"Superkeim" als Urlaubssouvenir

20. Juli 2016, 05:30
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Eine Schweizer Studie hat ergeben, dass drei von vier Touristen, die von einem Indien-Urlaub zurückkehrten, mit multiresistenten Keimen infiziert waren

Bern – Schätzungen zufolge sterben jährlich 700.000 Menschen durch Infektionen mit multiresistenten Keimen. Das Problem: Viele einst hilfreiche Antibiotika sind wirkungslos geworden. Einzig mit dem Antibiotikum Colistin konnten solche Infektionen bisher noch behandelt werden. Ein weiteres Problem: Kürzlich wurde in Stämmen der Bakterien Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae auch eine weitverbreitete Resistenz gegen Colistin entdeckt.

Die Colistin-Resistenz entsteht durch das mcr-1-Gen, das durch Plasmide, also DNA-Moleküle in Bakterien, weitergegeben wird. Aus diesem Grund kann es sich ungehindert in verschiedenen Darmbakterien ausbreiten, etwa in der natürlichen Darmflora von Mensch und Tier. Beim Menschen können E. coli Harnweginfektionen, Blutvergiftung und andere Infektionen auslösen, Klebsiella pneumoniae verursacht hauptsächlich Harn- und Atemwegsinfektionen.

Jeder Zehnte mit Colistin-resistenten Bakterien infiziert

Mikrobiologen am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern haben nun erstmals die Bakterienpopulation im Darm von Reisenden untersucht, die von Indien in die Schweiz zurückkehrten. Sie fanden heraus, dass drei Viertel von ihnen (76 Prozent) mit multiresistenten Bakterienstämmen besiedelt waren. "Noch schwerwiegender ist, dass elf Prozent der Reisenden in ihren Stuhlproben Colistin-resistente Stämme hatten, darunter auch solche, die das neue Plasmid-vermittelte mcr-1-Gen enthielten", sagt Studienleiter Andrea Endimiani.

Endimiani und sein Team untersuchten Stuhlproben von 38 Schweizerinnen und Schweizern vor und nach einer Indien-Reise im Jahr 2015. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Indien betrug 18 Tage. Die Studienteilnehmer besuchten in den zwölf Monaten vor ihrer Indien-Reise häufig andere Länder, litten dabei jedoch nie an Durchfall. Nach ihrer Rückkehr aus Indien hatten 39 Prozent mit Reisedurchfall zu kämpfen. Antibiotika wurden nicht eingenommen.

Infektionen durch Nahrungsmittel

Für die Forschenden überraschend war die hohe Rate an multiresistenten Darmbakterien, mit denen sich 76 Prozent der Reisenden infiziert hatten. Elf Prozent davon trugen Stämme in sich, die gegen die letzte Antibiotika-Option, Colistin, resistent waren. Einer dieser Stämme wies auch das mcr-1-Gen auf, das die Colistin-Resistenz in anderen Darmbakterien in Mensch und Tier fördern und ausbreiten kann.

Molekulare Analysen ergaben, dass diese lebensgefährlichen Bakterien durch die Umwelt oder durch die Nahrungskette aufgenommen worden waren. Die Forscher betonen, dass auch für gesunde Träger von "Superkeimen" ein hohes Risiko besteht, wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt an Harnwegsinfektionen oder an einer Blutvergiftung erkranken.

"Die Ansteckung mit Colistin-resistenten Bakterien auf Reisen ist ein Phänomen, das wir sorgfältig beobachten müssen, um die Ausbreitung von solch unbehandelbaren Superkeimen zu verhindern", sagt Endimiani. Die Wissenschafter empfehlen daher, rasch spezifische und engmaschige Monitoringprogramme einzuführen, um unerwartete Krankheitsausbrüche wegen Darmbakterien mit dem mcr-1-Gen zu verhindern. (red, 20.7.2016)

  • Verunreinigtes Trinkwasser, Weichkäse, Rohmilch und rohes Gemüse: Das sind die Hauptübertragungswege von  Kolibakterien über die Nahrungsmittelkette.
    foto: apa/ap/national center for infectious diseases/janice carr

    Verunreinigtes Trinkwasser, Weichkäse, Rohmilch und rohes Gemüse: Das sind die Hauptübertragungswege von Kolibakterien über die Nahrungsmittelkette.

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