Warum Negativzinsen ihre Wirkung verfehlen

19. Juli 2016, 14:29
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Allianz-Chefvolkswirt Heise erwartet eine Normalisierung von Konjunktur und Inflation und rechnet mit der EZB-Zinspolitik ab

Wien – Eine starke Belastung für den Bankensektor nebst anderen unerwünschten Nebeneffekten bei weitgehend ausbleibender Wirkung – kein allzu gutes Haar lässt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise an der geldpolitischen Rosskur der Europäischen Zentralbank (EZB). Schließlich dümpelt die Inflation im Euroraum trotz Negativzinsen und Anleihenkäufen weit unter dem Zielwert von knapp zwei Prozent. "Solange der Ölpreis hinuntergeht, sinken auch die Inflationserwartungen, egal was die EZB macht", bringt Heise den für ihn entscheidenden Faktor ins Spiel. "Wenn der Ölpreis konstant bleibt, wird sich auch die Inflationsrate wieder nach oben bewegen."

Daher hält der Ökonom eine weitere geldpolitische Lockerung ungeachtet der Brexit-Sorgen für überflüssig, zumal das Ende der Fahnenstange dafür ohnedies schon sehr nahe gerückt sein dürfte. Denn ein weiteres Absinken des negativen Einlagensatzes für Banken von derzeit 0,4 Prozent hält Heise nur bis zu den Haltungskosten von Bargeld, also Lagerung, Transport und Sicherung, für möglich – und diese wähnt Heise umgelegt bei "wahrscheinlich minus 0,5 Prozent".

"Verheerendes Signal"

Folglich spricht sich Heise ohnedies gegen eine weitere Absenkung aus: "Das wäre aus meiner Sicht ein verheerendes Signal." Negativzinsen würden das Sparkapital belasten, die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten weiter erhöhen und hätten "eine sehr, sehr negative Wirkung für Banken", die 700 Milliarden Euro bei der EZB geparkt hätten und dafür negative Zinsen erhalten würden. "Der Negativzins verfehlt seine Wirkung", ergänzt der Volkswirt. "Ich hoffe, dass die EZB davon abkommt und umdenkt."

Ausgehend von einer Konjunkturbelebung und einem stabilen Ölpreis im Bereich von 50 US-Dollar je Barrel, also knapp über der derzeitigen Notierung, sollte sich das Problem gewissermaßen von alleine lösen, denn Heise erwartet einen Anstieg der Inflation von derzeit 0,1 Prozent im Euroraum auf 1,5 Prozent zu Jahresende. "Das wäre eine willkommene Normalisierung, aber nicht das Ende der Nullzinsphase." Im kommenden Jahr erwartet er eine Debatte über das Auslaufen des Anleihenkaufprogramms und frühestens 2018 die erste Leitzinserhöhung durch die EZB, die einen Schlussstrich unter das Kapitel Nullzins ziehen würde.

Blaues Auge für Briten

Eine positive Sicht hat Heise auf die Konjunktur in der Eurozone und in Österreich im Speziellen, wo sich das Wachstum heuer auf jeweils 1,5 Prozent erhöhen sollte. Neben einer Belebung des Konsums und des Wohnbaus, der den Steigerungen der Immobilienpreise hinterherhinke, wird ihm zufolge ein Anziehen der Ausrüstungsinvestitionen hierzulande zur wirtschaftlichen Belebung beitragen. Zudem sollte der Export besser laufen, da sich auch die wirtschaftliche Lage wichtiger Handelspartner wie Italien verbessere – obwohl der Brexit auch den Außenhandel Österreichs leicht belasten werde.

Die britische Wirtschaft sollte beim Ausscheren aus der EU mit einem blauen Auge davonkommen, sofern die Vernunft auf beiden Seiten bei den Austrittsverhandlungen siegt. Heise setzt die Wahrscheinlichkeit dafür angesichts der wirtschaftlichen Interessen beider Seiten mit 70 Prozent an, denn "die Briten werden gewisse Kompromisse eingehen müssen, um einen Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu erhalten. Wir erwarten, dass am Ende eine Lösung steht, die sich nicht dramatisch von der derzeitigen Situation unterscheidet."

Was der Brexit kostet und bringt

Dennoch hat der Ausstieg seinen Preis, vor allem für die Briten. Laut einer "groben Schätzung" wird die Scheidung von der EU in diesem Fall wegen politischer und ökonomischer Unsicherheiten heuer und 2017 jeweils einen Prozentpunkt Wachstum kosten. Ein günstigeres Bild malt Heise für die EU: "Die Wachstumsverluste für Europa haben wir auf 0,4 Prozentpunkte über zwei Jahre taxiert." Positive Auswirkungen für die Gemeinschaft wähnt er hingegen auf politischer Ebene. Die nun ersichtlichen, negativen Folgen eines EU-Austritts würden andere Länder davon abhalten, ebenfalls Referenden abzuhalten. "Auch der Brexit bringt die EU nicht in existenzielle Gefahr", folgert Heise. (Alexander Hahn, 19.7.2016)

  • Eine weitere geldpolitische Lockerung ist laut Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise überflüssig, da sich das Problem zu niedriger Inflationsraten bei konstanten Ölpreisen von alleine regeln wird.
    foto: apa/dpa/arne dedert

    Eine weitere geldpolitische Lockerung ist laut Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise überflüssig, da sich das Problem zu niedriger Inflationsraten bei konstanten Ölpreisen von alleine regeln wird.

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