina-Lisa Lohfink reagierte das Unternehmen erst auf massiven medialen Druck.

Sexuelle Bildung

Pornoregisseurin Bell glaubt indes, dass der Pornokonsum vieler NutzerInnen nach wie vor konfliktbehaftet sei – Filme zu kaufen würde auch bedeuten, sich die Lust auf Pornografie eingestehen zu müssen. Bell ist von den USA in die Niederlande übersiedelt und erwartete sich ein progressiveres Klima, doch auch in Europa hafte PornodarstellerInnen nach wie vor ein Stigma an, sagt die Regisseurin. Aktivistin Laura Méritt sieht durchaus Fortschritte und setzt auf "stete Aufklärung, Angebote und sexuelle Bildung zum Aufbau einer erotischen Konsenskultur".

Für eine Stärkung der sexuellen Bildung tritt auch Sexualpädagogin Ziegelwanger ein. Entgegen aufgeregt geführten Debatten ist sie davon überzeugt, dass Jugendliche recht gut mit Pornografie umgehen können – sofern der Konsum freiwillig passiere. "Anderen ohne ihr Einverständnis Material zu zeigen beziehungsweise zu schicken ist eine Form von Gewalt", sei ein Grundsatz der sexuellen Bildung. Kinder und Jugendliche vor ungewollten Bildern zu schützen, sei trotzdem nicht vollständig möglich. "Gerade deshalb muss das Thema gesamtgesellschaftlich diskutiert werden", sagt Ziegelwanger. (Brigitte Theißl, 24.7.2016)

  • Feministinnen begleitet die Auseinandersetzung um weibliche Lust und Pornografie seit Jahrzehnten.
    foto: istock / getty images / peskymonkey

    Feministinnen begleitet die Auseinandersetzung um weibliche Lust und Pornografie seit Jahrzehnten.

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