Hoscher zu ORF-Wahl: "Nähe zu Partei kein Disqualifikationsmerkmal"

18. Juli 2016, 13:03
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Stiftungsratsvorsitzender: Nicht in Sphären abgleiten, "die alle Beteiligten und vor allem den ORF selbst beschädigen"

Wien – Drei Wochen sind es noch bis zur Wahl des neuen ORF-Generaldirektors durch den ORF-Stiftungsrat am 9. August. Stiftungsratsvorsitzender Dietmar Hoscher hofft im APA-Interview, dass es in der verbleibenden Zeit bei einem fairen Wettbewerb der Konzepte bleibt und es nicht zur Beschädigung von Kandidaten oder ORF kommt.

Die Arbeit der bisherigen Geschäftsführung beurteilt Hoscher positiv, aber natürlich würden auch die Zukunftskonzepte der Bewerber zu beurteilen sein. Punkto Führung des ORF würde der Stiftungsratsvorsitzende kollegiale Elemente in der Entscheidungsfindung begrüßen, die gesetzlich vorgegebene Alleingeschäftsführung könne dabei aber nicht ausgeblendet werden. Die ORF-Technik hält Hoscher für einen "Kernbereich" des Medienunternehmens ORF.

Nachfolgend das Interview im Wortlaut:

APA: Der ORF-Stiftungsrat bestellt am 9. August einen neuen Generaldirektor für die Geschäftsjahre 2017 bis 2021. Welche Herausforderungen warten auf den neuen ORF-Chef?

Hoscher: Die Herausforderungen waren schon bisher groß und sie werden nicht kleiner werden. Am Markt sind das die fortschreitende Fragmentierung und Digitalisierung, einhergehend mit dem ungleichen Wettbewerb mit den globalen Playern bis zu den deutschen Werbefenstern. Der ORF muss seine starke Position verteidigen und dazu neue Wege beschreiten, Stichwort Distribution und Plattformen. Wir müssen die Finanzierung des ORF sicherstellen und wir haben mit der Standort-Konsolidierung am Küniglberg ein riesiges Projekt zu stemmen, das alle Unternehmensbereiche stark in Anspruch nehmen wird, von der Technik über das Programm, Finanzen, Organisation bis zur Unternehmenskultur.

APA: Bisher haben der amtierende ORF-General Alexander Wrabetz und Finanzdirektor Richard Grasl ihre Bewerbung angekündigt. In der öffentlichen Wahrnehmung herrscht der Eindruck eines Matches zwischen SPÖ und ÖVP. Welche Wahrnehmungen haben Sie von diesem "Wahlkampf"?

Hoscher: Jedes Mitglied des Stiftungsrats ist persönlich hinsichtlich seiner aktienrechtlichen Verpflichtungen gut beraten, den aus seiner Sicht bestgeeigneten Kandidaten beziehungsweise die bestgeeignete Kandidatin zu wählen. Ich hoffe sehr, dass es bei einem fairen Wettbewerb der Konzepte bleibt und nicht in Sphären abgeglitten wird, die alle Beteiligten und vor allem den ORF selbst beschädigen. Lassen Sie mich aber auch klar festhalten, dass eine Nähe zu einer demokratischen Partei, egal zu welcher, wohl auch kein Disqualifikationsmerkmal sein kann. Es als Match zwischen Parteien darzustellen, hieße demnach, den Kandidaten ihre fachliche Eignung abzusprechen.

APA: Unterschiedliche Herangehensweisen der Bewerber gibt es punkto Führung des Unternehmens. Wie ist Ihre Haltung in dieser Frage, soll der ORF von einem allein verantwortlichen Geschäftsführer geführt werden oder kollegial von einem Board?

Hoscher: Im geltenden ORF-Gesetz ist das klar geregelt, es sieht einen Alleingeschäftsführer mit allen Rechten und auch Pflichten vor. Wer immer sich bewirbt, muss diese Verantwortung auch auf sich nehmen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass bisher autokratisch entschieden wurde, im Gegenteil, meinem Eindruck nach gab es bei nahezu allen wichtigen Fragen Konsens innerhalb der ORF-Geschäftsführung. Das schließt aber natürlich nicht aus, dass nach innen, zum Beispiel im Rahmen einer Geschäftsordnung, kollegiale Elemente der Entscheidungsfindung innerhalb der Geschäftsführung auch formal eingeführt und gestärkt werden. Es haben ja auch beide bisher bekannten Kandidaten bereits angekündigt, in diese Richtung Überlegungen anzustellen und das würde ich auch begrüßen. Aber eine Ausblendung gesetzlicher Vorgaben ist nicht möglich.

APA: Von Richard Grasl kennt man inzwischen auch die geplante Geschäftsverteilung. Er möchte die Direktionen stärker in Richtung Kunden und Produkte und weniger in Richtung interne Verwaltung aufstellen. Kaufmännische und Technische Direktion sind nicht mehr vorgesehen. Ein zukunftsweisendes Konzept?

Hoscher: Ich ersuche um Verständnis, dass ich vor dem Hearing keine Details von Konzepten einzelner Bewerberinnen oder Bewerber kommentieren möchte. Aber zum Grundsätzlichen: Die Technik ist ein Kernbereich eines elektronischen Medienunternehmens, das sich vom Selbstverständnis her als Content-Produzent und nicht als Abspielstation sieht. Das betrifft insbesondere den ORF – von der Produktion über die Distribution bis zur IT, gerade in den kommenden Jahren wird die Bedeutung – Stichwort Digitalisierung, Standort-Konsolidierung, Newsroom etc. – sogar noch zunehmen. Hier sehe ich eine der Kernaufgaben und -kompetenzen des ORF. Und was die Finanzen angeht, ist deren Bedeutung für ein Unternehmen dieser Größe und Komplexität ohnehin offensichtlich.

APA: Wie beurteilen Sie die Arbeit der Geschäftsführung seit der vergangenen ORF-Wahl und sehen Sie Gründe für einen Wechsel?

Hoscher: Ich beurteile die Bilanz der auslaufenden Periode durchwegs positiv, sowohl was den Generaldirektor als auch sein Führungsteam betrifft. Der ORF ist programmlich und finanziell gut aufgestellt, es gibt eine vom Stiftungsrat beschlossene Strategie und es ist in den letzten Jahren gelungen, den ORF aus einer breiten, öffentlichen bzw. politischen Debatte weitgehend herauszuhalten. Aber natürlich werden auch die Zukunftskonzepte der Bewerberinnen und Bewerber zu beurteilen sein.

APA: Nach welchen Kriterien werden Sie persönlich Ihre Wahlentscheidung treffen?

Hoscher: Auf Basis meiner Kenntnis der Qualifikation der Bewerber und Bewerberinnen, auf Basis von deren Konzepten für die Zukunft des Unternehmens aber auch auf Basis ihrer persönlichen Wertevorstellungen in Bezug auf den ORF.

APA: Wie wird der Stiftungsrat mit etwaigen Scherz-Bewerbungen umgehen, die "Staatskünstler" haben eine solche ja in den Raum gestellt?

Hoscher: Jedes Mitglied des Stiftungsrats hat das Recht, Bewerber zum Hearing und damit zur Wahl zu nominieren. Ich gehe davon aus, dass dabei rein fachliche Kriterien im Mittelpunkt stehen und nicht ein etwaiger Spaßfaktor. Es geht hier um die Zukunft des ORF und nicht um eine Show. Jedes zu seiner Zeit.

APA: Als Stiftungsratsvorsitzender würde Ihre Stimme bei etwaigen Enthaltungen und Stimmengleichstand quasi doppelt zählen. Werden Sie Ihr Dirimierungsrecht gegebenenfalls nutzen?

Hoscher: Dies kann ich mir gar nicht aussuchen. Kraft Gesetz entscheidet im Falle eines Stimmengleichstands automatisch die Stimme des Vorsitzenden. (APA, 18.7.2016)

  • Dietmar Hoscher hofft auf fairen Wettbewerb der Konzepte.
    foto: apa/robert jaeger

    Dietmar Hoscher hofft auf fairen Wettbewerb der Konzepte.

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