Originelle Hypothese zur Entstehung des Schildkrötenpanzers präsentiert

24. Juli 2016, 09:00
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US-amerikanischer Biologe glaubt, dass die Schutzfunktion erst nachträglich als Zusatznutzen dazukam

Denver – Schildkröten sind eine ganz besondere Tiergruppe: Sie haben ihr Skelett umgebaut wie kein anderes Landwirbeltier. Wirbelbögen und Rippen sind bei ihnen zum charakteristischen Panzer verschmolzen. Die Panzer anderer Landwirbeltiere – beispielsweise von Gürteltieren – werden in der Haut gebildet.

Dass der Panzer eine Schutzfunktion hat, liegt auf der Hand. Denn leicht zu knacken ist dieser Schutz nicht: Dazu braucht es wirklich mächtige Kiefer oder gewitzte Strategien wie die verschiedener Greifvogelarten – etwa Bartgeier oder Steinadler –, die Schildkröten aus großer Höhe auf Felsen fallen lassen.

foto: tyler r. lyson
Das Fossil eines Eunotosaurus zeigt die stark verbreiterten und abgeflachten Rippen.

Möglicherweise ist diese Schutzfunktion aber erst nachträglich entstanden – ähnlich wie Vogelfedern zunächst der Wärmeisolierung dienten und erst später auch Schwungfedern hervorbrachten, die den Flug ermöglichen. Das glaubt zumindest der Paläontologe Tyler Lyson vom Denver Museum of Nature & Science, der seine Hypothese in "Current Biology" präsentierte.

Lyson glaubt, dass der erst in Ansätzen ausgebildete Panzer von Schildkrötenvorläufern wie dem 260 Millionen Jahre alten Eunotosaurus beim Graben nützlich war. Die etwa 30 Zentimeter langen Tiere lebten in einer von Hitze und Trockenheit geprägten Umwelt im Gebiet des heutigen Südafrika. Der schlimmsten Hitze entzogen sie sich, wie es auch heute verschiedenste Tierarten tun: indem sie sich eingruben.

foto: luke norton
Zwei Verwandte, zwischen denen 260 Millionen Jahre liegen: Eunotosaurus und eine heutige Pelomedusenschildkröte, ebenfalls in Afrika beheimatet.

Die breiten, flachen Rippen, die sich zu einer Urversion des späteren Panzers ergänzten, hätten dem Eunotosaurus dabei als "stabile Basis" gedient, von der aus er seine Gliedmaßen besser zum Schaufeln einsetzen konnte, so Lyson. Auch wenn der Eunotosaurus und seine Verwandten dafür den Preis zahlen mussten, dass die veränderten Rippen ihn zu einem anderen, langsameren Gang zwangen.

Zwar kennt man zahllose – ausgestorbene und noch lebende – Tierarten, die ebenfalls eine grabende Lebensweise pflegen und nicht einmal ansatzweise eine solche "Basis" zu brauchen scheinen. Aber Schildkröten sind wohl wirklich eine ganz besondere Tiergruppe. (jdo, 24. 7. 2016)

  • Leben vor 260 Millionen Jahren: Während im Hintergrund eine Bradysaurusherde in der Hitze schmachtet, gräbt sich der kleine Eunotosaurus lieber ein.
    illustration: andrey atuchin

    Leben vor 260 Millionen Jahren: Während im Hintergrund eine Bradysaurusherde in der Hitze schmachtet, gräbt sich der kleine Eunotosaurus lieber ein.

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