Prozess um versuchte Vergewaltigungen: "Spaß" und Kontrollverlust

19. Juli 2016, 12:45
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Ein 23-Jähriger soll Frauen verfolgt und vor ihren Türen attackiert haben. Er gibt zwei Fälle zu und weiß nicht, was über ihn gekommen ist

Wien – Ibraim J. soll schuld sein, dass in Wien für über ein Dutzend Frauen ein Albtraum wahr wurde: von den öffentlichen Verkehrsmitteln aus bis zur Wohnung verfolgt und dort vergewaltigt zu werden. Staatsanwältin Gabriele Müller-Dachler wirft dem 23-Jährigen zehn versuchte Vergewaltigungen vor, dazu kommen sieben Fälle von sexueller Belästigung.

Vor der Vereidigung der Schöffen leistet Vorsitzende Martina Krainz aber noch eine gute Tat: Sie erlaubt den Verfahrensbeteiligten, Talar und Sakkos auszuziehen. Der Grund: Die Verhandlungssäle im Wiener Straflandesgericht sind nicht klimatisiert und werden nach kurzer Zeit fast unerträglich heiß.

Der Angeklagte bekennt sich nur in zwei Punkten schuldig. Und beginnt zunächst aus seinem Leben zu erzählen. "2014 bin ich erstmals aus Mazedonien nach Österreich gekommen." – "Was waren Ihre Pläne?", fragt Krainz. "Ich wollte hier leben und eine Ausbildung zum Pizzabäcker machen."

Beschwerden am Arbeitsplatz

Tatsächlich arbeitete er in einem Restaurant, "dort habe ich aber nur Bakschisch bekommen". – "Haben sich nicht dort auch schon Frauen über Sie beschwert?", will die Vorsitzende wissen. "Nein." – "Das sagt Ihr Chef aber sehr wohl." – "Es stimmt nicht."

Insgesamt habe er aber "ein ganz normales Leben geführt", sagt J., auch dass er nie eine Frau näher kennenlernen wollte. "Eine Verlobte habe ich zu Hause. Ich achte Frauen", verwendet er als Argument, um den Großteil der Anschuldigungen zurückzuweisen.

Als er von den beiden Fällen, die er zugesteht, erzählt, verfällt er in fast unglaubliches Selbstmitleid. "Es war ein schlimmer Augenblick für mich", sagt er beispielsweise. Oder: "Es war ein Albtraum für mich. Ich habe die Kontrolle verloren." Von diesem Kontrollverlust spricht er erstmals.

Keine Erklärung für DNA-Spuren

Bei der Polizei hat er als Motiv angegeben: "Ich wollte nur Spaß haben." Außerdem hatte er in den Raum gestellt, die Frauen hätten die Vorfälle erfunden. Wie seine DNA-Spuren auf Gesäß und Oberschenkel der beiden zugestandenen Opfer kommen, obgleich er sie nur am Rücken betatscht haben will, kann sich der 23-Jährige überhaupt nicht erklären.

Eine Erklärung liefert er dafür, warum er eine der beiden Frauen zwar auf einem Foto nicht erkennt, aber ihren Namen weiß. "Sie hat sich vorgestellt, daher kenne ich ihren Namen." – "Wo hat sie sich vorgestellt?", interessiert Krainz. "In Wien. Auf der Straße." Warum er in der Nacht dort, mehrere Kilometer von seiner Wohnung entfernt, gewesen sei? "Ich bin spazieren gegangen." Nochmals bestreitet er aber jede Vergewaltigungsabsicht: "Ich habe sie nur ganz normal belästigt."

Von der Einvernahme der Opfer wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen, ein Urteil in dem auf vier Tage anberaumten Prozess wird am Freitag in einer Woche erwartet. (Michael Möseneder, 19.7.2016)

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