"Sexuelle und reproduktive Gesundheit ist ein Grundbedürfnis"

Interview19. Juli 2016, 05:30
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Die Nationalratsabgeordnete Petra Bayr über die medizinische Versorgung von Frauen in griechischen Flüchtlingslagern

STANDARD: Sie haben sich vor Ort ein Bild von der gesundheitlichen Situation von Müttern und Kindern in griechischen Flüchtlingslagern gemacht. Warum ist das Thema Mütter- und Kindergesundheit wichtig?

Bayr: Wir wissen, dass Frauen im gebärfähigen Alter, die auf der Flucht nach Europa kommen, doppelt so häufig schwanger werden wie unter normalen Umständen. Auf der Flucht haben sie oft keinen Zugang zu Verhütungsmitteln und sind Vergewaltigungen ausgesetzt. Und natürlich hören Frauen auf der Flucht nicht auf zu gebären. In Griechenland habe ich erfahren, dass es sehr oft vorkommt, dass hochschwangere Frauen von einem Boot heruntergeholt werden und in der nächsten Minute das Kind kommt. In Ländern wie Österreich, wo das Gesundheitssystem gut ausgebaut ist, braucht es für Geflüchtete keine zusätzlichen Einrichtungen, sie können im normalen medizinischen Betrieb mitbetreut werden. Das ist aber in Griechenland nicht mehr der Fall. Dort ist das Gesundheitssystem vollkommen zusammengebrochen: Es gibt keine Finanzierung, daher sind viele ÄrztInnen ausgewandert, und es mangelt beispielsweise auch an Medikamenten und Verbandsmaterial.

STANDARD: Einer der Gründe für die erhöhte Schwangerschaftsrate auf der Flucht ist also die sexuelle Gewalt, der Frauen und Mädchen ausgesetzt sind. Gibt es in den Lagern in Griechenland Schutzmaßnahmen?

Bayr: Ich war im informellen Flüchtlingslager Elliniko auf dem ehemaligen Flughafen von Athen. Dort leben 3.500 Menschen, die meisten in kleinen Zelten. Eine getrennte Unterkunft, die eine gewisse Schutzfunktion bietet, gibt es hier in Griechenland nur für einen Bruchteil der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Für Frauen gibt es das nicht. Elliniko soll Ende Juli geräumt werden, weil auf dem Areal ein Shoppingcenter geplant ist. Wo die BewohnerInnen des Lagers hinkommen, ist noch nicht klar. Seit der Wirtschaftskrise ist die häusliche Gewalt in Griechenland generell enorm gestiegen. Und auch in den Flüchtlingslagern, wo die Menschen auf engstem Raum leben, finden sexuelle Übergriffe auf Frauen sehr häufig statt, gerade auch innerhalb der Familie. Viele Frauen reden aber nicht darüber und bringen das auch nicht zur Anzeige, weil die Gewalt für sie alltäglich ist.

STANDARD: Gibt es einen gesicherten Zugang zu Verhütungsmitteln in den Lagern in Griechenland?

Bayr: Nein. Wer beispielsweise nach einer Vergewaltigung die "Pille danach" will, braucht in Griechenland die Untersuchung von drei ÄrztInnen und ein Rezept einer Gynäkologin oder eines Gynäkologen. Eine Frau, die in einem Flüchtlingslager oder in einem Hot Spot auf einer griechischen Insel untergebracht ist, braucht Tage, um diese Anforderungen zu erfüllen, und dann wirkt die "Pille danach" nicht mehr.

STANDARD: Gibt es überhaupt noch medizinische Versorgung für Geflüchtete in Griechenland?

Bayr: Wir haben uns eine Klinik angesehen, die von der Organisation Doctors of the World betrieben wird. Insgesamt arbeiten dort für diese Organisation ein paar hundert ÄrztInnen auf freiwilliger Basis. Doctors of the World behandelt in Griechenland nicht nur Flüchtlinge, denn, wie gesagt, die Gesundheitsversorgung ist auch für GriechInnen nicht mehr gewährleistet. Viele Menschen in Griechenland sind arbeitslos und deshalb gar nicht mehr krankenversichert. Von den PatientInnen sind etwa 60 Prozent aus Griechenland und 40 Prozent geflüchtete Menschen. Doctors of the World wird von der Pharmafirma MSD finanziert. Diese betreibt auch die Stiftung MSD for Mothers, die sich der Senkung der Müttersterblichkeit sowie der Müttergesundheit weltweit widmet. MSD for Mothers war bisher in Entwicklungsländern tätig, arbeitet seit kurzem aber vor allem in Griechenland.

STANDARD: Es gibt also spezielle Programme für Müttergesundheit?

Bayr: Nicht wirklich. Doctors of the World unterstützt Gebärende in den Flüchtlingslagern. Mindestens genauso wichtig wäre die Betreuung durch SozialarbeiterInnen nach der Geburt. Oft ist es so: Es reist eine Person ein, und plötzlich sind es zwei. Das Baby ist dann nicht registriert, und es ist sehr schwierig, Papiere für das Kind zu bekommen.

STANDARD: Was könnte den Frauen helfen?

Bayr: Es braucht ein Bewusstsein dafür, dass sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte genauso wichtig sind wie Essen, Trinken und Wohnen. Es handelt sich dabei um Grundbedürfnisse und nicht um Luxus. Ich habe mit zwei griechischen Vizeparlamentspräsidenten gesprochen, die beide Ärzte sind, und es war schockierend für mich, wie uninformiert und desinteressiert sie waren. Die Flüchtlinge, die in Griechenland und Italien sind, müssen aber auch gleichmäßig über alle EU-Länder verteilt werden. Es ist wirklich eine Schande, dass das nicht funktioniert. Hier ist es notwendig, noch mehr Druck zu entwickeln und zu überzeugen, dass wir das gemeinsam lösen können und müssen. In der ganzen EU drei Millionen Menschen aufzunehmen darf kein Problem sein und ist für Europa machbar.

STANDARD: Hat die Beschränkung des Familiennachzugs nach Österreich, für die Sie im April als SPÖ-Nationalratsabgeordnete im Rahmen der Asylrechtsverschärfung gestimmt haben, negative Auswirkungen?

Bayr: Es hat insofern für die Familien negative Auswirkungen, als dass die frühere relativ einfache Familienzusammenführung behindert ist. Mir ist wichtig, dass das nicht dazu führt, dass Frauen als vermeintlich einzigen Weg zur Familienzusammenführung gefährliche und illegale Routen in die EU suchen müssen, sondern eine legale, sichere und realistische Möglichkeit dazu geschaffen wird. Für den Fall, dass Frauen in den Ursprungsländern oder in Flüchtlingslagern beziehungsweise auf dem Weg nach Europa gefährdet oder unmenschlichen Lebensbedingungen ausgesetzt sind, braucht man ein neues, auf diese Situation abgestimmtes Familienzusammenführungssystem, um sie und ihre Kinder zu schützen.

STANDARD: Was könnte Österreich Ihrer Meinung nach tun?

Bayr: In den Flüchtlingslagern, die Österreich etwa über das UNHCR und das Rote Kreuz unterstützt, muss man einen inhaltlichen Schwerpunkt auf sexuelle und reproduktive Rechte und Gesundheit von Frauen legen und dementsprechende medizinische Beratung und Behandlung gewährleisten. Auch Zahlungen an den UNFPA (United Nations Population Fund) wären sinnvoll. Der UNFPA hat seinen Fokus auf Müttergesundheit und arbeitet viel in Flüchtlingslagern. Da gibt es beispielsweise den sogenannten Dignity-Kit: ein Paket für Frauen mit einfachen, aber notwendigen Dingen wie Binden, Tampons, Seifen und Unterwäsche. Da könnte Österreich einiges beitragen. (Katharina Gruber, 19.7.2016)

Petra Bayr (48) ist Vorstandsmitglied des Europäischen Parlamentarischen Forums für Bevölkerung und Entwicklung (EPF), dessen Vizepräsidentin sie von 2012 bis 2015 war. Sie nahm von 11. bis 13. Juli an einer Studienreise des EPF zum Thema "Mütter- und Kindergesundheit in den Flüchtlingslagern Griechenlands" teil. Bayr ist entwicklungspolitische Sprecherin der SPÖ und Abgeordnete zum Nationalrat, wo sie dem Entwicklungspolitischen Unterausschuss vorsitzt.

  • Das Lager Elliniko soll Ende Juli geräumt werden. Noch ist unklar, wo die 3.500 BewohnerInnen in Zukunft untergebracht werden.
    foto: petra bayr

    Das Lager Elliniko soll Ende Juli geräumt werden. Noch ist unklar, wo die 3.500 BewohnerInnen in Zukunft untergebracht werden.

  • Petra Bayr kritisiert die mangelnde Gewährleistung von Mütter- und Kindergesundheit in Flüchtlingslagern in Griechenland.
    foto: petra spiola

    Petra Bayr kritisiert die mangelnde Gewährleistung von Mütter- und Kindergesundheit in Flüchtlingslagern in Griechenland.

  • Schutzräume und spezielle Programme, um die reproduktive Gesundheit von Frauen zu gewährleisten, fehlen im Flüchtlingslager Elliniko.
    foto: petra bayr

    Schutzräume und spezielle Programme, um die reproduktive Gesundheit von Frauen zu gewährleisten, fehlen im Flüchtlingslager Elliniko.

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