Axtangriff: Terrormiliz veröffentlicht Bekennervideo

19. Juli 2016, 16:37
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Vier Menschen wurden in einem Regionalzug nahe Würzburg schwer verletzt, eine Person schwebt noch in Lebensgefahr. Ermittlungen deuten auf eine Selbstradikalisierung des Angreifers hin

Würzburg – Ein Mann hat am Montagabend in einem Zug in Süddeutschland mehrere Menschen angegriffen und verletzt. Vier Personen wurden schwer, eine leicht verletzt, gaben Polizei und Staatsanwaltschaft bekannt. Zwei Opfer schweben nach Polizeiangaben noch in akuter Lebensgefahr.

Der Täter war mit einem Messer und einer Axt bewaffnet. Laut Herrmann handelt es sich um einen 17-jährigen afghanischen Asylwerber, der als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nahe Würzburg bei einer Pflegefamilie untergebracht war.

Der Zug sei im Würzburger Stadtteil Heidingsfeld angehalten worden, der Täter habe zunächst in den Ort fliehen können, sagte Herrmann. Ein Sondereinsatzkommando, das zufällig in der Nähe war, habe die Verfolgung aufgenommen. Als der 17-Jährige mit seinen Waffen auf die Einsatzkräfte losgegangen sei, hätten diese ihn erschossen.

Vier Opfer aus Hongkong

Herrmann bestätigte am Dienstag einen Bericht der Hongkonger "South China Morning Post", dass es sich bei den Opfern aus dem Zug um eine Hongkonger Familie handelt.

Vier der Verletzten seien der Vater (62) und die Mutter (58) einer jungen Frau (27) sowie deren Freund (31). Der Vater und der Freund hätten versucht, die anderen Mitglieder der Gruppe vor dem Angreifer zu schützen. Ein fünfter Mitreisender, der 17-jährige Sohn der Familie, sei unverletzt davongekommen. Eine weitere Person griff der Täter laut dem Innenminister auf seiner Flucht durch den Ort an und verletzte sie ebenfalls schwer.

Bekennervideo veröffentlicht

Am Dienstag verdichteten sich die Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund. Dass der Täter "Allahu Akbar" (Gott ist groß) gerufen habe, habe ein Zeuge bereits beim ersten Notruf aus dem Zug angegeben, sagt Herrmann im ZDF-"Morgenmagazin". am Nachmittag veröffentlichten der Jihadistenmiliz IS nahestehende Agenturen ein Video, das den mit einem Messer bewaffneten Mann vor dem Angriff zeigen soll.

Darin kündigt der Mann an, einen Selbstmordanschlag begehen zu wollen. Zudem erklärt er, die Soldaten von "Ungläubigen" würden in ihren Häusern, Dörfern oder auf Flughäfen zu Zielscheiben. Eine Bestätigung von Sicherheitsbehörden, dass es sich um den Attentäter handelt, lag zunächst nicht vor.

Selbstgebastelte IS-Flagge

Bei der Durchsuchung seines Zimmers sei außerdem eine selbstgebastelte Flagge der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" gefunden worden. Darüber hinaus sind die Ermittler auch auf einen Text gestoßen, der laut Herrmann Hinweise darauf gebe, dass der 17-Jährige sich selbst radikalisiert habe. Der Text drehe sich um das Leben der Muslime, wonach diese sich zur Wehr setzen müssten. Möglicherweise hat der Täter zudem einen Abschiedsbrief hinterlassen. Es gebe ein Schriftstück, das nach erster Durchsicht als "Abschiedstext an den Vater" interpretiert werden könnte, erläuterte Herrmann.

Der IS hat den Angriff bereits für sich beansprucht. Er sei von einem ihrer "Kämpfer" ausgeführt worden, verkündete die Terrororganisation am Dienstag über ihre Agentur Amaq. Der Afghane sei dem Aufruf gefolgt, Länder anzugreifen, die sich an der internationalen Koalition gegen den IS beteiligen.

Nach momentanem Ermittlungsstand gibt es noch keine Bestätigung für eine Vernetzung des Täters mit islamistischen Gruppen. Es handle sich jedenfalls um einen Einzeltäter, der vor etwa zwei Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam. 2015 wurde er laut Herrmann als Asylwerber registriert, seit zwei Wochen wohnte er bei einer Pflegefamilie. Vor dem Angriff habe es "keine besonderen Erkenntnisse über diesen Mann" gegeben.

Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet zudem, dass der Jugendliche nach Angaben des bayerischen Sozialministeriums Aussicht auf eine Lehrstelle hatte und als Praktikant in einer Bäckerei gearbeitet habe. Bei einer Pressekonferenz berichtete Innenminister Herrmann, dass die bisher befragten Zeugen den 17-jährigen als ruhigen, ausgeglichenen Menschen beschrieben hätten. Er sei den Aussagen zufolge ein gläubiger Muslim gewesen, aber weder radikal noch fanatisch. "Für alle, die ihn kannten", so Herrmann, "ist es völlig unbegreiflich, was da passiert ist."

Man wolle aber "alles sorgfältig ermitteln, damit wir dann mit belastbaren Ergebnissen an die Öffentlichkeit treten können", so Herrmann. Man wisse nicht, welche Pläne der Täter auf seiner Flucht noch verfolgt habe. Es sei nicht ausgeschlossen, dass er weitere Menschen attackiert hätte. Deshalb sei es "gut und richtig", dass die Polizei mit ihrem Vorgehen "weitere schreckliche Taten" ausgeschlossen habe.

foto: apa

Polizei und Rettungskräfte waren mit einem Großaufgebot im Einsatz, ein Hubschrauber kreiste über dem Gebiet. Die Tat ereignete sich zwischen Würzburg-Heidingsfeld und Ochsenfurt, der Zug war von Treuchtlingen nach Würzburg unterwegs. (red, APA, 19.7.2016)

  • Polizisten vor dem Regionalzug nahe Würzburg, in dem ein 17-Jähriger mit einer Axt auf Passagiere losging.
    foto: apa/dpa/ karl-josef hildenbrand

    Polizisten vor dem Regionalzug nahe Würzburg, in dem ein 17-Jähriger mit einer Axt auf Passagiere losging.

  • Zahlreiche Einsatzkräfte waren vor Ort.
    foto: karl-josef hildenbrand/dpa via ap

    Zahlreiche Einsatzkräfte waren vor Ort.

  • Polizisten durchsuchen das Gelände auf einem Weg nahe Würzburg nach Spuren.
    foto: apa/dpa/ karl-josef hildenbrand

    Polizisten durchsuchen das Gelände auf einem Weg nahe Würzburg nach Spuren.

  • Ein 17-jähriger Jugendlicher hat Fahrgäste in einem Regionalzug zwischen Würzburg-Heidingsfeld und Ochsenfurt angegriffen.
    foto: apa/dpa/ karl-josef hildenbrand

    Ein 17-jähriger Jugendlicher hat Fahrgäste in einem Regionalzug zwischen Würzburg-Heidingsfeld und Ochsenfurt angegriffen.

  • Polizisten durchsuchen neben einem Weg bei Würzburg das Gelände nach Spuren.
    foto: apa/dpa/karl-josef hildenbrand

    Polizisten durchsuchen neben einem Weg bei Würzburg das Gelände nach Spuren.

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