Polarisierung überträgt sich auf Community in Österreich

18. Juli 2016, 17:21
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Zusammenstöße zwischen Erdogan-Fans und Kurden

Jean Kepez, Vorstandmitglied und Sprecher von Feykom, dem Verband der kurdischen Vereine in Österreich, berichtet von einer angespannten Situation zwischen Kurden und Türken in Österreich. Immer wieder würden kurdische Vereine oder Lokale angegriffen, beschmiert und bedroht. Zuletzt ist bei der spontanen Demonstration von Erdogan-Anhängern am vergangenen Wochenende in Wien ein kurdisches Lokal auf der Mariahilfer Straße beschädigt worden. Die Restaurantkette Türkis, die in Wien etliche Lokale betreibt, hat zwar kurdische Eigentümer, steht aber keiner politischen Organisation nahe. Umso überraschender war der Angriff der Erdogan-Fans auf die Filiale in der Einkaufsstraße.

Kepez wundert sich über die Auswirkungen in Österreich: Obwohl Erdogan diesmal nicht die Kurden als Drahtzieher verdächtigt, sondern die Schuldigen in der Gülen-Bewegung sieht, richtet sich der Zorn der Erdogan-Anhänger in Wien nicht gegen das Gülen-Netzwerk, das auch in Österreich stark verbreitet ist, sondern gegen kurdische Einrichtungen.

"Wollen keine Auseinandersetzungen"

Kurdische Vereine werden zeitweise unter Polizeischutz gestellt, wenn sich Angriffe häufen. Kepez sagt, dass man seitens der kurdischen Vereine sehr bemüht sei, sich nicht provozieren zu lassen – was aber insbesondere bei jüngeren Menschen nicht immer gelinge und handgreifliche Auseinandersetzungen nicht komplett verhindern könne.

Der Putschversuch in der Türkei habe zu einer neuen Polarisierung im Ausland geführt, das merke man nun auch in Wien. "Wir wollen aber ganz sicher keine Auseinandersetzungen mit den Erdogan-Anhängern auf der Straße", versichert Kepez. "Wir schützen uns, halten uns aber zurück. Im Ernstfall rufen wir die Polizei."

Von den Verhaftungen in der Türkei seien kurdische Vertreter derzeit nicht betroffen, sagt Kepez, da sich die aktuelle Säuberungswelle in erster Linie gegen die Justiz und das Militär richte; dort seien Kurden de facto nicht vertreten.

Laut Statistik Austria leben etwa 120.000 türkische Staatsbürger in Österreich. Schätzungen gehen von rund 300.000 hier ansässigen Menschen mit türkischen Wurzeln aus. Der Großteil der Türken lebt in Wien. Von den etwa 400 Moscheen oder muslimischen Vereinen in Österreich dürften mehr als die Hälfte einen türkischen Hintergrund haben.

Bei den vergangenen Wahlen im November 2015 errang die islamisch-konservative AKP bei den in Österreich lebenden Türken die absolute Mehrheit: 70 Prozent der Wähler in Österreich stimmten für die Partei von Recep Erdogan.

Tief gespaltene Lager

Innerhalb der türkischen Community gibt es aber zahlreiche Gruppierungen, die Lager sind zum Teil tief gespalten. Das Spektrum reicht von laizistischen, säkularen Organisationen bis hin zu islamisch-konservativen, stark nationalistisch ausgerichteten Gruppierungen.

Feykom, der Verband der Kurdischen Vereine, vermutet insgesamt 60.000 bis 100.000 Personen mit kurdischem Hintergrund in Österreich. Andere Quellen gehen von bis zu 120.000 Kurden aus. Herkunftsländer sind in erster Linie die Türkei, gefolgt vom Irak, dem Iran und Syrien.

Feykom steht der HDP (Halklarin Demokratik Partisi, Demokratische Partei der Völker) nahe, die sich in der Türkei insbesondere für die kurdische Minderheit einsetzt. Bei den wiederholten Parlamentswahlen im November 2015 kam die linksgerichtete HDP auf 10,8 Prozent – bei der Wahl im Juni waren es noch 13,1 Prozent. Als politischen Führer sieht die Mehrheit der türkischen Kurden in Österreich aber wohl Abdullah Öcalan, den in der Türkei inhaftierten Gründer der verbotenen PKK. (Michael Völker, 18.7.2016)

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