Rosenkrieg und Schwiegertochter auf der Motorhaube

8. August 2016, 06:00
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Zwei Frauen sind wegen eines Scheidungsstreits vor Gericht. Eine 66-Jährige soll ihre Schwiegertochter angefahren haben. Aus Angst, sagt sie

Wien – Wenn Scheidungsstreitigkeiten ins Strafrecht überschwappen, ist das bei Richterinnen und Richtern ziemlich unbeliebt. Schließlich haben beide Seiten ein starkes Motiv zu lügen – und herauszuarbeiten, wessen Version wahrscheinlicher ist, ist nicht so leicht.

Elisabeth Reich steht im Verfahren gegen Alina S. und Annette P. vor diesem Problem. Die Erstangeklagte ist 41 Jahre alt und mittlerweile die Ex-Schwiegertochter der 66 Jahre alten Zweitangeklagten. Zweimal sollen die beiden Damen in Wien-Donaustadt im August und September 2015 aneinandergekracht sein. S. sitzt wegen Körperverletzung hier, P. wird Nötigung vorgeworfen. Die beiden Unbescholtenen leugnen.

Zerrüttete Ehe und Betretungsverbot

Die Ehe zwischen Alina und Thomas S. war zum Zeitpunkt der Vorfälle gelinde gesagt bereits zerrüttet. Es gab ein Betretungsverbot für die Frau, auch ihre drei kleinen Kinder durfte sie kaum sehen.

Der gravierendere Vorfall ist jener vom 31. August. S. erzählt ihn so: "Ich bin mit meiner Mutter und ihrem Lebensgefährten zum Haus gefahren, da ich persönliche Dinge abholen musste." Vereinbart war, dass die Schwiegermutter währenddessen mit den Kindern auf einen Spielplatz fährt und erst nach dem Abgang von S. wiederkommt.

Das ging sich knapp nicht aus. "Sie (die Zweitangeklagte, Anm.) kam schnell um die Kurve in die Straße gefahren. Ich bin am Straßenrand gestanden und habe gewunken, da ich ja meine Kinder im Auto sah", beginnt S. zu schluchzen.

"Wie im schlechten Krimi"

Sie sei auch neben dem Auto hergelaufen – und irgendwann plötzlich auf der Motorhaube gelegen. "Sie hat Kurs auf mich genommen, ich habe mich irgendwo festgekrallt." – "Wie im Film?", fragt Reich. "Ja. Die Annette liest gerne Krimis, ich bin mir vorgekommen wie in einem schlechten."

An die 200 Meter sei die Zweitangeklagte weitergefahren, habe immer wieder versucht, sie durch Bremsmanöver und Beschleunigung abzuschütteln. "Ich war total unter Schock." Erst vor dem Haus, das S. nicht betreten durfte, habe die Zweitangeklagte gestoppt.

"Ich bin zu meinen Kindern auf der Rückbank gelaufen, da hat sie gleich zugeschlagen", behauptet die Erstangeklagte. Sie habe sich nur gewehrt. Dass die Perlenkette der Pensionistin dabei zerrissen ist, könne schon sein.

Bisswunde am Daumen

"Jetzt frage ich mich: Woher kommt die Bisswunde am Daumen von Frau P., die der Amtsarzt dokumentiert hat?", fragt die Richterin. S. bestreitet, zugeschnappt zu haben, vielleicht sei es im Zuge des Gerangels passiert. Erst der Lebensgefährte ihrer Mutter habe die Auseinandersetzung beruhigen können.

Könnte so gewesen sein, muss es natürlich nicht. Die Zweitangeklagte erzählt nämlich etwas völlig anderes. "Ich bin langsam um die Ecke in die Straße gebogen, sie stand dort und winkte." Dann sei S. neben dem langsam fahrenden Auto gelaufen – "auf einmal habe ich sie auf der Haube gehabt". P. ist überzeugt, dass ihre Kontrahentin von der Seite auf den Wagen gesprungen sein müsse.

"Sie hat sich mit einer Hand festgehalten und mit der anderen gedroht", empört sich die 66-Jährige. Was sie nicht wissen kann: Der Richterin ist jüngst Ähnliches passiert, obgleich ohne familiären Hintergrund. "Da habe ich mich mit beiden Händen festgekrallt", mag Reich die einhändige Version nicht recht glauben.

Angst vor Kontrahentin

Vor allem wundert sie aber eines: "Wieso sind Sie nicht stehen geblieben?" – "Sie ist unberechenbar, ich hatte Angst vor ihr", behauptet die Zweitangeklagte. Aber sie sei ohnehin mit maximal 20 km/h dahingerollt, da die Straße eng sei.

Beim Haus der Familie angekommen, sei S. nach hinten zu den Kindern gestürmt. "Da habe ich sie von hinten gepackt und weggezogen." – "Warum?" – "Ich hatte Angst um die Kinder." Es sei zum Gerangel gekommen, bei dem auch sie sich nur gewehrt habe, dabei sei sie gebissen und ihre Kette zerstört worden.

Irgendwie ist auch die Staatsanwältin mit der Version nicht recht zufrieden. Ob ihr denn nicht bewusst sei, dass man von der Motorhaube rutschen könne und dann möglicherweise überrollt werde, will sie wissen. Die Zweitangeklagte windet sich, gibt das dann jedoch zu. Aber: Sie habe so furchtbare Angst gehabt.

Ehemann mit wackliger Aussage

Der Ehemann beziehungsweise Sohn, der die letzten vier, fünf Meter der Fahrt beobachtet hat, macht von seinem Aussageverweigerungsrecht nicht Gebrauch. Was ihn gefährlich nahe an eine Anzeige wegen falscher Zeugenaussage bringt.

Er sagt, seine damalige Gattin sei auf der Motorhaube gekniet. "Sie hat nicht geschockt gewirkt, sie hatte einen irren Blick." Bei seiner Schilderung der folgenden Auseinandersetzung verweist er auf Erinnerungslücken, behauptet aber, seine Frau habe die Mutter attackiert. Gleichzeitig widerspricht er sich beim Ablauf aber immer wieder.

Besonders überraschend für die Richterin: "Warum haben Sie eigentlich nix gemacht?" – S. schweigt. Die beiden Frauen sind vielleicht 1,60 Meter groß, er einen Kopf größer. Getrennt hat er die beiden dennoch nicht. "Ich habe mir gedacht, dass das keinen recht positiven Effekt haben wird." Auch hier mag es die Anklägerin nicht recht glauben: "Die Situation kann nicht recht bedrohlich gewirkt haben, wenn Sie Ihrer Mutter nicht helfen."

Die Mutter der Erstangeklagten und deren Lebensgefährte stützen wiederum wenig überraschend deren Geschichte.

Verteidiger beantragt Tatrekonstruktion

Der Verteidiger der Schwiegermutter stellt Anträge auf einen Lokalaugenschein und die Tatrekonstruktion mit einem Sachverständigen. Reich appelliert daraufhin an die Angeklagten: "Eine Diversion wurde ja schon einmal angeboten. Sie sind erwachsene Menschen und werden wegen der Kinder zwangsläufig weiter Kontakt haben, da wäre ein außergerichtlicher Tatausgleich vernünftig. Voraussetzung ist aber, dass Sie Verantwortung übernehmen."

Beide beraten sich vor der Tür minutenlang mit ihren Verteidigern. Schon die Erstangeklagte lehnt das Angebot aber ab. Die Kinder seien schwer traumatisiert durch den Vorfall, ein Gericht müsse klären, was passiert sei, erläutert der Rechtsvertreter.

Die Richterin stimmt der Tatrekonstruktion also zu und vertagt auf unbestimmte Zeit. (Michael Möseneder, 8.7.2016)

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