Südsudan: "Ein neuer Staat ist keine Arbeit von fünf Jahren"

Interview29. Juli 2016, 06:00
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Berater John Ashworth über die jüngsten Gefechte, den Ursprung des Machtkampfs und die Naivität des Westens

In den vergangenen Wochen ist der Konflikt im Südsudan wiederaufgeflammt. Bei Gefechten in der Hauptstadt Juba wurden 270 Menschen getötet. Zehntausende ergriffen deshalb die Flucht, wodurch die ohnehin schon prekäre humanitäre Lage weiter verschärft wurde, wie zehn im Land tätige Hilfsorganisationen am Mittwoch in einem dringenden Appell sagten. Kurz zuvor setzte Präsident Salva Kiir seinen Rivalen Riek Machar als Vizepräsident ab und ernannte den bisherigen Bergbauminister Taban Deng Gai als Nachfolger.

Nun wirft Amnesty International den südsudanesischen Regierungstruppen in einem neuen Bericht "Kriegsverbrechen" vor. Menschen würden willkürlich ermordet, Frauen entführt und vergewaltigt, heißt es. Wieso es zu den neuen Kämpfen kam, wie es in dem Dauerkrisenland weitergehen könnte und welche Rolle äußerer Einfluss spielt, erklärt Experte John Ashworth.

STANDARD: Bis vor kurzem waren Sie noch in Juba. Wie war dort die Situation?

Ashworth: Der Waffenstillstand schien zu halten. Die Menschen fingen langsam wieder an, auf die Straßen zu gehen, Geschäfte öffneten, aber die Stimmung war trotzdem sehr angespannt.

STANDARD: Waren Sie von den Gefechten überrascht?

Ashworth: Im Vorfeld gab es bereits einige kleinere Zwischenfälle, deshalb waren wir nicht komplett überrascht von den Gefechten, aber doch von der Intensität, mit der sie ausgetragen wurden.

foto: reuters
Spuren der jüngsten Gefechte in Juba.

STANDARD: Wie kam es dazu?

Ashworth: Oberflächlich betrachtet ging es um kleinere Konflikte zwischen den rivalisierenden Streitkräften, die zu einem größeren Konflikt geführt haben. Im Grunde ging es aber darum, dass das Friedensabkommen nicht umgesetzt wird, man nicht als Übergangsregierung zusammenarbeitet und einander nicht vertraut. Der Waffenstillstand wird jetzt hoffentlich eine Zeitlang halten und eine Gelegenheit bieten, all die Probleme anzugehen.

STANDARD: Die wären?

Ashworth: Das dringendste Problem derzeit ist die humanitäre Krise. Es gab bereits vor den Gefechten eine, weil die Wirtschaftskrise zu einer Nahrungsmittelknappheit geführt hat. Durch die neuen Kämpfe mussten nun weitere Menschen flüchten, die es jetzt auch zu versorgen gilt. Die Kämpfe kamen aus humanitärer Sicht zu einem äußerst schlechten Zeitpunkt.

Was die Politik betrifft: Das Friedensabkommen wurde vom ostafrikanischen Staatenbund Igad vermittelt, und die beiden Konfliktparteien haben nur widerwillig unterschrieben, weil Igad und andere internationale Player enormen Druck ausgeübt haben. Das ist grundsätzlich gut, weil das zu einem Waffenstillstand geführt hat. Aber jedem war klar, dass beide Seiten große Vorbehalte gegen dieses Abkommen hatten. Und die haben nun, wie man gesehen hat, zu Problemen geführt. Igad muss jetzt Druck auf beide Seiten ausüben, damit sie das Abkommen umsetzen.

STANDARD: Unter den Igad-Staaten selbst gibt es aber unterschiedliche Interessen. Der Sudan hat Riek Machar unterstützt, Kenia und Uganda sollen hinter Präsident Salva Kiir stehen.

Ashworth: Es gibt Hinweise darauf, dass alle Igad-Staaten an einer ausgewogeneren Politik interessiert sind. Die Nachbarstaaten dürften allmählich erkannt haben, welche negativen Auswirkungen ein andauernder Konflikt im Südsudan für sie hat. In ökonomischer, aber auch in sicherheitspolitischer Hinsicht. Grundsätzlich besteht bei bewaffneten Konflikten immer die Gefahr, dass sie sich über Grenzen hinweg ausweiten. Aber es gibt auch das Beispiel Kenia, wo es zuletzt immer wieder zu Terroranschlägen kam. Das Letzte, was Nairobi will, ist, dass man in einem Nachbarland relativ einfach zu schweren Waffen kommt.

Abgesehen davon führen unterschiedliche Interessen auch zu einer ausgewogeneren Strategie. Würden alle Länder nur eine Seite unterstützen, gäbe es keine Chance auf Frieden. So kann man auf beide Seiten einwirken, um Fortschritte zu erzielen.

foto: reuters
Reste eines zerstörten Panzers nahe Juba.

STANDARD: Welche Rolle haben andere internationale Player wie die Uno und die USA gespielt?

Ashworth: Es war von den westlichen Staaten naiv zu glauben, dass ihr Demokratiemodell das einzig funktionierende Staatsmodell ist. Überall auf der Welt muss Demokratie auf die jeweilige Kultur und die Besonderheiten des Landes zugeschnitten sein. Ein anderer Fehler war, so zu tun, als sei der Südsudan von ihnen geschaffen worden. Jeder hier ist dankbar für die Hilfe aus dem Ausland, aber der Südsudan ist ein unabhängiges Land, das seine eigenen Entscheidungen trifft. Es gab mehrere Versuche von außen, eine eigene Agenda durchzusetzen – sicherlich gut gemeint, aber dabei wurde die Lage im Land selbst ignoriert, etwa die komplexen Machtstrukturen. Man ging zum Beispiel naiverweise davon aus, dass Kiir oder Machar etwas anordnet, und jeder im Land hält sich daran.

STANDARD: Das Friedensabkommen sieht eine Machtteilung zwischen Kiir und Machar vor. Aber kann das ernsthaft gutgehen? Und wenn nein, welche Alternativen gibt es?

Ashworth: Wie man sieht, funktioniert es eindeutig nicht, und es hat auch nie wirklich funktioniert. Auf der anderen Seite ist es auch schwierig zu sagen, wer sie ersetzen könnte. Man darf nicht vergessen, dass keiner der beiden wirklich unabhängig entscheiden kann. Hinter ihnen stehen jeweils zahlreiche Gruppen mit ihren eigenen Interessen. Auf Kiirs Seite ist es ja beispielsweise nicht so, dass das Militär eine Einheit ist, sondern eine Ansammlung von Milizen, die ihrem jeweiligen Kommandanten folgen. Auch bei den Streitkräften Machars gibt es viele Gruppen, unter anderen die sogenannte Weiße Armee, eine einflussreiche Miliz der Nuer. Viele von ihnen waren gegen das Friedensabkommen. Und auch auf politischer Ebene gibt es auf beiden Seiten viele relevante Player. Ein Wechsel an einer der beiden Spitzen würde wohl zu einer weiteren Destabilisierung führen.

STANDARD: Welche Rolle spielen Warlords in diesem Konflikt?

Ashworth: Eine sehr große. Die Streitkräfte beider Seiten bestehen im Prinzip aus Truppen von Warlords. Sie wollen aber nicht Warlords genannt werden, auch nicht Milizen, sondern organisierte bewaffnete Gruppen (OAG). Sie alle haben mittlerweile militärische Ränge und Uniformen. Diese Warlords können nun machen, was sie wollen, und sagen: Ich kämpfe für die Regierung beziehungsweise die Rebellen. Das passiert vor allem in den ländlichen Gebieten und sorgt für weiteres Chaos.

foto: afp/isaac kasamani
Tausende Menschen, die vor den Gefechten geflüchtet und nun an der Grenze zu Uganda gestrandet sind.

STANDARD: Immer wieder wird der Konflikt zwischen Kiir und Machar als ethnischer Konflikt dargestellt. Es soll aber auch persönliche Motive zwischen den beiden geben.

Ashworth: Das stimmt. 1991 wollte Machar, ein Nuer, den damaligen Führer der Sudanesischen Volksbefreiungsarmee (SPLA), John Garang, stürzen. Das misslang, die SPLA teilte sich danach auf. Ein kleiner Teil folgte Machar, der Großteil blieb beim Dinka Garang, unter anderen Kiir. Machar unterstützte danach die Regierung in Khartum und führte einen Krieg gegen die SPLA. Und obwohl es bis 1991 kein ethnischer Konflikt war, wurde es dann einer zwischen den Nuer und den Dinka, mit Massakern auf beiden Seiten. Zwar hat man sich dann politisch versöhnt, doch dieses blutige Erbe wurde nie aufgearbeitet. 2013, als der Kampf zwischen Kiir und Machar entbrannte, verlief dieser Kampf, ein Machtkampf und Rachekampf zugleich, entlang ethnischer Linien. Aber er ist viel zu komplex, um ihn als ethnischen Konflikt zu bezeichnen.

STANDARD: Mit all diesen Problemen: Kann man sagen, dass die Unabhängigkeit für den Südsudan zu früh gekommen ist?

Ashworth: Die Menschen haben für die Unabhängigkeit gestimmt, also ist sie nicht zu früh gekommen. Einen neuen Staat zu schaffen ist aber keine Arbeit von fünf Jahren. 2011 haben viele Leute den Fehler begangen und gedacht, dass alle Probleme von Khartum ausgehen. Niemand hat das Offensichtliche gesehen, dass es interne Schwierigkeiten gibt, und daher hat sich auch niemand die Mühe gemacht, diese Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen. Ich hoffe, dass man diese Probleme nun einsieht und daran arbeitet, sie zu lösen. Das ist aber kein Grund, den Südsudan dafür zu kritisieren, denn jedes neu geschaffene Land hätte solche Schwierigkeiten.

STANDARD: Sie sagten einmal, Sie hätten die Menschen dort schon so lange leiden, aber auch aus zahlreichen Tiefen herauskommen gesehen. Sie seien mit einer enormen Widerstandskraft ausgestattet.

Ashworth: Ja, es ist unglaublich, wie sie jeden Tag hoffnungsfroh angehen. Welche Alternative haben sie auch: Sollen sie glauben, dass alles schlimm enden wird? Es ist eine Tragödie, dass die Menschen dort schon so lange leiden müssen. Aber ich glaube daran, dass sie da irgendwann wieder herauskommen. (Kim Son Hoang, 28.7.2016)

foto: matt cashore
Der 61-jährige Brite John Ashworth lebt seit 33 Jahren im Sudan beziehungsweise dem Südsudan. Der ehemalige Priester ist dort als Berater der einflussreichen Kirchenorganisationen in den Bereichen humanitäre Hilfe, Entwicklungshilfe, Justiz, Bildung und Friedensschaffung tätig.
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