Dieter Dorn: "Eigentlich ein Stück für die Meisterklasse"

Interview18. Juli 2016, 16:36
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Ewig prägte Dieter Dorn die Münchner Schauspielhäuser. Sein Credo: Der dramatische Text hat immer recht! Am 30. Juli inszeniert er Becketts "Endspiel" bei den Salzburger Festspielen

STANDARD: Peter Brook sprach einmal vom "secret play": dem Stück "hinter" dem Stück, das es freizulegen gälte. Becketts "Endspiel" gilt als eine Art Endpunkt der abendländischen Dramatik. Sind Sie dem "secret play" dahinter schon auf der Spur?

Dorn: Ich bin dem Stück öfter begegnet, wenn auch nicht als Regisseur. Man glaubt, den Text zu kennen. Und dann kommt man an einen Punkt, wo man denkt, dass da etwas ganz anders ist als das, was man mit sich herumgetragen hat. Es verblüfft, mit welcher Präzision Beckett ein Netz strickt; in dem jede Pause, jeder Gang ein absoluter Teil der Partitur ist. Wie der Notentext zu einem Stück Zwölftonmusik. Du darfst nicht einen Ton überspringen. Du hörst vielleicht als Laie nicht, wenn ein Ton womöglich zweimal vorkommt. Darunter sind viele Bedeutungen verborgen.

STANDARD: Hamm und Clov stecken als Herr und Knecht fest.

Dorn: Es handelt sich nicht bloß um "zwei Leute". Man kommt der ganzen Situation nicht realistisch nahe. Von dem Netz darf nicht eine Masche fallen. Beckett hatte "Endspiel" französisch konzipiert; dann hat er es aus dem Deutschen ins Englische übertragen. Das Problem fängt ja schon mit dem Wort Endspiel an. "Fin de partie" bedeutet etwas ganz anderes, Endspiel ist ja eher simpel. Ein Endspiel kann es alle zwei Wochen geben. Allein hinter dem Titel verbirgt sich ein "secret play" über die menschliche Existenz. Anhand der vier Personen ergibt sich eine vieldeutige Sicht auf das, was wir sind – oder was wir vielleicht "nur" sind. Es gibt einen wunderschönen Satz von Gottfried Benn: "Nihilismus ist ein Glücksgefühl."

STANDARD: Im Stück heißt das: "Nichts ist komischer als das Unglück, zugegeben."

Dorn: Beckett sagt: "Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen." Es bleibt dem Regisseur nur übrig, mit dem Text zu arbeiten, zu versuchen, das, was dahintersteht, nicht zu interpretieren, zu hoffen, dass es sichtbar wird. Jeder besitzt seine Lebenserfahrung, die er mit der theatralischen Vorstellung abgleicht.

STANDARD: Und die Komik?

Dorn: Die muss aus der Situation kommen. Man muss sich hüten vor der Ansicht, das seien Clowns. Es ist natürlich auch ein Spiel mit Ansage. Die dann doch nicht stattfindet. Das hat mit Ambivalenz zu tun. Das Spiel muss konkret sein, doch nie im realistischen oder naturalistischen Sinn, eigentlich ein Stück für die Meisterklasse.

STANDARD: Sie haben mit Nicholas Ofczarek und Michael Maertens zwei Wiener Paradekomödianten zur Verfügung. In Ihrem Münchner Theaterleben haben Sie die Notwendigkeit von kontinuierlichen Arbeitsbeziehungen betont. Betreten Sie jetzt Neuland?

Dorn: Als ich 2011 das Residenztheater verließ, habe ich mich auf Wagners "Ring" geworfen. Ich war als Schauspielregisseur heimatlos geworden. Viele meiner Ensemblespieler leben heute nicht mehr, ich konnte mir aber nicht vorstellen, irgendwo anders etwas zu machen. Nach dem "Ring" kam es dann eher zufällig zu der Anfrage aus Salzburg und Wien. Die hat mich sofort interessiert.

STANDARD: Warum?

Dorn: Ich kenne Michael Maertens, seit er ein junger Schauspieler war, und dann kenne ich Barbara Petritsch – sie spielt die Nell -, seit sie in München anfing. Sie hat in meiner zweiten Münchner Produktion gespielt. In Wien war ich vor 35, 40 Jahren auch schon tätig. So dachte ich, ich betrete ganz, ganz fernes Heimatland.

STANDARD: Die Kenntnis der handelnden Personen ist für Sie ausschlaggebend?

Dorn: Die ist absolut notwendig.

STANDARD: Aus Dieter Dorn wird kein vazierender Regisseur mehr?

Dorn: Das kann ich auch gar nicht. Selbst wenn ich früher nach Salzburg eingeladen wurde, habe ich mit meinem Ensemble gearbeitet.

STANDARD: Sie beklagen öfter den Kult der Zeitgenossenschaft auf dem Theater. Dieses würde immer häufiger seine vitalen Aufgaben vergessen. Handelt denn nicht gerade das "Endspiel" auch von absoluter Zukunftslosigkeit?

Dorn: Ja, aber dazu möchte ich eine Beobachtung erzählen. Als ich am Schillertheater war, inszenierte dort Beckett "Warten auf Godot". Es gab einen großen Buchladen in Charlottenburg, der ihm zu Ehren eine Auslage mit seinen Büchern und seinem Porträt hergerichtet hatte. Ich sah nun, wie dieser große, schlanke Mann sich vor das Schaufenster stellte. Er versicherte sich, dass ihn niemand beobachte. Er stand wie ein kleines Kind stumm da, in den Anblick des Schaufensters vertieft. Es war, als ob er ein Wunder realisierte. Trat ein Passant neben ihn, verließ er sofort den Platz. Ich ging ihm anderntags nach, und ich versichere Ihnen: Es passierte wieder! So viel über Zukunftslosigkeit.

STANDARD: Man könnte doch auch aus einem der Beckett-Romane ein Stück machen. Oder lehnen Sie die Romanmode auf dem Theater ab?

Dorn: Um mit Beckett zu reden: Ein Roman ist ein Roman, und ein Stück ist ein Stück. Man muss das vielleicht nicht einmal dem Autor bewusste "Stück hinter dem Stück" entdecken. Damit man die Gegenwart herausliest, ohne sie aber hineinzuinszenieren. Es ist der Zuschauer, der das "secret play" für sich entdeckt.

STANDARD: Es gibt "Stückemärkte" ohne Zahl. Große Stücke entstehen aber nur im Ausnahmefall. Ist einfach unsere Zeit undramatisch?

Dorn: Der Punkt, um den es geht, um den wir ringen, ist, dass sich das Theater seine eigentliche Kraft immer mehr vergibt. Es lässt die wesentlichen Voraussetzungen außer Acht: den Raum, in dem Menschen miteinander spielen vor Menschen. Alle Versuche, mit den Medien mitzuhalten, beschädigen das Theater. Es geht um die Sprache und um szenische Vorgänge, die Veränderungen durchspielen, das Prinzip Hoffnung. Dann gibt es auch Texte dafür. Wenn sich das Theater wieder als gesellschaftliche Kraft begreift und nicht als Unterhaltungseinrichtung – ist das nicht gegen Brecht gemeint ...

STANDARD: Brecht meinte: Erkenntnis als Vergnügen?

Dorn: Als Vergnügen. Wenn das Theater nicht allerorten verkommt und nicht bloß zur Befriedigung persönlicher Eitelkeit genutzt wird, wenn es also als Instrument der Diskussionen über Veränderungen begriffen wird, dann werden sich daraus auch wieder Stücke ergeben. (Ronald Pohl, 18.7.2016)

Dieter Dorn, Jahrgang 1935, ist Leipziger. Seiner Regiearbeit an den Münchner Kammerspielen und am Residenztheater verdanken zahllose SchauspielerInnen ihr darstellerisches Profil: von Cornelia Froboess über Rolf Boysen bis hin zu Sunnyi Melles und Tobias Moretti.

  • Dieter Dorn: "Beckett sagt: 'Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen.'"
    foto: heribert corn

    Dieter Dorn: "Beckett sagt: 'Bis zum Äußersten gehen, dann wird Lachen entstehen.'"

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